Osnabrück
Wölfe in der Großstadt: Jagdverband warnt vor Konflikten mit Raubtier
Die Wölfe rücken der Politik immer mehr auf den Pelz: In Hannover sollen sie in einem Stadtpark gesehen worden sein, in Berlin ist die Ansiedlung im Umland bestätigt. Laut Jagdverband werden Begegnungen mit dem Raubtier bald normal sein, wenn es nicht gezielter bejagt wird.
Der Herbst drückt schwer auf den Hermann-Löns-Park an diesem Nachmittag. Die Bäume scheinen noch nicht ganz gewillt, ihre Blätter fallen zu lassen. Es zeichnet sich aber ab, dass sie auch in diesem Jahr die Auseinandersetzung mit den Jahreszeiten verlieren werden. Spaziergänger hasten durch die künstlich angelegte Auenlandschaft in Hannover.
Ein Rauhaar-Dackel schnuppert an einer Weggabelung. Viel hat das Tier mit seinem Urahn nicht mehr gemein; dem stolzen Wolf - das größte und wohl auch gefürchtetste Raubtier, das in Deutschland (wieder) heimisch ist. Genau in diesem Park, benannt nach dem Heide- und Heimatdichter Herman Löns, sollen an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im Oktober Wölfe gesehen worden sein.
Mitten in Hannover also, gut fünf Kilometer vom Regierungsviertel des Landes Niedersachsen entfernt, wo in den vergangenen Monaten so intensiv über den Umgang mit dem Raubtier gestritten wurde, wie über kaum ein anderes Thema. Nun scheint das Tier die Landeshauptstadt tatsächlich erreicht zu haben.
Also vielleicht. Die Sichtungen sind noch nicht bestätigt. Auch wenn eine Augenzeugin im Gespräch mit der örtlichen „HAZ“ keinen Zweifel daran hatte, was sie nachts in dem Park gesehen haben will: Einen Wolf, der gerade eine erlegte Ente zerrupfte.
Die Landesregierung in Hannover teilte mit: „Vom Niedersächsischen Umweltministerium werden die Sichtungen für grundsätzlich glaubhaft eingestuft. Ob es sich bei den Meldungen aber tatsächlich um einen oder mehrere Wölfe gehandelt hat, ist fraglich.“
Jungtiere auf Reviersuche?
So ein Wolf sei schließlich für Laien von „phänotypisch sehr ähnlichen Tieren“ nur schwer zu unterscheiden. Sprich: Vielleicht war es auch nur ein Hund. Vielleicht aber auch nicht. Helmut Dammann-Tamke jedenfalls hält es für „höchstwahrscheinlich“, dass Jungtiere auf der Suche nach neuen Revieren auch durch Hannovers Parks streifen.
Dammann-Tamke sitzt nicht nur für die CDU im Landtag, er ist auch Vize-Präsident des Deutschen Jagdverbandes und in dieser Funktion mit der Wolfsfrage betraut. Der Verbandsvertreter weiß: Mehr als 30 Wolfsrudel gibt es mittlerweile in Niedersachsen. Der Nachwuchs braucht eigene Reviere, die gefunden werden wollen.
(Weiterlesen: Zahl der Wolfsrudel wieder gestiegen - So viele gibt es mittlerweile)
Dammann-Tamke sagt: „Es ist nicht so wie in den Grimm’schen Märchen, dass Wölfe nur durch finstere Wälder streifen. Die gibt es in unserer Kulturlandschaft ohnehin kaum noch. Angesichts des ungebremsten Wachstums der Wolfspopulation werden Meldungen über Wolfssichtungen in Großstädten künftig häufiger vorkommen.“
In einer anderen Metropole, nämlich der Bundeshauptstadt ist die Wolfsfrage geklärt: Ganz offiziell steht fest, dass sich im Umland von Berlin ein Wolfsrudel niedergelassen hat. Oder wie man es vor Ort sagt: Innerhalb des Autobahnrings, der sich einmal um die Millionenstadt zieht.
Sechs Exemplare sollen es sein, die im Naturschutzgebiet Döberitzer Heide leben, zwei Eltern- und vier Jungtiere. Gerade einmal 30 Kilometer sind es von hier bis zum Alexanderplatz - keine Distanz für einen Wolf. Erst im Mai wurde einer der großen Beutegreifer, so die biologisch korrekte Bezeichnung, in Köln gesichtet.
Bislang beschränkten sich die Sichtungen der Wölfe auf den ländlichen Raum. Sie liefen neben Joggern oder Reitern her, ließen sich teils kaum abschütteln. Eltern waren besorgt, weil Raubtiere in der Nähe von Waldkindergärten gesichtet wurden. Schäfer und Landwirte wissen ohnehin schon länger nicht mehr weiter.
Jedes Jahr werden Tausende Nutztiere in Deutschland gerissen - vor allem Schafe. Aber auch Ponys und Kühe fallen dem Wolf zum Opfer. Zwar wird der finanzielle Schaden zu großen Teilen ersetzt, die psychischen Belastungen empfinden viele Schäfer aber als noch schlimmer.
(Weiterlesen: Das Schreien der Schafe: Wie der Wolf einen Schäfer in die Knie zwingt)
Dammann-Tamke sagt angesichts der Sichtungen in oder bei Großstädten: „Der Wolf ist jetzt nicht mehr nur Thema auf dem Land. Die urbane Bevölkerung wird sich die Frage stellen müssen, ob sie dem Raubtier weiterhin mit größtmöglicher Toleranz begegnen will und kann.“
Der Jäger verweist auf Wildschweine. Die seien ähnlich intelligent wie Wölfe und würden normalerweise die Nähe von Menschen meiden. „Aber in Berlin gehören Wildschweine mittlerweile selbst am helllichten Tag zum Stadtbild. Die Tiere haben gelernt, dass ihnen vom Menschen keine Gefahr droht. Warum sollte dieser Lerneffekt nicht auch beim Wolf eintreten?“
Dammann-Tamke befürwortet schon lange die Bestandsregulierung bei Wölfen; zumindest in den Bundesländern, in denen viele Wölfe leben. Das wären Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, in dessen Mitte Berlin liegt. Doch eine politische Mehrheit war für diese Auffassung bislang nicht zu finden.
Ob sich das mit einer künftigen Ampel-Koalition ändert? Er habe da keine großen Hoffnungen, sagt Dammann-Tamke. Allein die FDP sprach sich in der abgelaufenen Legislatur für einen härteren Umgang mit dem Wolf aus. Grüne und die SPD in Person der zuständigen Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) waren strikt dagegen.
Geht vom Wolf eine Gefahr aus?
Allerdings werde der Druck auf die Politik wachsen, ist der Jagd-Lobbyist sicher. Je häufiger Wölfe in Großstädten gesichtet würden, desto weiter sinke die Akzeptanz des Raubtieres in den urbanen Milieus. Dammann-Tamke warnt: „Es kann niemand garantieren, dass solche Begegnungen auf Dauer friedlich ausgehen. Was, wenn der Wolf den Dackel auf Abendspaziergang als Konkurrent sieht und attackiert?“. Mit dieser Sorge müssten nun auch die Menschen in den Städten zu leben lernen.
Den Rauhaardackel im Hermann-Löns-Park in Hannover stört das alles (noch) nicht. Er schnuppert einstweilen weiter unbehelligt durch den Park, das Herrchen an der Leine hinter sich. Das Umweltministerium hat mittlerweile einen speziell ausgebildeten Spürhund herbeigeschafft. Das Tier kann Wolfslosung erschnüffeln. Einstweilen wurde er im Park nicht fündig.