Osnabrück

Monika Helfers „Vati“, der Retter der gefährdeten Bücher

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 14.10.2021 18:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Autorin Monika Helfer steht vor einer Lesung der Autorinnen und Autoren der Shortlist Deutscher Buchpreis 2021 am Literaturhaus Frankfurt. Foto: Sebastian Gollnow/dpa Foto: Sebastian Gollnow
Autorin Monika Helfer steht vor einer Lesung der Autorinnen und Autoren der Shortlist Deutscher Buchpreis 2021 am Literaturhaus Frankfurt. Foto: Sebastian Gollnow/dpa Foto: Sebastian Gollnow
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Welcher Roman wird mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet? Am 18. Oktober 2021 wird der Preis vergeben. Wir stellen die sechs Titel der Shortlist auf den Prüfstand. Heute: Monika Helfers „Vati“.

Wie wird eine Frau Schriftstellerin? In der Erinnerung an einen Vater, der Bücher aus einer Bibliothek rettet, sie wasserdicht verpackt und im Wald unter der Wurzel eines umgestürzten Baums vergräbt. Dort sind die kostbaren Bände, unter ihnen der ganze Immanuel Kant, sicher geborgen. Sie werden aber auch nicht wiedergefunden, bleiben gerettet und verloren zugleich. Ein packendes Bild für Bücher, die stumm bleiben, keine Literatur werden, weil sie niemand lesen kann.

Das verborgene Leben

Die Tochter dieses Vaters ist bei der Waldszene dabei. Sie ist die Autorin, die in diesem Buch jene Familiengeschichte weitererzählt, die sie in dem vor einem Jahr publizierten Roman „Die Bagage“ begonnen hatte. Helfer schreibt von einfachen Leuten und ihren randständigen Schicksalen in einer stillen Welt, die in ihrer Bewegungslosigkeit auch die Welt Adalbert Stifters sein könnte. Menschen leben hier nicht, sie verbergen hier eher ihr Leben. So wie der Vati, der Kriegsheimkehrer und scheiternde Leiter eines Erholungsheimes für Kriegsopfers. Sein verstelltes Leben steht für das Schicksal einer ganzen Generation. Dieser versehrte, schweigsame Mann hat ein Faible für Bücher. Er katalogisiert Bibliotheken, schreibt Texte ab, rettet Bände aus der Bücherei des Erholungsheimes. Dieser Mann kämpft gegen Kulturverlust - oder auch nicht. Denn er liebt die Bücher als Objekte, nicht als Geschichten. Ein Büchernarr als Nichtleser.

Sinn für Zwischentöne

Monika Helfer erzählt in einem Parlando der Schüchternheiten, sie macht Zwischentöne hörbar, markiert jene stillen Umkehrpunkte in Lebensläufen, die gern übersehen werden. Und sie schaltet immer wieder zurück auf die Zeitebene ihres eigenen Lebens und Schreibens, betrachtet ihre unaufgeregte Erinnerungsarbeit von außen mit leiser Skepsis. Helfer gelingt so der Blick auf das meist übersehene Leben, das sich in den unspektakulären Biografien abspielt. Ihr Buch ist ein stilles, aber nachdrückliches Plädoyer dafür, sein Leben zu entwickeln, jene Handlungsräume zu gewinnen, die die Romanfiguren in „Vati“ offensichtlich nicht haben.

Ein zu leichtes Buch?

Der Roman ist trotzdem kein ganz großes Buch. Zu gering scheint sein Erkenntnisgewinn, zu zufällig die Wahl der Protagonisten. Am Ende bleibt die Autorin zu sehr an ihrer eigenen biografischen Spur. Für einen Platz auf der Shortlist ist dieses Buch zu leicht.

Monika Helfer: Vati. Roman Hanser-Verlag. 176 Seiten. 20 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier.

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