Osnabrück

Das Buch mit den Osnabrücker Corona-Geschichten ist jetzt da

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 07.10.2021 11:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Sie initiierten das Projekt „Eine Stadt schreibt ein Buch“: Nicolas Fromm und Bibliotheksdirektorin Martina Dannert. Foto: Hermann Pentermann Foto: HERMANN PENTERMANN
Sie initiierten das Projekt „Eine Stadt schreibt ein Buch“: Nicolas Fromm und Bibliotheksdirektorin Martina Dannert. Foto: Hermann Pentermann Foto: HERMANN PENTERMANN
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488 Geschichten, 307 Seiten: Das Buch mit den Osnabrücker Corona-Texten ist da. Eine Stadt schreibt Tagebuch - ein faszinierendes Erinnerungsprojekt.

„Aber ich war alleine. Es war wie in einem Science-Fiction-Film, so abgeschnitten zu sein. Fort von allem. Fort von Worten und Blicken“. Ein Bericht aus einer anderen Welt? Ein bisschen schon. Martin Kruse lebt in ihr, er lebt vier Wochen in der anderen Welt. Er ist glücklich über eine Stammzellenspende, liegt im Krankenhaus. Dann kommt Corona. Vier Wochen verbringt er in strenger Isolation. Nur ein kleiner Engel gibt ihm Hoffnung. Eine kitschige Story? Nein, ein anrührender Bericht aus der Zeit der Corona-Pandemie. Er findet sich in dem Buch „Eine Stadt schreibt ein Buch“. Am Samstag, 9. Oktober 2021, wird das Buch vorgestellt. „Dann ist Buchtaufe“, sagt Martina Dannert, Direktorin der Stadtbibliothek Osnabrück. Hier weiterlesen: 500 Texte erinnern an Osnabrücker Corona-Erfahrungen.

Vier Wochen Isolation

Vier Wochen in kompletter Isolation, weil nach einer schweren Operation das Immunsystem auf Null heruntergefahren ist - Martin Kruse erzählt eine jener unglaublichen, berührenden, bisweilen auch kuriosen Geschichten, die Corona geschrieben hat. In Osnabrück sind sie gesammelt worden. „Eine Stadt schreibt ein Buch“: Das Projekt, initiiert und finanziert von der FROMM-Stiftung - Institut für kulturelle Leitformen und produziert von der Stadtbibliothek Osnabrück, hat beispielhaften Charakter. Es macht die Erfahrungen von Menschen einer Stadt mit der Pandemie sichtbar - zum Beispiel jene von Neşe Yildiz Kendibaşina, die mit ihrer kleinen Familie in Quarantäne lebt. Mutter, Vater, der kleine Sohn - sie finden einen eigenen Weg, mit der erzwungenen Isolation umzugehen. Hier weiterlesen: Mit dem Osnabrücker Notiz-Klotz durch die Corona-Pandemie.

Spiele am Fenster

Die Städtebotschafterin aus Çanakkale in der Türkei ist glücklich, mit ihrer Familie in Osnabrück zu sein. Dann infiziert sie sich mit Corona. Es beginnt die Zeit der Quarantäne in einer kleinen Wohnung - am Marktplatz, aber ohne Balkon. Wie macht man einem drei Jahre alten Jungen erträglich, dass jetzt alle in der Wohnung eingeschlossen sind? Man spielt „Fensterspiele“, zählt Passanten, beschreibt, was sie tragen, schaut auf die Gäste im Café gegenüber. Ein beeindruckender Text. Nach den Worten von Martina Dannert sind 488 Beiträge von Menschen zwischen fünf und 80 Jahren eingegangen, Bilder, Texte, Gedichte, Interviews, Geschichten, Lieder, Comics, Tagesbuchnotizen. Darunter gibt es auch die witzige Perspektivenumkehr, mit der Flora Rosengarten aus der Sicht eines Mundschutzes schreibt.

Was sagt der Mundschutz?

„Schlimm finde ich es, wenn ich zusammengeknüllt, irgendwo hingesteckt werde. Ich fliege durch Autos oder verirre mich in Hand- und Hosentaschen. Was ich alles schon so gesehen habe“, erzählt der Mundschutz in dem Text, der ein gutes Beispiel für die Bandbreite der Beiträge gibt. Neben ironisch aufgespießten Begebenheiten gibt es nachdenkliche Texte, neben Komik auch Melancholie. Das bei Fromm + Rasch realisierte Buch ist 307 Seiten stark. Zunächst sind den Angaben zufolge 1000 Exemplare gedruckt worden. „Bei Bedarf drucken wir wohl auch nach“, kündigt Martina Dannert an. Das Buch lohnt jedenfalls, auch wegen der Alltagsgeschichten wie jener von Heiner, den die Corona-Isolation vor den Fernseher verbannt.

Auf der Corona-Couch

„Frühstück mit dem Morgenmagazin. Fröhliche Leute. Aber auf Abstand. Saßen weit auseinander. Man hatte sich schon daran gewöhnt. An den Abstand“: So fängt Autorin Iris Foppe eine Alltagsszene ein, in der sich all jene wiederfinden werden, die die Corona-Zeit auf der Couch verbracht haben. Osnabrück und die Pandemie: Die Texte werden auch in drei Folianten gebunden, die die originalen Einreichungen enthalten werden. Sie sollen auch nach der „Buchtaufe“ am 9. Oktober 2021 in einer Ausstellung zu sehen sein. Sie wird für das Publikum vom 11. Bis 30. Oktober 2021 während der Öffnungszeiten der Stadtbibliothek zugänglich sein.

Stadt Osnabrück. Der Oberbürgermeister (Hrsg.): Und dann kam Corona: Über das Leben in schwierigen Zeiten. Eine Stadt schreibt ein Buch. fromm + rasch Verlag. 307 Seiten. 15 Euro. Erhältlich in der Stadtbibliothek. ISBN 978 - 3- 89946 - 315 - 6. 15 Euro.

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