Hamburg

Susanne Stichler: „Ich mag nicht diese belehrende Schule“

Manfred Ertel
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Von Manfred Ertel
| 15.10.2021 11:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Susanne Stichler im NDR-Studio. Foto: Christian Spielmann/NDR
Susanne Stichler im NDR-Studio. Foto: Christian Spielmann/NDR
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NDR-Moderatorin Susanne Stichler über das Nachrichtengeschäft, die neudeutsche Gender-Sprache und ihre Liebe zur Bratsche.

Mit dem Kleidersack in der Hand kommt sie kurz vor ihrem Termin mit Manfred Ertel auf das NDR-Gelände in der Nähe des Tierparks. Nach „NDR-Info“ aus dem Fernsehstudio in Hannover ist vor „Panorama 3“ in Hamburg. Die Journalistin ist da, wo sie ihr Sender mit ihrer Kompetenz, Routine und Ausstrahlung braucht. Und sie mag das, Stress und Herausforderungen. Das ist in dem sehr persönlichen Gespräch deutlich zu spüren, wie auch die Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt. 

Vermissen Sie eigentlich schon Ihre Hamburger Lieblingsbank im Lokstedter Von-Eicken-Park?

Ich habe neulich tatsächlich geguckt, ob sie noch steht. Und es gibt sie noch. Als ich neu war in Hamburg, ein kleines Kind hatte und einen neuen Job, war einer meiner Lieblingsspielplätze in dem Park. Deswegen saß ich da häufiger auf der Bank und habe diese Geschichte mal erzählt. Aber ich habe kein nachhaltiges Verhältnis dazu aufgebaut (lacht). Seit mein Sohn Paul aus dem Spielplatzalter raus ist, bin ich da nicht mehr gewesen.

Als der NDR Ihnen die Hauptnachrichtensendung anbot, haben sich Ihre Erfahrung und Qualifikation gegen Lebensalter durchgesetzt, was in der Lebensphase Ü50 durchaus nicht mehr selbstverständlich ist. Was haben Sie da gefühlt?

Das ist gut erkannt. Ich hatte in anderen Bereichen schon gesehen, dass öfter sehr jung nachbesetzt wurde. Dass der Sender aber so schnell auf die Idee kam, mich zu holen, hat mich sehr gefreut. Dass anerkannt und auch goutiert wurde, dass ich an der Marke NDR Info schon länger mitgearbeitet habe. Das fühlt sich richtig gut an, auch und gerade mit 52. 

Obwohl der neue Sendeplatz Hannover für Sie alle zwei Wochen in doppeltem Sinne loslassen bedeutet, von Ihrem Sohn und von Hamburg. 

Als der Anruf kam, hatte mein Sohn grad zwei Tage vorher das Abitur gemacht und war zu einer Fahrradtour nach Schweden aufgebrochen. Ich selbst hatte gedacht, nach seiner Schulzeit gehe ich erst mal in mich und gucke mal, was für mich so ansteht. Das NDR-Angebot hat mich dann echt erwischt: Einerseits fand ich es großartig, dass die mich fragen, andererseits dachte ich sofort: Kann ich nicht, geht gar nicht. Denn ich wollte ja in Ruhe gucken, was sich in Hamburg entwickelt, wenn ich aus der Erziehungsaufgabe raus bin. Ich habe mich in dieser Situation ehrlich gesagt leicht überfordert gefühlt, das war eine sehr intensive Woche. 

Wer oder was war entscheidend, Ihr Sohn?

Der war in der Wildnis unterwegs und schwer zu erreichen. Er war dann der klarste und sagte sofort: Ist doch super. Der findet die Idee mal alleine zu Hause zu sein sehr verführerisch. Ich habe mit zwei Menschen sehr vertraut gesprochen, um mir den Rat zu holen: mit meinem Bruder und einer sehr guten Freundin. Auch wenn ich zuerst dachte, Hilfe, die nehmen mir mein Hamburg, habe ich dann doch schnell gemerkt, dass ich noch mal eine neue Chance bekomme, mich einzubringen. Ich wechsele mit der Hauptabendsendung des NDR noch einmal die Perspektive, lerne neue Menschen kennen und kriege im Monat zehn Tage Hannover dazu. So fiel es mir am Ende dann doch leicht, mich zu entscheiden. 

Sie werden oft als „das Gesicht“ des NDR bezeichnet. Wie groß ist der Druck angesichts solcher Lobeshymnen?

Als Druck habe ich das nie empfunden. Ich habe es eher als eine Auszeichnung wahrgenommen, dass mich Leute so sehen, obwohl ich nicht zum Beispiel sieben Tage im Vorabend bei „DAS!“ auf dem roten Sofa sitze oder die „NDR Talk Show“ mache. Es freut mich sehr, wenn ich ein Gesicht geworden bin, denn ich habe ja praktisch einen Gemischtwarenladen mit „Panorama 3“, wo ich mich sehr zu Hause fühlte, mit der Aktuell-Sendung, den Brennpunkten oder auch „ARD-extra“ zu Corona, was noch mal eine ganz besondere Erfahrung war.

Der NDR hat erklärt, Sie verbinden als Moderatorin „politische Haltung, Glaubwürdigkeit und Ausstrahlung“. Was haben Sie da gedacht?

Da war ich etwas überfordert. Denn das sind drei Überschriften, die muss man ja erst mal erfüllen. 

Hat es nicht zuletzt im Wahlkampf bisweilen zu viel politische Haltung von manchen Kolleginnen und Kollegen gegeben?

Ich verstehe die Haltung nicht als politische Meinung, sondern als Haltung zu diesem Land, diesem Staat, zu unserer Verfassung mit Offenheit, Vielfalt, Transparenz und demokratischen Werten. Wenn noch eine Sendung mit Haltung in diesem Sinne im Norddeutschen Rundfunk existiert, dann ist das ja „Panorama“, wo ich herkomme. Was ich gar nicht mag, ist für die Zuschauer zu denken, diese belehrende Schule. Wir liefern denen Informationen und Fakten. Denken und sich eine Meinung bilden können die Menschen selbst.  

Andere prominente TV-Kollegen und Kolleginnen wechseln in unterhaltsame News- und Infotainment-Formate der privaten Sender, Sie bleiben dem klassischen Journalismus treu. Warum?

Ich habe anders angefangen und war damals beim Hörfunk in der Infotainment- und Unterhaltungsschiene drin. Schon bei meinem Volontariat in Reutlingen hatte ich einen sehr guten Chefredakteur, der mir sagte: Du bist was für die Nachrichten. Damals wollte ich das gar nicht. Irgendwann habe ich über die ZDF-Boulevard- und Verbrauchersendung „Volle Kanne“ den Wechsel nach Hamburg genutzt, in diese Nachrichtenwelt reinzuwachsen. Heute brauche ich keinen Wechsel zurück, weil ich weiß, wie Infotainment ist. Das Nachrichtengeschäft ist meine Sache.

Hat das noch Konjunktur in Zeiten, in denen der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk aus der rechten Ecke als „Staatsmedium“ und „Lügenpresse“ verunglimpft wird?

Ich glaube umso mehr. Wir brauchen in einer sich immer schneller drehenden und verändernden Welt seriöse und faktenbasierte Nachrichten und Informationen. Dafür stehen die Öffentlich-Rechtlichen, dafür müssen wir werben und kämpfen. Wir müssen offen diskutieren, aber uns auch gegen Fake-News und Verleumdungskampagnen wehren.

Nerven Sie Pannen während einer Sendung?

Nicht so sehr. Ich mag es ehrlich gesagt sogar manchmal, wenn etwas nicht rund läuft und zum Beispiel ein Beitrag nicht kommt. Ich mag es, wenn die Zuschauer mal verstehen, dass nicht alles mit Sagrotan abgewedelt wurde und wenn mal nicht jeder Satz korrekt sitzt. 

Warum verzichtet NDR-Info eigentlich auf die umstrittene neudeutsche Gender-Sprache?

Der NDR hat sich nach langer Diskussion darauf geeinigt, dass wir das Gendern in die Sprache einbauen und beide Geschlechter nennen, aber nicht die Pause sprechen. Also Freunde und Freundinnen zum Beispiel, aber nicht Freund*innen. Ich stelle allerdings fest, dass die junge Generation, zu der auch mein Sohn gehört, plötzlich gendert und man das total übernimmt. Und ich plötzlich im Privaten, weil es einfach schneller geht, mit der Pause spreche. Und es fühlt sich gar nicht mehr komisch an. Aber im NDR würde ich immer dabei bleiben, beide Geschlechter anzusprechen. 

Haben Sie im Hotel in Hannover endlich mehr Zeit, Bratsche zu spielen?

Leider nein, ich kann sie gar nicht mitnehmen. Ich habe mir vorgenommen, mit dem Zug zu fahren und habe mein Fahrrad in Hannover, damit fahre ich dann mit einem Wanderrucksack voll mit meinen Klamotten auf dem Rücken. Da passt dann nichts mehr aufs Rad drauf. Aber es klappt in meinen Hamburger Zeiten ganz gut mit der Musik, da mein Orchester mir Gelegenheit gibt, bei den Proben wieder reinzurutschen.

Wie kommt es zu dieser ausgefallenen Leidenschaft, oder ist das eine Art Yoga mit anderen Mitteln? 

(lacht) Es ist auch ein bisschen Yoga dabei, aber im Ernst: In jungen Jahren bis zu meinem Abitur hatte ich den verwegenen Gedanken, Musik zu studieren und bin da mit der Bratsche relativ weit gekommen. Kurz vor der Musikhochschule habe ich dann aber doch beschlossen, es nicht zu machen, was damals bei meinem Lehrer etwas auf Unverständnis stieß. Das war schon ein Schritt, aber ich habe gemerkt, dass ich in die Welt der Klassik so gut wohl doch nicht reinpasse und immer ein Fremdkörper bleiben würde. Vielleicht war ich auch nicht talentiert genug. 

Und dann?

Dann hat mich ein Kollege aus dem NDR-Justitiariat, der mit dem Cello unterwegs ist, jahrelang bearbeitet, mit in sein Orchester zu kommen. Die proben nicht jede Woche, sondern eher alle drei. Das ist das St. Pauli Kammerorchester der Friedenskirche, ein Begleitorchester eines Kirchenchores, aber sehr ambitioniert. Der Dirigent will es wirklich wissen, wir waren auch schon auf Gastspielreise zum Beispiel in Spanien. 

Warum sprechen Sie eigentlich Schwedisch?

Weil meine Mutter in den sechziger Jahren als Erzieherin zu einer Familie da hoch gegangen ist, um deren Kinder zu beaufsichtigen. Das hat ihr Leben verändert und geprägt. Durch diese Verbindung ist sie in die schwedische Welt eingestiegen und hat sie für immer mit diesem Land verbandelt. Dann hat sie durch einen Zufall auch noch den Bruder meines Vaters kennengelernt, der damals Pfarrer einer deutschen Kirche in Stockholm war. Als ich auf der Welt war, haben wir für den Urlaub ein etwas in die Jahre gekommenes Häuschen mitten im Wald nahe der norwegischen Grenze entdeckt. Das gibt es bis heute. Wir sind in eine Welt eingetaucht, in der es bis 2005 kein Strom, kein Wasser, kein gar nichts gab. Es war das einfachste Leben, was man sich nur vorstellen kann. Aber wir hatten Freiheit pur, mit Freunden, die bis heute eine Art Familie sind. Das ist eine zweite Heimat geworden, die mich sehr geprägt hat.

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