Schleswig-Holstein

CDU-Chef: Warum Carsten Linnemann nun Armin Laschet beerben könnte

Miriam Scharlibbe
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Von Miriam Scharlibbe
| 28.10.2021 12:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) und stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, könnte Armin Laschet als Parteichef beerben. Foto: Friso Gentsch
Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) und stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, könnte Armin Laschet als Parteichef beerben. Foto: Friso Gentsch
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Die CDU sucht nach einem Neuanfang und unverbrauchten Führungspersönlichkeiten – dabei rückt mit Carsten Linnemann ein Mann in den Mittelpunkt, der schon seit Jahren auf seinen großen Auftritt lauert.

Es läuft nicht gut für Armin Laschet. Sein Amt als NRW-Ministerpräsident hat er gerade erst niedergelegt. Am Mittwoch soll Hendrik Wüst übernehmen. Außer Laschet selbst, glaubt niemand mehr daran, dass die Ampel-Koalitionsverhandlungen noch scheitern und die Christdemokraten eine Rolle in der neuen Regierung spielen könnten. Und in der CDU sind sich zwar noch nicht alle über das Verfahren einig, sehr wohl aber über eines: die Partei braucht einen neuen Chef.

Ein Neuanfang mit alten Bekannten klappt nicht

Wenn über mögliche Nachfolger Laschets spekuliert wird, fallen die immer selben Namen: Friedrich Merz, Jens Spahn, Norbert Röttgen. Ein Neuanfang mit altbekannten Kandidaten? Dass das funktionieren kann, bezweifeln viele Christdemokraten. Längst wird darüber diskutiert, ob eine einmal verlorene Vorsitzenden-Wahl zum Ausschlusskriterium für eine neue Kandidatur werden könnte. Das würde das Bewerberfeld schnell sortieren und den Blick vollständig freigeben auf einen Mann, der seit Jahren auf seinen großen Auftritt wartet.

Carsten Linnemann, 44 Jahre alt, Buchhändlersohn, Volkswirt und wie manche sagen würden: die große Hoffnung der Union. In seiner ostwestfälischen Heimat ist der Name seit Jahrzehnten bekannt. Das liegt auch, aber nicht nur an dem Mann, der seit 2013 die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) führt.

Bis vor zwei Jahren war der Name Linnemann nicht wegzudenken aus der Fußgängerzone von Paderborn. Über Jahrzehnte war die gleichnamige Buchhandlung eine Institution in dieser nicht zu kleinen und nicht zu großen Stadt mit seinen etwas mehr als 150000 Einwohnern.

Das Regal mit den gelben Reclamheften im Erdgeschoss, die schmale Treppe am Ende, die nach oben führte zu der Welt aus Märchenbüchern und Jugendgeschichten, der mintgrüne, gepunktete Teppich, der Seniorchef, der fast alle Stammkunden persönlich kannte - Generationen von Schulkindern sind mit Linnemanns aufgewachsen. Auch der Politiker Linnemann hat hier gearbeitet. Ein Jahr lang half er nach Abitur und Wehrdienst im elterlichen Betrieb. Dann überließ er die Bücher dem älteren Bruder, entschied sich für das BWL-Studium und für die Politik.

Linnemann selbst spricht selten detailliert über seine Herkunft. Er betont sie, da schon. Die Heimat, traditionelle Werte, Bodenständigkeit. Aber in epischer Breite über Kindheit oder Privatleben sprechen? Das entspricht nicht dem Bild eines Politikers, das Linnemann von sich selbst gerne skizziert. Er ist Profi, durch und durch. Kontrolle ist wichtig.

Bereits seit 2009 sitzt der Paderborner im Bundestag. Er hat sich einen Namen gemacht im Politikbetrieb der Hauptstadt, unter Unternehmern in Nordrhein-Westfalen und immer häufiger auch als wirtschaftsliberale und konservative Stimme in Talkshows. Carsten Linnemann ist Wiederholungstäter bei Markus Lanz. Natürlich mit gesunden Abständen zwischen den Auftritten. Talkshow-König wäre kein Titel, den der Paderborner anstrebt. Aber ab und zu im Fernsehen sein, schadet nicht, wenn man mehr will.

Der 44-Jährige gilt als Politiker der nicht ganz jungen, aber einer durchaus jüngeren Generation, als fachkundiger Gesprächspartner. Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) ist der nach eigenen Angaben größte parteipolitische Wirtschaftsverband in Deutschland und wirbt damit, sich für mehr wirtschaftliche Vernunft einzusetzen. Ein Teil der 25.000 Mitglieder ist zugleich Mitglied bei CDU oder CSU. Das Parteibuch ist aber keine Voraussetzung. Linnemann hat die Organisation bekannter gemacht, als Stimme der Wirtschaft, vielleicht sogar als Stimme jüngerer Unternehmer. 

Linnemann ist kein alter Hase und kein Newcomer

Dabei ist er selbst kein Newcomer mehr, auch kein Mitglied der ersten Reihe seiner Partei. Immerhin: 2018 rückte Linnemann als Stellvertreter in die Spitze der CDU/CSU-Fraktion auf.

Dass jetzt immer häufiger über ihn gesprochen wird, ihm sogar die Parteiführung zugetraut wird, dürfte ihm gut gefallen, aber für ihn selbst nur der logische nächste Schritt sein in der Biographie eines Mannes, der an das alte Leistungsprinzip der Politik glaubt: vom Ortsverein in den Bundesvorstand, von der Jungen Union an die Unions-Spitze, zuerst den Wahlkreis für sich gewinnen, dann die ganze Partei.

Das klingt vertraut, fast ein wenig langweilig, und könnte trotzdem das Neuste sein, was die CDU zu bieten hat. Linnemann gibt denen eine Projektionsfläche, die sich nach einer Rückkehr zu den vermeintlich alten Werten der Partei sehnen.

Er ist konservativ und katholisch. Im Bundestag hat er für Bundeswehreinsätze und gegen die Ehe für alle gestimmt. In dieser Zeit, in der die Spekulationen über ihn immer lauter werden, positioniert er sich mit einer wohl dosierten Kritik am Sondierungspapier der Ampelverhandler und warnt vor einer wachsenden Verschuldung. Linnemann ist nicht unbedingt ein Mann der Mitte, aber er verhält sich gerne ausgewogen. Anzuecken ist nicht seine Priorität. Normalerweise.

Etwas bundesweite Bekanntschaft konnte Linnemann 2019 erzielen, als er öffentlich über eine Migrationsquote für Schulen nachdachte und forderte, dass Imame in Deutschland bitte Deutsch sprechen sollten. Das brachte ihm Interviews ein, Verbündete in der Partei, aber nicht die ganz große Aufmerksamkeit. Wenn Linnemann solche Forderungen aufstellt, gibt er sie gezielt an die Nachrichtenagenturen. Er ruft nicht impulsiv in ein Mikrofon.

Linnemann versteht es, politische Inhalte, die ihm wichtig sind und in denen er sich auskennt, zu unterstreichen. Er achtet darauf, sich im bestmöglichen Licht zu repräsentieren. Das zeigt sich in Kleinigkeiten.

Linnemanns Wahlkreisbüro hat eine für lokale Verhältnisse repräsentativ klingende Adresse: Liboriberg 1. Der heilige Liborius, Bischof von Le Mans, ist der Patron von Linnemanns Heimatstadt. Im Paderborner Dom liegen die Reliquien. Jeden Sommer - außer in Pandemiezeiten - steht die Stadt zum Liborifest Kopf.

Kirche, Kirmes, Traditionen - das ist Paderborn

Es ist ein Spektakel der Traditionen: Gottesdienste, Konzerte, Kirmes und Zuckerwatte, alles hat seinen Platz in der Stadt, die normalerweise nicht für Ekstase bekannt ist. Der Brunnen vor dem Rathaus wird mittels eines riesigen Bierfasses zur Bierquelle umfunktioniert. Das Zapfen übernehmen bekannte Herren der Stadt in traditionellen Kostümen. Die Kirche, die Schützenvereine, die Schausteller, die Einheimischen und die Studenten - alle feiern mit, oder flüchten für zwei Wochen aus der Stadt. In Paderborn gibt es nur schwarz oder weiß, dabei sein oder raus sein.

In den 50 anderen Wochen des Jahres ist der Liboriberg allerdings wenig repräsentativ. Die CDU-Kreisgeschäftsstelle - oder wie man sagt: das „CDU-Center Paderborn“ - liegt unweit der Liborigalerie, einem mittelgroßen, inzwischen nicht mehr sehr neuen Einkaufszentrum, an einer mittelgroßen Hauptstraße, die den inneren Kern der Stadt umschließt.

Zu sehen ist all das auf dem Foto, das Linnemann zur Adresse seines Wahlkreisbüros auf der eigenen Internetseite gestellt hat, nicht. Stattdessen abgebildet: der Marktplatz, 500 Meter entfernt, direkt am Dom, im Fokus der Neptunbrunnen. Das ist nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig.

Linnemann ist ein ausgezeichneter Netzwerker. Das hat ihm auf dem JU-Deutschlandtag in diesem Herbst einigen Jubel eingebracht - und schon vor einigen Jahren die gewachsene Freundschaft mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Dem werden ebenfalls Ambitionen auf den Parteivorsitz nachgesagt. Aber als nicht immer ganz krisenfester Pandemiemanager und Tandempartner von Armin Laschet, hat Spahn auch Schwachstellen. Könnte Linnemann die bessere Partie sein? Konservativer? Fehlerfreier? Unbelasteter?

In dem Fall müsste der Paderborner noch an einem anderen Ostwestfalen vorbei. Ralph Brinkhaus, 53 Jahre alt, gut 50 Kilometer entfernt von Linnemann im Kreis Gütersloh geboren, amtierender CDU-Fraktionschef und ausgezeichneter Redner im Bundestag hat schon gegenüber Armin Laschet deutlich gemacht: so leicht wird er seine Machtposition nicht aufgeben. 

Ein neuer Stil: mehr Politik, weniger Person

In der Partei mehren sich Stimmen, die meinen Partei- und Fraktionsvorsitz gehörten wieder in eine Hand, zumal als möglicher Oppositionsführer. Linnemann müsste sich also eventuell gleich für ein Doppelamt qualifizieren. Ob er das ohne ausgefahrene Ellenbogen, mit seiner tastenden Art und einem noch mittelmäßigen Bekanntheitsgrad schafft, bleibt fraglich. Linnemanns Stil - mehr Politik, weniger Person, gezielte Kritik statt lauter Wutrede - gefällt vielen Parteikollegen, aber ob das ausreicht, um die ganze Partei hinter sich zu versammeln? Diesen Weg einschlagen wird Linnemann nur, wenn er selbst das Risiko kontrollieren kann.

Wie die Beziehung zwischen Armin Laschet und Carsten Linnemann ist, ist übrigens schwer zu sagen. Der Paderborner hat sich ein, zwei Mal verhalten kritisch über den aktuellen Parteichef geäußert. Als Laschet bei einem Besuch in der Nähe von Paderborn vor einigen Jahren nach Hoffnungsträgern in der CDU befragt wurde, reagierte der damals frischgebackene NRW-Ministerpräsident übrigens auffallend belustigt auf den Namen Linnemann. Es war dieses etwas spöttische Laschet-Grinsen, das einen zu der Annahme verleitet, er mache sich über einen bestimmten Gedanken lustig. Aber wie wir in diesem Jahr gelernt haben, rutscht Laschet so ein Lachen manchmal einfach raus.

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