Osnabrück

Flucht vor den Taliban: „Kann nicht beschreiben, wie sehr ich gelitten habe“

Jana Probst
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Von Jana Probst
| 21.10.2021 11:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Direkt nach ihrer Ankunft in Deutschland: Said Sayedi (r.) mit einer TdH-Mitarbeiterin (l.) sowie Frau und Kindern des TdH-Länderkoordinators für Afghanistan. Foto: Terre des Hommes
Direkt nach ihrer Ankunft in Deutschland: Said Sayedi (r.) mit einer TdH-Mitarbeiterin (l.) sowie Frau und Kindern des TdH-Länderkoordinators für Afghanistan. Foto: Terre des Hommes
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Said Sayedi leitete in Afghanistan eine NGO für Frauenrechte – und bekam dafür Drohungen von den Taliban nach deren Machtübernahme. Dank eines Osnabrücker Hilfswerkes gelang ihm und seiner Familie die Flucht.

Als das Flugzeug Mitte Oktober über Kabul abhob, konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten, erzählt Said Wase Sayedi. Anderthalb Monate liegen hinter ihm, in denen er um seine Sicherheit und die seiner Familie fürchtete. Anderthalb Monate, in denen er versucht hat, sein Heimatland zu verlassen - und immer wieder scheiterte. 

Die radikalislamischen Taliban, die im August die Macht in Afghanistan übernommen haben, kennen seinen Namen und sein Gesicht. Sie haben seine Handynummer, rufen ihn direkt an und versichern ihm, er würde für das bezahlen, was er getan habe. Sie würden ihn finden. 

Diese Geschichte erzählt Sayedi bei einem Videoanruf. Erst vor wenigen Tagen ist er in Leipzig gelandet, mit einem Flug der Initiative Kabul-Luftbrücke von Islamabad, der Hauptstadt Pakistans. Er habe nur wenige Stunden Schlaf gefunden, erzählt er, selbst jetzt, da er sich in Sicherheit weiß. „Ich hatte nie erwartet, jemals in so einer Krise zu stecken“, sagt der 37-Jährige. 

Verbindung nach Deutschland rettete vermutlich sein Leben 

Sayedi ist Geschäftsführer der Women Activities & Social Services Association (WASSA), einer Nichtregierungsorganisation, die sich in Herat, der drittgrößten Stadt Afghanistans, für die Rechte von Frauen und Mädchen eingesetzt hat. Sie wurde kurz nach dem Sturz der Taliban durch die US-Armee im Jahr 2001 gegründet und organisierte Bildungsangebote für Frauen und Mädchen, betrieb einen eigenen Radiosender, Radio Sahar. Seit 2017 war die NGO Partnerorganisation des deutschen Kinderhilfswerkes Terre des Hommes (TdH) mit Sitz in Osnabrück. Diese Verbindung nach Deutschland hat Sayedi, seiner Frau und seinem fünfjährigen Sohn vermutlich das Leben gerettet. 

Schon Anfang Juli habe er bei der Organisation um Hilfe gebeten, weil er sein Leben in Gefahr sah, erinnert sich Sayedi. Ein deutsches Visum habe er zu diesem Zeitpunkt nicht erhalten. Als die Taliban im August eine Provinzhauptstadt nach der anderen unter ihre Gewalt brachten, sei er mit seiner Familie in die afghanische Hauptstadt geflohen. 

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„Ich dachte, die Kämpfe um Kabul würden mindestens ein oder zwei Monate dauern“, sagt er - genug Zeit also, um ein Visum zu beantragen und dann das Land zu verlassen, dachte er. Er habe sich um ein indisches Visum gekümmert, das er innerhalb von 24 Stunden erhalten sollte. Aber noch vor Ablauf dieser Zeit nahmen die Talibankämpfer Kabul eingenommen, erinnert er sich: „Ich fand mich inmitten von Chaos wieder“. 

Im Haus seines Schwagers, wo er mit Frau und Kind untergekommen sei, hätten sie Gewehrschüsse auf der Straße hören können. Von da an hätte keiner von ihnen das Haus mehr verlassen. Der Aktivist schildert, wie er verdächtige Nachrichten und Dateien auf seinem Laptop löschte, seine Accounts auf Twitter, Facebook und Instagram deaktivierte - alles, was den Taliban Aufschluss über seinen Beruf oder seine Verbindungen ins Ausland geben könnte. 

Anderthalb Monate in Kabul untergetaucht 

Weil er Gerüchte gehört habe, dass die Taliban in Wohnhäuser eindrängen und die Bewohner überprüften, habe die Familie noch zweimal innerhalb weniger Wochen ihren Zufluchtsort gewechselt. Nur Joshua Hofert von TdH habe ihren Aufenthaltsort gekannt. „Ich wusste nicht, wem ich trauen konnte“, sagt Sayedi. Nach dem Anruf der Taliban zerstörte er seine SIM-Karte und kommunizierte nur noch über das Handy seiner Frau, schildert er. Er habe sich nicht einmal getraut den Balkon zu betreten, aus Angst von Talibankämpfern erkannt zu werden, die mit Maschinengewehren bewaffnet durch die Stadt patrouilliert seien. 

Freunde rieten ihm sich zum Flughafen zu begeben und dort sein Glück zu versuchen, sagt Sayedi - so wie tausende Andere, die er in den Nachrichten dort in der Gluthitze ausharren sah. „Das war unmöglich“, sagt er. Stündlich sei er in Kontakt mit TdH-Mitarbeiter Hofert gewesen, der von Deutschland aus versuchte, den Partnern des Hilfswerkes eine Ausreise zu ermöglichen. 

Anschläge am Flughafen verhindern seine Evakuierung 

Mehrmals ergatterte er Plätze für die Familie in einem der Busse, mit denen die Amerikaner Menschen zum Flughafen gebracht hätten, sagt Hofert - teilweise wären sie wieder von der Liste gestrichen wurde, ein anderes Mal habe akute Terrorgefahr bestanden.  

„Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich gelitten habe“, berichtet Sayedi von den Tagen nach dem 31. August. Die letzten NATO-Truppen hatten das Land verlassen und ihre Evakuierungen beendet. Nun war auch der Kabuler Flughafen in den Händen der Taliban. „Wir wussten einfach nicht, was passieren würde.“ Seine Tage verbrachte er damit die Nachrichten zu verfolgen und immer wieder Hofert nach Neuigkeiten zu fragen, erinnert sich der Aktivist. Seine Frau und er hätten aufgehört, die Taliban beim Namen zu nennen, weil ihr fünfjähriger Sohn bei dessen Klang vor Angst zu weinen anfing. 

Frau und Kind in Kabul zurücklassen? 

Auf Anraten von Hofert beantragte die Familie Visa für das Nachbarland Pakistan. Die Initiative Kabul-Luftbrücke hatte 100 Plätze in einem Linienflug nach Islamabad reserviert, berichtet TdH-Mitarbeiter Hofert. Einer der wenigen, die hätten starten dürfen, bevor der Flugverkehr von und nach Pakistan eingestellt wurde. Sayedi und seine Frau erhielten es innerhalb von wenigen Tagen, erinnert er sich - nur ihr Sohn nicht, dessen Pass nur noch vier Monate lang gültig war. Er habe vor der Entscheidung gestanden, zu fliegen und Frau und Kind zurückzulassen oder mehrere Wochen in Kabul auszuharren, bis eine Ausreise für seine gesamte Familie auf dem Landweg möglich wäre. 

Auf Drängen seiner Frau und seiner Mutter habe er sich für Ersteres entschieden. Auf dem Weg zum Flughafen, unter Begleitung seines Bruders und seines Schwagers, hätten sie vier Checkpoints der Taliban ohne Probleme passiert, berichtet der 37-Jährige - nur beim fünften, direkt am Flughafen, sei es brenzlig geworden. Letztendlich habe nur eine leere Druckerpatrone die Taliban davon abgelenkt, Fragen zu stellen. 

Den Moment, als er in Islamabad aus dem Flugzeug stieg, beschreibt der Aktivist als einen der schönsten Momente seines Lebens. Vergangene Woche landete er in Leipzig, wo ihn Joshua Hofert in Empfang nahm. Am selben Tag erreichten seine Frau und sein Sohn mit dem Bus Islamabad und werden ihm in der kommenden Wochen nach Deutschland folgen, berichtet Hofert. 

Großteil der Gefährdeten wartet noch auf Ausreisemöglichkeit 

Damit gehören die drei zu den wenigen Menschen, die TdH seit der Machtübernahme der Taliban aus Afghanistan herausholen konnte, sagt Hofert. Insgesamt sechs von ihnen befänden sich in Deutschland, 18 noch in Islamabad. „Wir können unsere Erfolge feiern, aber es ist traurig, dass das erst nach zwei Monaten möglich ist und für eine begrenzte Anzahl an Personen“, zieht er Bilanz. 

Sayedi und seine Familie haben ihre deutschen Visa mittlerweile erhalten, sagt der 37-Jährige. Sie werden bei seinem Bruder in Berlin unterkommen. Von hier aus will Sayedi weiter mit TdH zusammenarbeiten - und sich für die Rechte von Frauen und Kindern einsetzen. 

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