Aurich

Bürgerschaft in Aurich hält gegen feindliche Parolen zusammen

Kim Hüsing
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Von Kim Hüsing
| 08.11.2021 16:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
DIG-Vorsitzender Ulrich Kötting beobachtet eine gefährliche Tendenz in der Bevölkerung, antisemitisches Gedankengut zu verbreiten.
DIG-Vorsitzender Ulrich Kötting beobachtet eine gefährliche Tendenz in der Bevölkerung, antisemitisches Gedankengut zu verbreiten.
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Der Antisemitismus in Deutschland nimmt weiter zu. Anlässlich der Reichspogromnacht nimmt Ulrich Kötting von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft die Auricher Lage in den Blick.

Aurich – Am Dienstag vor 83 Jahren setzten die Nationalsozialisten die Synagoge in Aurich in Brand. Jüdische Männer mussten am 9. November 1938 zusehen, wie ihr Gotteshaus bis auf die Grundmauern niederbrannte. Bei den Novemberpogromen, auch Reichskristallnacht genannt, wurden überall im Reich jüdische Geschäfte angezündet und Juden gedemütigt. In Aurich wurden sie „in Schutzhaft“ genommen und mussten auf dem Sportplatz Erdarbeiten verrichten, wie im Lexikon der Jüdischen Gemeinden zu lesen ist. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Ostfriesland erinnert am Dienstag um 18 Uhr am Gedenkstein am Hohen Wall an die damalige Gewalt. Dabei handelt es sich jedoch auch um eine Mahnung, solche Gräueltaten nie wieder geschehen zu lassen. Denn der Antisemitismus in Deutschland nimmt wieder zu.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung hat im Mai von weit verbreitetem Rassismus und Antisemitismus in Deutschland gesprochen. „20 bis 30 Prozent der Bevölkerung – ein für eine Demokratie unerträglicher Wert“, findet Ulrich Kötting. Auch zu Beginn der Corona-Pandemie zogen vermehrt antisemitische Parolen ihre Kreise. Der Vorsitzende der DIG möchte den sogenannten Querdenkern und Verschwörungstheoretikern nicht „zu viel Ehre erweisen“, doch sieht er die gefährliche Tendenz. „Wenn etwas Unerklärliches passiert, greifen noch immer die alten Muster“, sagt der pensionierte Richter. Er könne nicht nachvollziehen, warum antisemitische Parolen immer wieder aufleben.

Zusammenhalt in Aurich

„Das ist einer der Gründe, warum ich so gerne in Aurich wohne“, sagt Ulrich Kötting. Hier halte die Bürgerschaft zusammen – feindliche Parolen hätten kaum eine Chance. „Wir haben politisch eine sehr anständige Gesellschaft. Da können sich größere Städte eine Scheibe von abschneiden.“ Doch sei das Verständnis füreinander nicht von allein gekommen. „Das gute Miteinander verdanken wir unter anderem meinem Vorgänger“, so Ulrich Kötting.

Von ihm organisierte Reisen nach Israel sowie der Besuch einiger in Aurich geborener Israeliten hätten das Miteinander verstärkt. „Es gibt noch immer freundliche Kontakte. Aber viele der hier Geborenen leben heute nicht mehr“, so der DIG-Vorsitzende. Umso mehr freut es ihn, dass Nachfahren zu Gedenkveranstaltungen nach Aurich kommen.

Schüler verlegen Stolpersteine

Seit 2011 wurden über 400 Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig in Aurich verlegt. Bei der Recherche helfen Konfirmanden und Schüler mit. Eine Bauklasse der Berufsbildenden Schule hat zudem die Berechtigung, einzelne Stolpersteine selbst zu verlegen. „Das macht ihnen eine Riesenfreude“, erzählt Ulrich Kötting. Paten tragen die Kosten für die Steine. Putzpaten kümmern sich darum, dass die Steine nicht zu stark anlaufen oder verdrecken.

„Es waren vor 1938 extrem viele Juden in Aurich sesshaft. Ich habe mal gelesen, Aurich soll prozentual eine der größten jüdischen Kommunen im Reich gewesen sein“, berichtet Ulrich Kötting. Deshalb ist es ihm und seinem Verein so wichtig, an die jüdische Gemeinde zu erinnern. Jedes Jahr werden die Namen der im KZ Getöteten verlesen. „Dort waren sie nur Nummern, wir geben ihnen ihre Identität zurück. Das ist das wenigste, was wir machen können.“

Volkshochschule nimmt Religionsthemen in den Blick

Doch nicht nur die Deutsch-Israelische Gesellschaft bemüht sich das ganze Jahr die Erinnerung aufrecht zu erhalten. Auch die Partnerschaft für Demokratie an der Kreisvolkshochschule nimmt jedes Jahr Kurse und Podien in ihr Programm auf, die sich mit Antisemitismus im weitesten Sinne beschäftigen. Im Schwerpunkt „Zuwanderung begleiten“ fanden dieses Jahr sechs bis acht Veranstaltungen mit einem thematischen Bezug statt, wie Leiter Martin Gohlke berichtet.

„Antisemitismus ist schon immer ein Thema und Teil vieler Projekte“, sagt Martin Gohlke. So spreche man von strukturellem Antisemitismus, sobald gesellschaftliche Konflikte personifiziert werden. Dazu findet bald eine Veranstaltung auf Norderney statt. Die Kita-Leitungen beschäftigen sich in einer Tagung zum Beispiel mit dem Umgang mit Gläubigen anderer Religionen als der eigenen. „Wir greifen Themenfelder auf, die gesellschafts-politisch eine Rolle spielen. Dazu zählt wieder vermehrt der Antisemitismus“, so Gohlkes Einschätzung.

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