Hamburg
Cold Cases: Warum manche Mörder nie gefasst werden
Wie kann es sein, dass ein Tötungsdelikt zum Cold Case wird, also niemals aufgeklärt werden kann? Und ist es möglich, dass Täter einen Mord sogar verdrängen? Die Forensikerin Nahlah Saimeh gibt im Interview Antworten.
„Jeder kann zum Mörder werden“, sagt Nahlah Saimeh. Sie ist forensische Psychiaterin und beurteilt als Gutachterin, ob Gewalttäter schuldfähig sind - beispielsweise während des Prozesses um das sogenannte „Horrorhaus“ von Höxter, in dem ein Ehepaar mehrere Frauen schwer misshandelte.
Doch was muss passieren, dass ein Mord zum Cold Case wird, der Täter also nicht gefasst wird? Und was bringt Mörder dazu, ihre Tat nach Jahrzehnten doch noch zu gestehen - vielleicht sogar ohne erkennbaren Grund?
Frau Saimeh, es gibt immer wieder sogenannte Cold Cases, also ungeklärte Mordfälle. Doch es gibt auch Menschen, die noch sehr spät eine Tat gestehen, zum Beispiel nach 20 oder 30 Jahren. Was bringt diese Menschen dazu?Das sind sehr individuelle Beweggründe. Es kann sein, dass jemand in einer Lebenskrise ist. In einer Situation, die sich für ihn als Sackgasse anfühlt, und er aufräumen will mit seiner bisherigen Lebensgeschichte und dann eine Tötung gesteht, weil er innerlich das Gefühl hat: „Jetzt geht es einfach nicht mehr weiter.“
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Das heißt, es geht bei diesen Menschen gar nicht um das Geständnis der Tat an sich, sondern darum, dass sie etwas verändern wollen?Das kann ein Beweggrund sein, ja. Es gibt aber auch Menschen, die durch das Delikt jahrelang so belastet sind, dass sie die Tötung irgendwann doch gestehen. Und manchen geht es auch um Geltungsdrang. Darum, dass das Bedürfnis, etwas Ungewöhnliches bekanntzugeben, zu groß wird. Das tun sie in der Regel dann, wenn keine anderen Dinge vom Leben erwartet werden. Außerdem gibt es Menschen, die gestehen Taten, die sie gar nicht begangen haben, und zwar auch aus einer Geltungssucht heraus.
Welche Gründe gibt es noch?Was auch eine Rolle spielen kann, ist beispielsweise eine schwere, lebensverkürzende Erkrankung. Wenn die Täter wissen, dass sie in absehbarer Zeit sterben, dann können sich Gewissensgründe verstärken oder auch vorher gar nicht da gewesene religiöse Motive, im Sinne von: „Ich habe schwer gefehlt und ich möchte bevor ich sterbe reinen Tisch machen.“
Es gibt noch weitere Aspekte. Zum Beispiel, wenn ein anderer, aktueller Fall in der Öffentlichkeit besonders bedeutend ist und sich der Täter in die neue Opferfamilie hineindenkt und emotional für sich eine Verpflichtung erkennt, die vorher nicht da war.Ich habe mal eine ganz ungewöhnliche Geschichte erlebt. Ein Mann ist durch Zufall in eine Verkehrskontrolle gekommen. Er musste pusten und hatte eine hohe Promillezahl. Deshalb hat der Polizist gesagt: „So, die Autoschlüssel geben Sie jetzt hier ab und das Auto lassen Sie stehen.“ Dann ist der Mann nach Hause gegangen und hatte dort aber die Zweitschlüssel. Also hat er entscheiden, sein Auto abzuholen.
Er hat sich reingesetzt, ist losgefahren - und dummerweise wieder auf genau dieselbe Polizeistreife getroffen. Einer der Polizisten hat dann sinngemäß so etwas gesagt, wie: „Das habe ich in zwanzig Jahren noch nie erlebt.“ Woraufhin der Fahrer antwortete: „Ich erzähle Ihnen jetzt mal etwas, das Sie auch noch nicht erlebt haben.“ Dann hat er sich als Mörder einer Frau zu erkennen gegeben. Der Mordfall war bis dahin ein Cold Case gewesen und lag schon mehr als zwanzig Jahre zurück.
Warum hat sich dieser Täter doch noch gestellt?Das war ein Fall von jemandem in einer Krise. Der wusste, dass das Geständnis für ihn eine lebenslange Haft bedeutet - und dadurch eine große Regelmäßigkeit in sein Leben tritt. Das muss man sich bewusstmachen: Eine Haftstrafe ist eine Situation, in der trotz aller Beschränkungen viele Verantwortungen und Widrigkeiten wegfallen. Man führt ein verwaltetes Leben.
Das heißt, er wurde nicht von einem erdrückenden Schuldgefühl zum Geständnis getrieben?Ich hatte in dem Gespräch nicht das Gefühl, dass das der primäre Grund war, nein. Seine Lebenssituation war: eine gescheiterte Ehe, fast gar keinen Kontakt zu den Kindern, eine gescheiterte weitere Beziehung, ein Beruf, der weit unter seinen intellektuellen Fähigkeiten zurücklag. Eine schwierige Biografie. Da war er offensichtlich an einem Punkt, an dem er gesagt hat: „Jetzt will ich nicht mehr.“
Gerade nach so vielen Jahren oder Jahrzehnten sinkt ja auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fall überhaupt noch aufgeklärt wird. Das macht es sicher noch einmal besonderer, wenn jemand spät gesteht, oder?Ja, also in dem Fall des Mannes, der in der Polizeistreife gestanden hat, kann man sicherlich sagen: Da der nicht vorbestraft war und nirgendwo in irgendeiner DNA-Datei auftauchte, hätte man den nie gefunden. Es gab kein Täter-Opfer-Verhältnis. Das war in gewisser Weise ein idealer Mord und - wenn man es mal sehr neutral formuliert - sozusagen ein unnötiges Geständnis.
Neben einer fehlenden Täter-Opfer-Beziehung: Welche Faktoren führen noch dazu, dass eine Aufklärung sehr unwahrscheinlich ist?Wenn es keinerlei Zeugen gibt und dadurch keine potenzielle Täterbeschreibung gegeben werden kann. Wenn sie nicht in einer entsprechenden Straftäterdatei erfasst sind. Wenn sie keine Spuren hinterlassen.
Keine Spuren zu hinterlassen, muss geplant werden. Können auch reine Zufallsmorde ewig ungeklärt bleiben?Es ist ja nun nicht so, dass man ganz zufällig mordet, weil es heute regnet und morgen schneit. Das Töten beschäftigt die potenziellen Täter in ihrer Fantasie. Mal eben so zufällig einen Mord begehen, wie wenn Sie im Supermarkt jemanden in die Hacken fahren, gibt es kaum. Es findet vorher schon eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Tötens statt und es ist eine Faszination für das Töten vorhanden. Und auch die abstrakte Beschäftigung damit und das Sich-Hineindenken: Wie könnte das wohl sein?
Wie geht es Menschen, die eine Tat sehr lange mit sich herumtragen? Können die ein normales Leben führen? Ist es möglich, einen Mord sogar zu verdrängen?Das ist sicherlich immer mal der Fall. Wenn Se mit Menschen über die Tötung sprechen, sagen die im Grunde - wenn sie nicht völlig psychopathisch sind - alle das Gleiche: Dass sie nach der Tötung unglaublich nervös waren, dass sie bei jedem Polizeiwagen, der draußen rumgefahren ist, gedacht haben, dass er wegen ihnen kommt. Dann machen sie aber sukzessive die Erfahrung, dass die Polizei an ihnen vorbeifährt. Dann setzt so etwas wie Erleichterung ein. Und danach kommt das Verdrängen und das Wegschieben. Das Bedürfnis, Stück für Stück wieder in die Normalität hineinzufinden, weil sie ja auch selber mit dem Delikt weiterleben müssen. Die Suche nach dem Normalen ist da.
Bei Cold Cases schwingt oft das Narrativ mit: Wenn wir den Täter nicht finden, dann macht der einfach weiter. Wie wahrscheinlich ist das überhaupt?Wenn wir über Mord sprechen und nicht über Totschlag, muss man unterschiedliche Motive und unterschiedliche Täter-Opfer-Profile untersuchen. Es gibt viele Motive für einen Mord: Zum Beispiel Bereicherung, Eifersucht oder Konkurrenzausschaltung.
Wenn die Täter aber mit ihren Opfern überhaupt nichts zu tun haben und sie einfach umbringen, muss man sich schon fragen, warum sie das tun. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie das tun, weil sie vom Töten in irgendeiner Weise fasziniert sind, ist in diesen Fällen relativ hoch. Ich kenne Menschen, die sagen „Ich wollte das Töten ausprobieren, ich wollte sehen, wie es ist, einen Menschen umzubringen.“ Da geht es um einen Machtkick oder das Erleben von Dominanz. Diese Personen haben eine schwierige Prognose. Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass es früher oder später einen zweiten Mord gibt, in der Tat höher.
Weiterhören: Der Podcast „Die Anhalterin - Wer tötete Ute Werner?“