Frankfurt am Main
Warum Jasmina Kuhnke die Frankfurter Buchmesse beschädigt hat
Der Kampf gegen rechte Gesinnung ist richtig. Ein Boykott nicht. Warum Jasmina Kuhnke mit ihrem Boykottaufruf der Frankfurter Buchmesse geschadet hat.
Um es gleich klarzustellen: Es ist richtig, gegen die neue Rechte aufzustehen. Es ist geboten, auf Toleranz und Vielfalt zu bestehen, gerade weil sie vom rechten Rand des politischen und publizistischen Spektrums der Gesellschaft offen in Frage gestellt, ihre Verfechter angegangen werden, auch mit Gewalt. Jasmina Kuhnkes Protest gegen die Präsenz des neurechten Jungeuropa-Verlages auf der Buchmesse war richtig, ihr Aufruf zum Boykott war es nicht - und dass nicht nur deshalb, weil Kuhnke als schwarze Autorin gerade mit einem Auftritt in Frankfurt ein Zeichen für Vielfalt hätte setzen können. Hier weiterlesen: Karin Schmidt-Friderichs: Absage von Jasmina Kuhnke bedrückt mich.
Die Logik des Skandals
Wer Skandal ruft, lenkt den Blick auf einen Missstand - und auf sich selbst. Kuhnkes Boykottaufruf folgte einer inzwischen bis zum Überdruss eingespielten Erregungslogik. Aufschrei, Debatte, Twittergewitter, Solidaritätsadressen: Wer Kulturskandale verfolgt, kennt ihre Bewegungsdynamik, weiß, wie sie gemacht werden und wie sehr sie die Aufmerksamkeit binden. Jenseits ihres grellen Scheinwerferkegels bleibt vieles im Dunkeln. In diesem Jahr war es ausgerechnet das, worauf es nach den Corona-Lockdowns angekommen wäre: Eine Buchmesse als Ort von Begegnung und Austausch. Hier weiterlesen: Neue Debatte um Rechte und Rassismus auf der Frankfurter Buchmesse.
Diskurs gegen radikale Ränder
„Re:connect“: Die Überschrift der 73. Frankfurter Buchmesse war eben mehr als nur ein hübsches Marketingmotto. Die Buchmesse sollte wieder sein dürfen, was das große Publikum schmerzlich vermisst hat: eine Plattform für offenen Diskurs. Er ist das beste Mittel gegen radikale Ränder, an dem sich der Jungeuropa-Verlag mit Titeln wie „Kulturrevolution von rechts“ oder „Theorie der Diktatur“ erschreckend offen positioniert. Die Frankfurter Buchmesse muss die Freiheit des Publizierens hochhalten. Diese Freiheit ist ihr Markenkern. Messemacher können nicht zu Gesinnungsprüfern werden, ohne sich selbst in unlösbare Widersprüche zu verstricken.
Charta der Toleranz
Aber es wäre an der Zeit, Verlage, die in Frankfurt präsent sein wollen, auf eine Charta der Toleranz zu verpflichten. Wer die Freiheit des Wortes in Anspruch nimmt, muss diese Freiheit selbst schützen. Respekt ist das Schlüsselwort. Das gilt auch für Jasmina Kuhnke. Sie ist nicht nur selbst in ihrer Tonlage wenig wählerisch, sie hat vor allem Frankfurt zum Skandalschauplatz gemacht. Den Schaden hat die Buchmesse. Und das freie Gespräch.