Berlin

Wenig Geld, wenig Anerkennung: Daran krankt die Pflege in Deutschland

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 12.10.2021 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Pflege stand in der Corona-Pandemie plötzlich im Fokus. Doch die Missstände gab es schon vor der Pandemie, sagt Pflegeratspräsidentin Christine Vogler im Interview. Sie mahnt dringend Reformen an. Foto: Foto: dpa/Jens Kalaene
Die Pflege stand in der Corona-Pandemie plötzlich im Fokus. Doch die Missstände gab es schon vor der Pandemie, sagt Pflegeratspräsidentin Christine Vogler im Interview. Sie mahnt dringend Reformen an. Foto: Foto: dpa/Jens Kalaene
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Mitten in den Sondierungen für eine neue Bundesregierung will die Pflegebranche auf ihren Notstand aufmerksam machen. Pflegeratspräsidentin Christine Vogler erwartet echte Reformen, die ihren Preis haben.

Frau Vogler, im letzten Winter waren Pflegeheime der Hotspot der Corona-Pandemie. Wie wird dieser Winter?

Wir wissen, dass die Ungeimpften jetzt zum Teil schwer erkranken. Deshalb empfehlen wir weiter dringend, sich impfen zu lassen. Wer sich impft, schützt die Pflegenden und die Bewohner in den Pflegeheimen. Der Winter und die prognostizierte nächste Coronawelle kommt auf uns zu - da hilft nur impfen.

Wie hoch ist die Impfquote beim Pflegepersonal? Und haben Sie Verständnis, wenn sich Pfleger und Pflegerinnen nicht impfen lassen?

Aus den Rückmeldungen der Verbände schließen wir, dass wir unter dem Pflegepersonal eine Impfquote von 90 und 100 Prozent haben. Die Quote liegt auf jeden Fall deutlich über der, der Bevölkerung insgesamt. Mit Zwang kommen wir nicht weiter, wir hoffen auf Verständnis und bitten darum, dass jeder sich impfen lässt. So kann jeder dafür sorgen, dass der Personalmangel in der Pflege nicht noch schlimmer wird, da er durch eine Impfung auch Pflegepersonal schützt, diese nicht erkranken und Risiken wie LongCovid ausgesetzt werden. . Weltweit sind laut WHO bis Mai 2021 115.000 Pfleger an Covid 19 gestorben. Wir wollen unbedingt verhindern, dass diese Zahl weiter steigt.

Hat der Applaus für die Pflegenden irgendetwas verändert?

Es würde etwas nutzen, wenn das Klatschen sich fortsetzt in eine gesellschaftliche Diskussion darüber, was uns Pflege eigentlich wert ist und wie wir mit diesem Beruf in der öffentlichen Debatte umgehen. Es wird vorgeschlagen, Langzeitarbeitslose in die Pflege zu stecken, davor waren es Prostituierte und davor waren es die Schlecker-Frauen. Es dient dem Pflegeberuf nicht, wenn immer wieder kolportiert wird, das könnte jeder mal eben so machen. Es ist ein Heilberuf, ein Fachberuf. Ich möchte mal sehen, wie jemand Fachfremdes mal eben zehn demente Heimbewohner angemessen und würdevoll versorgt.

Bis 2030 gehen eine halbe Million Pflegekräfte in Rente und es werden ständig mehr Pflegebedürftige. Was ist zu tun?

Egal ob im Krankenhaus, ob in der ambulanten oder Langzeitpflege: Den pflegerischen Beruf, wie ihn die Pflegefachpersonen gelernt haben, können sie schon jetzt nicht ausüben. Meist reicht die Zeit nur für „Erhaltungspflege“. Gerade in der Langzeitpflege geht es aber nicht nur um die Versorgung von Mobilitätseinschränkungen oder Inkontinenz, sondern um Lebensgestaltung. Das kann aber heute in keiner Weise mehr durchgeführt werden. Es geht nur noch um Versorgung, für Zuwendung bleibt keine Zeit.

Was ist entscheidend, damit sich in den nächsten Jahren mehr Menschen für den Pflegeberuf entscheiden?

Neue Studien konnten belegen, dass die Pflege in punkto Belastung und Verantwortung mit etwa 4000 Euro für eine Vollzeitstelle angemessen honoriert wäre. Wir haben heute eine Spanne, je nachdem wo Pflegende arbeiten, zwischen 2100 und 3700 Euro. Die wenigsten erreichen derzeit die 4000 Euro. Ich habe gerade mit einem 33-jährigen Intensivpfleger gesprochen. Er will gerne eine Familie gründen, aber er weiß nicht, wie er das hinkriegen soll, bei einer Miete von 900 Euro und einem Lohn von 3100 Euro brutto. Und genau darum geht es.

Wie sollen höhere Löhne finanziert werden?

Das muss eine nächste Bundesregierung endlich mal grundsätzlich beantworten. Unser Sozialversicherungssystem reicht im Augenblick nicht aus, um die Pflege besser zu finanzieren. Wir müssen über Steuerzuschüsse nachdenken. Wir haben auch zu viele Krankenhäuser im Land. Wir haben viel mehr Krankenhäuser und viel mehr Behandlungen als in anderen europäischen Ländern. Wir brauchen einen Kassensturz in unserem Gesundheitssystem: Welchen Versorgungsauftrag haben wir und was können wir uns noch leisten? Unser Gesundheitssystem wird teurer werden, und letztlich werden es die Bürger in diesem Land zahlen müssen.

SPD, Grüne und FDP sondieren derzeit eine neue Bundesregierung. Was sind Ihre Erwartungen?

Wir müssen die Pflegenden entlasten und angemessen bezahlen. Und wir müssen ihre Kompetenzen erweitern. Pflegende können derzeit nicht einmal ein Krankenhausbett oder Material für die Wundversorgung verschreiben, das kann nur ein Arzt machen. Wir brauchen eine einheitlich strukturierte Pflegehelferausbildung und wir brauchen Mitsprache der Pflegenden in den Bundesländern und auf der Bundesebene. Die Pflegenden werden bislang systematisch ausgegrenzt, weil es nicht wie anderen Gesundheitsbereichen eine Selbstverwaltung gibt. Das muss sich unbedingt ändern, sonst geht bald niemand mehr in den Pflegeberuf.

Der aktuelle Pflegereport zeigt, dass viele junge Menschen sich vorstellen können, Angehörige zu pflegen. Wird die Pflege zuhause an Bedeutung gewinnen?

Die Pflege zu Hause hat bereits heute eine hohe Bedeutung. Die meisten Pflegebedürftigen werden heute zu Hause von den Angehörigen versorgt. Anders werden wir die pflegerischen Versorgungsbedarfe in Zukunft auch nicht gelöst bekommen. Nachbarschaftshilfe, Familienunterstützung und gute Netzwerke vor Ort werden wir dringend benötigen, um den Pflegebedürftigen morgen gute Unterstützung anbieten zu können.

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