Osnabrück

Kann der Computer Beethovens 10. Sinfonie komponieren?

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 07.10.2021 16:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Verwirrend: So sieht Eine Skizze Ludwig van Beethovens zur 10. Sinfonie aus. Foto: Iris Schröder/dpa
Verwirrend: So sieht Eine Skizze Ludwig van Beethovens zur 10. Sinfonie aus. Foto: Iris Schröder/dpa
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Zur zehnten Sinfonie hat Ludwig van Beethoven nur ein paar Skizzen hinterlassen. Nun sind daraus zwei Sinfoniesätze entstanden - mithilfe von künstlicher Intelligenz. Doch wie klingt das Ergebnis?

Ist der Gedanke nicht beängstigend? Ein Computer komponiert jene zehnte Sinfonie fertig, von der Beethoven nur ein paar flüchtige Skizzen hinterlassen hat - das könnte einen schon frösteln lassen.

Hätte Corona nicht das Beethovenjahr 2020 durchkreuzt, wäre die computergenerierte Zehnte Beethovens bereits vor anderthalb Jahren erstmals erklungen. Dafür gibt es jetzt nicht einen, sondern zwei Sätze der neuen Beethoven-Sinfonie - gut 20 Minuten Musik von Beethoven für ein volles Sinfonieorchester, komponiert vom Computer.

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Das wirft die Frage auf, wann Künstliche Intelligenz (KI) die Macht über die Menschheit übernimmt. Denn mit einem Genie von der Güte Beethovens müssten sich ja noch ganz andere Dinge anstellen lassen, als „nur“ Sinfonien, Klaviersonaten und Streichquartette zu komponieren.

Dafür muss allerdings immer noch der Mensch den Computer mit Musik von Beethoven und Zeitgenossen füttern, damit er die musikalische Sprache lernt. Danach kann die Maschine nicht nur Gedanken reproduzieren, sondern sogar weiterentwickeln. Das ist nicht ganz unwichtig, denn von der Zehnten existieren nur ein paar Skizzen flüchtig aufs Notenpapier gekritzelte Skizzen - daraus eine Sinfonie zu formen, ist so, als müsste man anhand weniger Backsteine einen dreiflügeligen Palast planen und bauen.

Hier kommt der Mensch ins Spiel, in Person des Komponisten Walter Werzowa. Der hat sich vor allem als  Produzent einen Namen gemacht und als Komponist von Werbejingles und Filmmusik. Aber als gebürtiger Wiener trägt er die klassische Musik im Allgemeinen und Beethoven im Speziellen gewissermaßen in den Genen. 

Deshalb weiß er auch, was Beethoven zu Beethoven macht: die gewagten Einfälle, mit denen er die Konventionen seiner Zeit aufgebrochen hat, das Ringen um die einzige, richtige Lösung. Die KI stößt hier an Grenzen: „Sie hat nicht den Überblick über den Großraum, kann nicht die Vogelperspektive einnehmen, die es für das großflächige Format braucht“, sagt Werzowa im Gespräch mit unserer Redaktion. „Da kommt der Mensch hinzu.“ Den Prozess beschreibt er aber als durchaus kreativ: 

Die beiden Sätze, die an diesem Wochenende sowohl in die Plattenläden kommen, als auch vom Bonner Beethovenorchester unter seinem Chef Dirk Kaftan uraufgeführt werden, erinnern in Vielem an Beethoven. Querverweisen legen deutliche Spuren: Durch Scherzo und Finale - komponiert haben Werzowa und der Computer den dritten und vierten Satz - zieht sich das „ta-ta-ta-tah“-Motiv der fünften Sinfonie, es klingt der melancholische zweite Satz der c-Moll-Klaviersonate „Pathetique“ an, es wird ausführlich das Gelegenheitswerk „Gratulations-Menuett“ zitiert.

Wie klingt Beethovens Zehnte?

Tatsächlich haben Werzowa und der Computer den beethoventypischen Furor, den dunklen Grimm des Meisters eingefangen. Auch garantieren Beethovens Keimzellen hohen Wiedererkennungswert für all die, die Beethovens Werk nicht in- und auswendig kennen. Beethoven-typische Melodien setzen sich im Ohr fest. kompliziertere Tonfolgen wie ein Bachchoral in einer der alten Kirchentonarten überraschen.Typisch Beethoven halt, könnte man meinen.

Ganz analog und ohne Computerhilfe hat allerdings der britische Musikwissenschaftler Barry Cooper 1988 mit seiner Rekonstruktion der Zehnten Beethovens Orchesterklang deutlich besser getroffen. Werzowa hingegen erlaubt sich einen eigenen Weg. So gelingen ihm etliche Momente, die den unvoreingenommenen Hörer wie Beethoven vorkommen - in den harschen Gegensätzen zwischen Streichern und Holzbläsern, im Reichtum der melodischen Variationen.

Eigenwillig: Finale mit Orgel

Etwas eigenwillig klingt dagegen der Vierte Satz: Da taucht plötzlich eine Orgel auf. Angeblich soll das den spirituellen Charakter betonen, den Beethoven intendiert haben soll. Gleichzeitig setzt die Orgel eine klangliche Pointe, entsprechend dem Chor, der die Neunte krönt. Merkwürdig bleibt die Sache trotzdem; auf der anderen Seite konnte so der britische Orgelstar Cameron Carpenter in das Projekt integriert werden.

Dessen Prominenz schadet dem Projekt sicher nicht. Andererseits kann er aber auch nicht verdecken, dass der vierte Satz etwas unentschlossen hin und her pendelt, zwischen dem Tschingderassa aus Beethovens seinerzeit berühmtesten, aber keineswegs besten Komposition  „Wellingtons Sieg“ und klanglicher Intimität. Das ist alles ganz hübsch, wenn auch nicht wirklich packend wie der echte Beethoven. Das hat auch niemand beabsichtigt, sagt Werzowa. Vor allem aber müssen wir nicht fürchten, dass  die Künstliche Intelligenz den Geist Beethovens verdrängt oder gar das Ruder unserer Weltgeschicke übernimmt. Beruhigend.

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