Osnabrück

Berg- und Talfahrt für Rentner: Erst starkes Plus, dann Nullrunden

Uwe Westdörp
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Von Uwe Westdörp
| 03.11.2021 20:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Senioren in Stendal (Sachsen-Anhalt): Rentnerinnen und Rentner dürfen sich auf eine deutlich steigende Rente freuen. Foto: Jens Wolf/dpa
Senioren in Stendal (Sachsen-Anhalt): Rentnerinnen und Rentner dürfen sich auf eine deutlich steigende Rente freuen. Foto: Jens Wolf/dpa
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Deutlich steigende Renten, stabile Beiträge: Die gesetzliche Rentenversicherung steht trotz der Corona-Krise erstaunlich stabil da. Doch bleibt das auch so?

Noch eine gute Nachricht für die mehr als 20 Millionen Rentnerinnen und Rentner: Nicht nur im kommenden Jahre, sondern auch 2023 dürfen sie mit deutlich steigenden gesetzlichen Renten rechnen. Auf gute Zeiten werden aber auch wieder schlechtere Zeiten folgen, warnt die Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV).

Erst einmal prägen aber Optimismus und Zuversicht die Stimmungslage in der Zentrale in Berlin. Die gesetzliche Rentenversicherung bewähre sich auch in Krisenzeiten als Stabilitätsanker, betont Anja Piel, alternierende Vorsitzende des DRV-Bundesvorstandes. Die Situation ist ihrer Ansicht nach so gut, dass sie zunächst keine größeren Rentenreformen für nötig hält. Wie genau steht es um die gesetzliche Rente? Eine Übersicht.

Rentenanpassungen: Der DRV-Vorstand will sich bislang nicht genau festlegen, weil die Lohnentwicklung des laufenden Jahres noch nicht endgültig eingeschätzt werden kann. Doch geht auch Piel für das kommende Jahr von etwa fünf Prozent Steigerung im Westen und „etwas mehr im Osten“ aus. Laut dem Entwurf des amtlichen Rentenversicherungsberichts 2021 werden die Renten im Juli kommenden Jahres im Westen um 5,2 Prozent und im Osten um 5,9 Prozent steigen. Für 2023 sagen die Rentenschätzer - natürlich unter Vorbehalt - ein weiteres Plus von 4,9 Prozent im Westen und 5,7 Prozent im Osten voraus.

Die deutlichen Anhebungen in den kommenden zwei Jahren sind vor allem eine Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Einbruch in der Corona-Krise, der sich im kommenden Jahr nach derzeitiger Einschätzung der Bundesregierung fortsetzen dürfte. 

Und dann? Danach sind nach den Worten von Piel auch wieder Nullrunden zu erwarten. Sie betont die Anpassungen entwickelten sich in Wellenbewegungen. Das hat nicht nur mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu tun, sondern auch mit den gesetzlichen Mechanismen zur Stabilisierung der Rentenfinanzen, Stichwort demografischer Wandel. Unterm Strich dürfen die Rentner aber bis zum Jahr 2035 mit einer durchschnittlichen Steigerungsrate von nominal 2,3 Prozent rechnen. So sagen es jedenfalls die Rentenschätzer voraus. Das würde bis 2035 letztlich ein Rentenplus von 37 Prozent bedeuten.

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Rentenniveau und Beiträge: Das Sicherungsniveau, welches das Verhältnis von Renten zu Löhnen spiegelt, beträgt derzeit 49,4 Prozent. Laut Piel wird das Nettorentenniveau bis 2023 zunächst auf 50,4 Prozent ansteigen, um dann bis zum Jahr 2035 kontinuierlich auf 45,7 Prozent zu sinken. Der Beitragssatz von 18,6 Prozent wird nach den Worten von Piel bis 2023 voraussichtlich beibehalten werden können und danach bis 2025 auf 19,7 Prozent des sozialversicherungspflichtigen Lohns steigen.

Kassenlage: Die DRV erwartet für das laufenden Jahr Einnahmen in Höhe von 341,1 Milliarde Euro und Ausgaben von 341,6 Milliarden. Damit verbliebe ein kleines Defizit von 0,5 Milliarden Euro, das allerdings - unter anderem bedingt durch den demografischen Wandel - in den kommenden Jahren deutlich steigen dürfte. Dadurch werden die Reserven (aktuell gut 37 Milliarden Euro oder knapp 1,6 Monatsausgaben) nach und nach deutlich sinken, bis laut Piel „voraussichtlich 2024 ein Minimum erreicht ist“. 2025 werden Stabilisierungszahlungen des Bundes einem kurzen Wiederanstieg der Rücklage bewirken. „Danach fällt sie jedoch auf ihre gesetzlich festgelegte Untergrenze von 0,2 Monatsausgaben zurück“, so Piel. Eine derart niedrige Rücklage kritisiert die DRV seit Jahren als kritisch, um jederzeit aus eigener Kraft die Rentenzahlung sicherstellen zu können.

Fazit: „Die Rentenversicherung hat sich auch in der CO VID-19-Pandemie wieder einmal als finanziell äußerst robuste Institution und echter Sicherheitsanker erwiesen“, sagte Anja Piel, die die Gewerkschaften in der Selbstverwaltung der Rentenversicherung vertritt.  Allerdings gibt es Differenzen um den Nachholfaktor. Arbeitgebervertreter Alexander Gunkel, ebenso wie Piel alternierender Vorstandsvorsitzende der DRV, wünscht sich, dass der Mechanismus wieder in Kraft gesetzt wird. Das würde bedeuten, dass Rentenkürzungen, die wegen der Corona-Krise unterblieben sind, um die Rentner vor nominal sinkenden Zahlungen zu schützen, im kommenden Jahr nachgeholt werden müssten. Im Westen gäbe es dann nicht 5,2 Prozent mehr Rente, sondern nur halb so viel, nämlich 2,6 Prozent, rechnete Gunkel vor.

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