Berlin

Rosa und Blau: Wie ein Comic-Zeichner den Gender-Irrsinn austrickst

Daniel Benedict
|
Von Daniel Benedict
| 27.10.2021 19:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Traum in Rosa: Stammt diese Baustelle nun aus Mawils Jungsbuch oder aus dem Comic „für Mädchen“? Foto: Mawil
Traum in Rosa: Stammt diese Baustelle nun aus Mawils Jungsbuch oder aus dem Comic „für Mädchen“? Foto: Mawil
Artikel teilen:

Der wahre Gender-Irrsinn findet im Kinder-Marketing statt, das für Jungs und Mädchen unterschiedliche Produkte anbietet. Comic-Zeichner Mawil unterläuft die Masche mit zwei Büchern in Rosa und Hellblau. Ein Gespräch.

Markus Witzel alias Mawil gehört zu Deutschlands besten Comic-Zeichnern. Für seine frühen Beziehungsgeschichten hat man ihn als Berliner Woody Allen gefeiert. Sein Mauerfall-Buch „Kinderland“ wurde 2014 als bestes deutsches Comic prämiert. Und zuletzt durfte er - als erster Deutscher überhaupt - einen „Lucky Luke“-Band zeichnen, der den Cowboy zum Radler macht. Vermutlich weil Mawil selbst gern radelt; seine Bücher neigen zum Autobiografischen.

Vor vier Jahren ist der Mittvierziger Vater geworden; jetzt kommen natürlich die Kinderbücher. Eins erzählt von „Power-Prinzessinnen“, das andere von Bauarbeitern. Ausgerechnet hier also verfällt der lustige Selbstbeobachter den Gender-Klischees der Mainstream-Marken? Auf den ersten Blick sieht es so aus, aber auch nur auf den ersten. So erklärt Mawil die Sache selbst:

Mawil, Sie haben zwei Kinder-Comics geschrieben, die - rosa und blau eingebunden - sehr nach Gender-Marketing aussehen. Wie kam es dazu?

Die Bücher sind für Tanten gedacht, die in der Bahnhofsbuchhandlung schnell noch was für ihre Neffen und Nichten suchen. Und die dann zu rosa Prinzessinnen-Büchern greifen oder zu blauen über Bauarbeiter. Es geht mir um Leute, die noch nicht für Gender-Fragen sensibilisiert sind und auf die Klischees reinfallen. Zuhause merken die dann, dass es im Buch anders zugeht.

Tatsächlich sind die Bauarbeiter und Prinzessinnen in den Büchern weit entfernt von allen Geschlechterstereotypen. Die Comics sind sozusagen ein trojanisches Pferd.

Und das hilft auch den armen Buchhändlern. Bei denen tauchen immer noch Menschen auf, die ein „Buch für Mädchen“ brauchen. Die können dann in Zukunft guten Gewissens meins empfehlen. Ich habe aber nicht den hehren Anspruch, groß die Gesellschaft zu verändern. Es macht mir nur Spaß, die Leute lustig zu veräppeln. Auch die aufgeklärten übrigens: Bei Facebook habe ich schon Kritik mit dem Hashtag #RosaHellblauFalle bekommen. Das beantworte ich dann immer mit dem Hashtag #RosaHellblauFürAlle. In meinen Büchern geht alles bunt durcheinander.

Ihre eigenen Kinder sind vier und zwei Jahre alt. Kriegen Sie selbst Gender-Bücher oder -Spielzeug geschenkt?

Unser Umfeld ist da zum Glück schon sensibilisiert. Meine Schwiegermutter zum Beispiel war Lehrerin; die hat eine ganze Sammlung guter Kinderbücher und schenkt sehr interessante Sachen. In der Kita lernt mein Sohn natürlich trotzdem die - na, wie heißen die noch? - diese Ninjago-Ninjas von Lego kennen. Davon hat er sich auch mal ein Buch ausgeliehen, aber dann keinen gefunden, der ihm das vorlesen wollte. Bis er die Oma überrumpelt hat. Am Ende hat die Geschichte weder er noch sie verstanden. Ich vermute, dass die erfolgreichen Firmen 30 Prozent ins Produkt stecken und 70 Prozent ins Marketing. Und so liest sich das dann auch.

Es haben ja übrigens nicht nur unberatene Tanten ein enges Geschlechterbild, sondern oft auch die Kinder selbst - weil sie ihre eigene Rolle gerade definieren. Fühlen Sie sich dem als gender-bewusster Vater gewachsen?

Ich merke das auch, und das wirst du auch nicht ausbremsen können. Was man machen kann: Darauf hinweisen, dass jeder alles darf, wenn er will. Jungs können mädchenhaft sein und andersrum. Alles ist möglich. Dafür kann man Vorbilder schaffen.

Sind Comics besonders anfällig für Geschlechterklischees? Nicht in der Indie-Szene, aber im Mainstream der Superhelden?

Als ich angefangen habe, war das auf jeden Fall so, schon wegen der Autoren. Auf meinen allerersten Comic-Festivals gab es nur Männer und - als einziges Mädchen - Naomi Fearn. Inzwischen gibt es so viele Grafik-Studentinnen und ehemalige Manga-Mädels, dass die Szene sich krass gewandelt hat. Früher habe ich Comic-Workshops gemacht, für die wir dringend Mädchen brauchten - wegen der Fördergelder. Aber dann hat sich nur eins beworben. Inzwischen haben wir Kurse, in denen nur ein Junge sitzt. Ist die Szene im Ganzen anfällig? Ich glaube, da spiegelt sich einfach nur die Gesellschaft wider.

Gibt es im Bereich des Jungs- und Mädchen-Spielzeugs Marken, die Sie nicht mehr sehen können?

Ich würde einfach gern weniger Spielzeug haben. Früher waren Spielsachen teuer. Das, was man sich leisten konnte, hat man viel länger benutzt. Und was man nicht hatte, haben wir uns ausgedacht oder mit Bauklötzen nachgebaut. Heute kriegt man bei jedem Kindergeburtstag zehn neue Sets. Es gibt viel zu viel Zeug. Überall liegt es rum. Und wer es ständig aufheben muss, das bin ich.

Welche Comics - Ihre eigenen mal ausgenommen - taugen als Bettkanten-Geschichte?

Mit meinem Sohn lese ich viel, was ich eigentlich selbst längst lesen wollte. Ich habe mir immer viel französische Comics gekauft, die es nie auf Deutsch geben wird. Leider sprechen weder er noch ich Französisch. Also gucken wir uns zusammen die Bilder an und überlegen, was da gerade passiert. Was kann man allgemein empfehlen? Wir lesen gern „Anna und Froga“, das sind ganz schräge Kindercomics von Anouk Ricard, auf Deutsch erscheinen die bei Reprodukt. Es geht um ein Mädchen und einen Frosch. Auch ganz toll: „Q-R-T“ von Ferdinand Lutz.

Mehr zum Thema

Ähnliche Artikel