Hannover
„Generelle Schulschließungen wird es bei uns nicht mehr geben“
Niedersachsens Kultusminister Tonne wird im Interview deutlich: Die Maskenpflicht bleibt, alle Lehrer sollten ihre Impfungen auffrischen lassen und selbst geimpfte Schüler müssen sich womöglich bald morgens testen.
Herr Kultusminister Tonne, in Nordrhein-Westfalen ist sie aufgehoben, in Schleswig-Holstein auch und in Bremen sowieso: Die Rede ist von der Maskenpflicht im Unterricht. Wann zieht Niedersachsen endlich nach?
Ich verstehe, dass die Maske im Unterricht ein Thema ist, das viele umtreibt. Aber bei uns in Niedersachsen steht nach den wirklich schwierigen Erfahrungen des zurückliegenden Schuljahres die Sicherung des Präsenzunterrichts an erster Stelle.
Handeln die anderen Länder also verantwortungslos?
Das zu bewerten, steht mir nicht zu. Wir sehen aber, dass Bundesländer, die die Maskenpflicht frühzeitig gelockert haben, nun wieder eine Rolle rückwärts machen. Wenn ich mir beispielsweise Bayern anschaue: Dort war die Maske im Unterricht frühzeitig weg und nun sehen wir in Teilen der Altersgruppe von Schülerinnen und Schülern vierstellige Inzidenzwerte. Jetzt wird darüber debattiert, die Maskenpflicht wieder einzuführen. Das kann es auch nicht sein und ich sage auch sehr deutlich: Durchseuchung ist nicht meine Strategie und momentan ist nicht der richtige Zeitpunkt, die Maskenpflicht an den Schulen komplett fallen zu lassen.
Schulkinder unterliegen einer engmaschigen Testpflicht und die älteren Jahrgänge sind mehr und mehr durchgeimpft. Im Restaurant, im Kino oder im Theater kann die Maske am Sitzplatz ab, in den Schulen, außer in den Klassen 1 und 2, aber nicht. Wie passt das zusammen?
Es macht einen wesentlichen Unterschied, ob ich in ein Theater oder zur Schule gehe. Der Theaterbesuch ist freiwillig und ein Freizeitvergnügen, zu dem mich niemand verpflichtet. Der Schulbesuch aber ist nicht freiwillig, sondern verpflichtend. Wir haben in Deutschland eine große Errungenschaft: Die Schulpflicht. Meine Aufgabe ist es, die Gesundheit der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte und Beschäftigten zu schützen und so auch den Präsenzunterricht zu sichern.
Sie hatten ursprünglich geplant, mit Geltung der neuen Corona-Verordnung zum 11. November die Befreiung von der Maskenpflicht im Unterricht auf die Schuljahrgänge 3 und 4 auszuweiten. Bleibt es denn wenigstens dabei?
Das kann ich angesichts der sich wieder verschärfenden Corona-Lage momentan nicht versprechen. Wir werden die Entwicklung weiter stetig beobachten, immer wieder neu bewerten und entsprechend handeln.
Ich fasse also mal mit Blick auf die nächsten Schulwochen bis Weihnachten zusammen: Vielleicht fällt die Maskenpflicht im Unterricht für die Klassen drei und vier bis dahin noch weg, an den weiterführenden Schulen bleibt sie aber wohl bis Weihnachten bestehen.
Bis Weihnachten sind es noch sieben Wochen. Heute ist nicht das Datum, dazu eine Aussage machen zu können. Das wird sich durch die weitere Entwicklung ergeben.
Ganz unrealistisch ist das beschriebene Szenario aber nicht, oder?
Danke für Ihre Hartnäckigkeit, aber es tut mir leid: Das lässt sich momentan wirklich noch nicht sagen. Ich kann Ihnen aber eines sagen: Klares Ziel ist, zurück zur Normalität zu kommen. Und dazu gehört auch, dass im Unterricht keine Maske getragen werden muss. Auch ich möchte so schnell es geht weg von der Maske, aber in einem Tempo, das verantwortbar ist. Als Vater habe ich auch die Erwartungshaltung an Schule, dass meine Kinder bestmöglich geschützt sind. Und diesem Anspruch möchte ich als Kultusminister dieses Landes gerecht werden. Die Maske ist das kleinere Übel zu Quarantäne, Erkrankungen und Schulschließungen.
Schulschließungen sind ein gutes Stichwort: Halten Sie ein erneutes generelles Aus des Schulbetriebs in ganzen Kreisen oder Städten für ausgeschlossen?
Generellen Schulschließungen erteile ich eine ganz klare Absage. Die wird es nicht mehr geben. Unsere Erfahrungen mit flächendeckenden Schulschließungen sind so negativ behaftet, dass wir alles dafür tun müssen, um unsere Schulen offen zu lassen. Dass es in Einzelfällen zu Einschränkungen vor Ort kommen kann, ist möglich, aber wir arbeiten nicht mehr mit generellen Schulschließungen. Das geht nicht mehr.
Ist an den Schulen so etwas wie „2G+“ denkbar? Also müssen geimpfte Schüler sich darauf einstellen, dass auch sie sich morgens irgendwann testen müssen, bevor sie zur Schule gehen?
Diese Debatte müssen wir führen. Allerdings nicht allein als Kultusministerium, sondern generell und gesamtgesellschaftlich. Die aktuelle Einschätzung des Landesgesundheitsamtes ist, dass das anlasslose Testen von vollständig Geimpften keine hinreichende Aussagekraft hat und deswegen nicht erfolgen muss. Ob das angesichts von Impfdurchbrüchen eine These ist, die langfristig Bestand hat, werden wir beobachten müssen. Also: Ich will nicht ausschließen, dass auch geimpfte Schulkinder vor dem Schulbesuch zusätzlich getestet werden müssen. Allerdings entscheiden wir so etwas nicht aus dem Bauch heraus, sondern setzen auf Experten. Und die halten das momentan nicht für notwendig.
Lehrer gehörten mit zu den Ersten, die sich haben impfen lassen. Die Impfquote unter Pädagogen ist hoch, allerdings kommt es auch hier immer mal wieder zu Impfdurchbrüchen. Empfehlen Sie den Lehrern in Niedersachsen eine Booster-Impfung?
Ja, absolut. Wenn die Erkenntnislage so ist, dass es sich nach sechs Monaten empfiehlt, die Impfung aufzufrischen, um einen bestmöglichen Gesundheitsschutz zu haben, dann rate ich allen Lehrerinnen und Lehrern zu einer Booster-Impfung.
Allen, unabhängig vom Alter? Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt Auffrischungsimpfungen ja momentan nur für über 70-Jährige.
Ja, allen. Ich habe wirklich kein Verständnis dafür, dass jetzt schon wieder eine Priorisierungsdebatte geführt wird. Wir haben jetzt genug Impfstoff und deswegen verstehe ich nicht, warum nur ältere Menschen ihren Impfschutz erneuern sollten. Nochmal: Wenn die fachliche Einschätzung lautet, dass Auffrischungen nach sechs Monaten richtig sind, dann gilt das für alle und dann empfehlen wir als Kultusministerium allen Lehrkräften sowie Erzieherinnen und Erziehern, eine solche Booster-Impfung vornehmen zu lassen.
Mal zu einem anderen Thema: Immer öfter ist zu beobachten, dass einige Schüler mit IPads und andere noch mit Block und Stift nebeneinander in ein und derselben Klasse sitzen. Steuern wir auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft an unseren Schulen zu?
Ein solches Bild darf maximal ein Übergang sein. Das Lernen mit digitalen Endgeräten ist nicht ersetzend gedacht, sondern als zusätzliches Instrument. Wenn aber über die Nutzung eines Gerätes als Notizblock hinaus im Unterricht digital gearbeitet wird, muss gewährleistet sein, dass allen entsprechende Endgeräte zur Verfügung stehen. Daran werden auch wir als Kultusministerium weiter arbeiten.
Wie sieht es denn bei Ihren vier schulpflichtigen Kindern aus: Lernen die mit Apps und Computerprogrammen oder herrschen da noch Mappen und Bücher vor?
Da gibt es die komplette Bandbreite. In der Oberstufe geht es eher digital, in der Grundschule natürlich noch vornehmlich analog zu. Der Umgang mit digitalen Endgeräten in der Schule muss zur Normalität werden. Da sind wir auf einem guten Weg und da gilt es, das Tempo beizubehalten.