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„Der Druck ist enorm“: So gefährlich ist Instagram für junge Mädchen

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 05.10.2021 17:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Zahlreiche Mädchen posten auf Instagram Bilder ihres Körpers. Foto: Monika Skolimowska/dpa
Zahlreiche Mädchen posten auf Instagram Bilder ihres Körpers. Foto: Monika Skolimowska/dpa
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Glatte Haut, straffe Beine, flacher Bauch: Instagram ist voll von Bildern mit vermeintlich makellosen Körpern. Was machen solche Fotos mit der Psyche junger Mädchen? Die Medienwissenschaftlerin Maya Götz hat Antworten und Tipps für Eltern.

Die Whistleblowerin Frances Haugen erhebt schwere Vorwürfe gegen Facebook. Unter anderem soll das US-Unternehmen Erkenntnisse unter Verschluss halten, die zeigen, dass vor allem Instagram sehr negative psychische Auswirkungen auf Teenager hat. 

Vor allem bei Mädchen verstärke die Plattform die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Das sorge für Essstörungen und Depressionen.

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Tatsachen, die für die Medienwissenschaftlerin Maya Götz nichts Neues sind. Sie ist Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk. Im Interview erklärt Maya Götz, die selbst drei Töchter hat, welche negativen Auswirkungen Instagram auf junge Mädchen hat und was Eltern tun können.

Frau Götz, Facebook-eigene Untersuchungen besagen, dass Instagram bei Mädchen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper verstärkt und zu Depressionen und Essstörungen führt. Überrascht Sie das?

Nein, überhaupt nicht. Das wissen wir doch schon lange. Wer durch Instagram scrollt, denkt: „Boah, bin ich hässlich.“ Zu den negativen Auswirkungen von Instagram auf junge Mädchen gibt es bereits viele wissenschaftliche Studien. Instagram fördert depressive Gedanken und kann der Begleiter in eine Essstörung sein. Mit der MaLisa-Stiftung haben wir zum Beispiel 2017 eine Studie zum Thema „Selbstinszenierung von Influencerinnen auf Instagram und ihre Bedeutung für Mädchen“ herausgebracht.

Was haben Sie herausgefunden?

Wenn Mädchen anfangen zu posten, sind da anfangs noch alberne und spontane Bilder dabei. Stück für Stück vergleichen sich die Mädchen dann mit den bekannten Influencerinnen und fangen an, sich ganz gezielt zu inszenieren. Daraus entsteht dann am Ende eine Art Visitenkarte mit einem veränderten Bild von sich. Zudem spielen Likes und Kommentare eine große Rolle: Sie sind ein regelrechter Kick für das Selbstbewusstsein. Das Problem: Positive Kommentare bekommen vor allem die Bilder, die so aussehen wie von den Profis. Also jene, die verändert und mit Filtern bearbeitet sind.

Welcher Eindruck entsteht dadurch bei den Mädchen?

Habe ich einmal 35 Likes bekommen, sollen es beim nächsten Bild 37 sein. Gibt es vor allem positive Resonanz auf bearbeitete Fotos, heißt das im Umkehrschluss: Mit meinem normalen Körper darf ich mich nicht mehr zeigen, denn der sieht ja gar nicht so aus. Die neue Ästhetik, mit der Mädchen auf Instagram konfrontiert werden, setzt sie unter einen enormen Druck. Gleichzeitig ist es natürlich das soziale Netzwerk, in dem man sich mit seinen Freundinnen und Freunden trifft und sich selber nach der Schule nochmal ganz anders präsentieren kann. Aber es hat perfide Begleiterscheinungen. 

Warum sind gerade Mädchen so gefährdet?

In der Pubertät und Adoleszenz geraten viele Mädchen schnell in eine Lebenskrise. Natürlich gibt es einige, die gefestigt sind und ein positives Körpergefühl haben, aber vielen fehlt die Medienkompetenz und der nötige Abstand. Wir lassen die Mädchen gerade allein. Keiner von den heute Erwachsenen hat den Druck der sozialen Netzwerke erlebt. Wir wollten die Mädchen stark machen, haben sie aber letztendlich zu einer Perfektion erzogen, an der sie schlussendlich zerbrechen müssen. 

Sollten bearbeitete Bilder auf Instagram gekennzeichnet werden?

Das wäre gut, um etwas Distanz zu schaffen. Eine australische Studie hat allerdings gezeigt, dass es den Mädchen ziemlich egal ist und sie eben genauso aussehen möchten wie auf den Bildern der Influencerinnen. Was hilft, ist feministisches Wissen - die Mädchen müssen eine kritische Haltung erlangen. 

Wie kann das gelingen?

Wenn Mädchen in einem Alter sind, in dem sie ihre erotische Attraktivität das erste Mal erfahren, wollen sie sich nicht von Erwachsenen reinreden lassen. Was funktioniert, ist eine kritische Auseinandersetzung mit den Formen von Selbstinszenierung auf Instagram. Die australische Komikerin Celeste Barber zum Beispiel macht das sehr gut, indem sie die typischen Instagram-Posen nachstellt und in einen humoristischen Kontext stellt. In dem Augenblick, in dem man sich lachend damit auseinandersetzt, beginnt ein Reflektionsmechanismus. Und den braucht es.

Auf Instagram gibt es immer wieder Bewegungen wie #bodypositivity oder #instagramvsreality. Sind die hilfreich?

Zu #instagramvsreality gibt es einige Studien, die sagen, dass das zu einem positiveren Gefühl führen kann. Trotzdem heißt das nicht, dass Mädchen automatisch aufhören, ihre eigenen Bilder zu bearbeiten. Wenn Mädchen und Frauen schon ein internalisiertes, sehr schlankes Schönheitsideal haben, können sie die Bodypositivity-Bewegung nicht für sich verwerten. Es entsteht dann eher der Eindruck: „So möchte ich niemals aussehen.“ Ein noch positiv hervorzuhebender Hashtag ist #bodyneutrality. Denn der macht klar: Es geht doch gar nicht um den Körper, das Aussehen ist so ein kleiner Teil von dem, was wir sind. Mädchen und Frauen darauf zu begrenzen, ist falsch. 

Was können Eltern tun?

Ganz wichtig ist es und da müssen Eltern sehr früh ansetzen, sehr reflektiert damit umzugehen, ob sie ihre Tochter für ihr Aussehen loben. Sie sollten sich auch selbst fragen: Wie zufrieden bin ich eigentlich mit meinem Körper und fällt die Antwort nicht positiv aus, sollte das eigene Körpergefühl nicht auf das Kind übertragen werden, denn das kann in eine Krankheit begleiten. 

Welche Eigenschaften sollten stattdessen gestärkt werden?

Jeder Form von Handlung. Zum Beispiel: „Das fand ich toll, dass du da jetzt widersprochen hast.“ Dass sie hinschauen: Was macht diesen Menschen aus? Man kann auch sagen: „Cool, wie du deine Socken kombiniert hast.“ Denn in diesem Fall geht um das Aktive und nicht den Körper, den man bewertet. Außerdem ist es wichtig, immer wieder eine Gegenposition einzunehmen. Die Influencerin Pamela Reif hat zum Beispiel einen Körper, der einer Barbie ähnelt. Also nicht sagen: „So würde ich auch gerne aussehen“, sondern „Ich finde, die ist zu dünn. Ich glaube, die geht abends nicht mit ihren Freundinnen essen.“ Das gleiche gilt, wenn „Germanys Next Topmodel“ läuft. Was hilft, keine depressiven Gedanken von Instagram zu bekomme, ist außerdem, sich zu fragen: Was kostet es, so einen Körper zu haben? Und was könnte man mit der Energie eigentlich stattdessen machen?

Brauchen wir ein Instagram Kids?

Nein, das brauchen wir nicht. Einen Instagram-Zugang sollte es nicht für unter 13-Jährige geben. Um sich in den sozialen Netzwerken sicher bewegen zu können, benötigt man so viel Medienkompetenz, die können Kinder zum Teil noch gar nicht haben. Sowieso muss das Thema Medienkompetenz stärker in der Schule verankert werden, ein idealer Ort dafür wäre auch die freie Mädchenarbeit. 

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