Osnabrück

Skandal erschüttert Bio-Branche: Warum fiel niemandem etwas auf?

Dirk Fisser
|
Von Dirk Fisser
| 03.10.2021 10:51 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Hat einer der größten Bio-Schweinehalter in Deutschland gegen Bio-Vorgaben verstoßen? Die Ermittlungen dauern an, aber klar scheint zu sein: Kontrollen in der Branche haben versagt. Foto: Friso Gentsch/dpa
Hat einer der größten Bio-Schweinehalter in Deutschland gegen Bio-Vorgaben verstoßen? Die Ermittlungen dauern an, aber klar scheint zu sein: Kontrollen in der Branche haben versagt. Foto: Friso Gentsch/dpa
Artikel teilen:

Bio boomt. Kunden vertrauen den entsprechenden Siegeln und zahlen gerne mehr. Doch ein Skandal erschüttert die Branche und rüttelt genau an diesem Vertrauen. Einblicke in ein System, das offenbar Schwachstellen hat.

Bis zum 5. Mai war die Bio-Welt im Wendland noch in Ordnung. Dann kam die Polizei. Durchsuchung auf dem Eichenhof in Zargleben, einem mehrfach ausgezeichneten Bioland-Vorzeigebetrieb mit einer der größten Bio-Schweinehaltungen Deutschlands. Der Betriebsleiter - ein Pionier der besseren Tierhaltung. Und jetzt im Visier der Staatsanwaltschaft.

Mit 40 Beamten war die Polizei angerückt, um Beweismittel zu sichern. So viel Polizei hatte man hier im Wendland, der Bio-Hochburg Deutschlands, zuletzt bei Castor-Transporten ins nahe gelegene ehemalige Endlager Gorleben gesehen.

Die Staatsanwaltschaft in Oldenburg - zuständig für Agrarkriminalität in Niedersachsen - hatte einen Durchsuchungsbeschluss für den landwirtschaftlichen Betrieb erwirkt. Auf dem Eichenhof soll es über einen längeren Zeitraum, möglicherweise über Jahre hinweg, nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Bio-Vorgaben sollen nicht eingehalten, das Fleisch aber trotzdem als teure Bio-Ware verkauft worden sein.

Es geht um den Verdacht des verbotenen Medikamenteneinsatzes - etwa von Hormon-Präparaten. Es geht um Billigfutter in den Trögen der Schweine statt teurem Öko-Futter. Es geht aber auch um möglicherweise illegale Schweineschlachtungen. Kartonweise wurden Unterlagen sichergestellt, die seit Mai ausgewertet werden. Zunächst hatten die „Elbe-Jeetzel-Zeitung“ und die „Taz“ über die Vorwürfe berichtet. Seitdem sollen weitere Vorwürfe hinzugekommen sein. Die Ermittlungen dauern an, teilt die Staatsanwaltschaft mit.

Der Betrieb ließ eine Anfrage unserer Redaktion unbeantwortet. Der Eichenhof ist mittlerweile insolvent und aus dem Bioland-Verband rausgeworfen worden. „Sofort nach Bestätigung der schwerwiegenden Vorwürfe“, wie der niedersächsische Ableger des größten ökologischen Anbauverbandes in Deutschland auf Anfrage betont.

Ein Whistleblower gab den Hinweis

Offenbar hat man bei Bioland keine Zweifel daran, dass etwas auf dem Eichenhof schiefgelaufen ist. Aber warum fiel das vorher niemandem auf? Branchenkenner und Bio-Bauern wundern sich. Erst ein Whistleblower brachte die Staatsanwaltschaft auf die Spur. Jene und weitere Fragen beantwortet der Verband unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen sowie den Datenschutz nicht.

Gelegenheiten aufmerksam zu werden, hätte es jedenfalls genügend gegeben. 2019 veröffentlichten Tierrechtsaktivisten heimlich gedrehte Videos aus den Ställen im Wendland. Die Bilder zeigten den Umgang mit den Tieren und die Haltungsbedingungen. So trug beispielsweise ein Mitarbeiter ein Schwein an Schwanz und Ohr haltend durch den Stall.

Kontrolleure kamen, hatten aber kaum etwas zu beanstanden. Bioland stellte sich vor den Vorzeigebetrieb. Der Betriebsleiter lud die „Taz“ auf seinen Hof und sagte, man habe nichts zu verbergen. Der Hof galt als entlastet.

Bestätigen sich die Verdachtsmomente, denen die Ermittler aus Oldenburg zwei Jahre später nachgehen, könnte aber schon damals einiges im Argen gelegen haben auf dem Eichenhof. Nach Recherchen unserer Redaktion reichen die Vorwürfe noch weiter zurück als 2019.

So läuft das mit den Kontrollen

Laut Öko-Recht müssen Bio-Bauernhöfe mindestens einmal im Jahr kontrolliert werden. Große Betriebe wie der Eichenhof haben vermutlich mehrmals im Jahr Kontrolleure zu Besuch. Aus Kreisen, die mit dem Fall vertraut sind, heißt es, der mutmaßliche Betrug habe sich schon aus den Unterlagen ergeben. Er hätte den Prüfern also auffallen müssen.

Was also ist schiefgelaufen? Die Kontrollen finden meist mit Ankündigung statt, der Landwirt zahlt dafür. Je nach Größe seines Betriebes zwischen mehreren Hundert und mehreren Tausend Euro. Das Land Niedersachsen bezuschusst die Kontrollkosten mit bis zu 600 Euro - Öko-Landwirtschaft ist politisch gewollt, auch im Agrarland Niedersachsen.

Die Kontrollen nimmt in der Regel nicht der Staat wahr. Die Aufgabe ist übertragen an privatwirtschaftliche sogenannte Kontrollstellen - eine Art Öko-Tüv. Die größte Kontrollstelle im deutschen Bio-Sektor ist ABCert. 

Das Unternehmen aus Baden-Württemberg prüft die Einhaltung des EU-Biostandards, aber auch darüber hinaus gehende Anforderungen etwa für Bioland, Demeter und zig andere. Die Internetseite der Esslinger Firma listet ein buntes Potpourri an Siegeln auf, die man im Auftrag vergibt und überprüft.

Wer kontrolliert wen?

ABCert war auch für den Eichenhof zuständig, hat die Einhaltung der Bio- und der Biolandregeln überprüft. Der Verband und die Kontrollstelle sind personell eng verbandelt. Den Aufsichtsrat der Baden-Württemberger bildet ein Bioland-Bauer aus Baden-Württemberg, der Chef des Bioland-Verbandes in Bayern sowie der Bioland-Präsident auf Bundesebene. Anders gesagt: Die zu kontrollierenden kontrollieren den Kontrolleur.

Im Fall Eichenhof deutet Einiges darauf hin, dass das System versagt hat. Entweder, weil Schwachstellen gezielt ausgenutzt wurden. Oder, weil Prüfer einfach schlechte Arbeit gemacht haben. Oder beides.

ABCert verweist auf Anfrage direkt weiter an das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, kurz Laves. Die Landesbehörde mit Sitz in Oldenburg ist in Niedersachsen sogenannte Ökokontrollbehörde, überwacht in dieser Funktion die Kontrollstellen - und stellt sich seit der Durchsuchung auf dem Eichenhof offenbar ebenfalls die Frage, was da schiefgelaufen ist.

Eigentlich hätten Probleme an das Laves gemeldet werden müssen. Die Landesbediensteten entscheiden dann über mögliche Konsequenzen. Doch in Oldenburg kamen keine Problemmeldungen an. Erst die Staatsanwaltschaft informierte die Behörde über mögliche Missstände im Wendland.

„Kontrollen nicht wirksam“

Beim Laves scheint man deswegen zu der Erkenntnis gelangt zu sein, dass die Prüfer im Fall des Eichenhofs offenbar Teil des Problems waren. Die Behörde teilt unserer Redaktion mit: „Festgestellt wird, dass die schwerwiegenden Verstöße gegen ökorechtliche Vorgaben in der Tierhaltung in den Berichten der Kontrollstelle nicht enthalten sind.“

Das Fazit des Laves lässt wenig Spielraum für Spekulationen: „Bei einer sachgerechten und der Betriebsgröße angemessenen Durchführung der Kontrolle hätten die Verstöße auffallen und dokumentiert werden müssen. Die durch die Kontrollstelle durchgeführten Kontrollen sind daher als nicht wirksam zu beurteilen.“

Aktuell konzentriere sich das Laves darauf, bei der Aufklärung der Vorwürfe gegen den Eichenhof mitzuwirken. „Konsequenzen zur Arbeit der Kontrollstelle sind bislang noch nicht gezogen worden“, heißt es aus Oldenburg. Zudem seien „aufgrund der Feststellungen im konkreten Fall die Schweinehaltung im Bio-Bereich insgesamt in den Fokus genommen worden.“ Was genau das heißt, ob nun etwa die staatlichen Kontrolleure ausrücken, um selbst nachzuschauen, lässt das Laves offen.

Früherer Bio-Bauer verurteilt

Die Ermittlungen rund um den Eichenhof dauern an. Ein Abschluss sei noch nicht abzusehen, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Erst vergangene Woche verurteilte das Landgericht in Schwerin einen ehemaligen Bio-Bauern zu einer Bewährungsstrafe. 

Er hatte Hunderte Schweine als Bio-Tiere verkauft, obwohl die entsprechenden Vorgaben nicht eingehalten worden waren. Die Kontrollen in der Bio-Branche, so befand der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung, waren offenkundig nicht die besten. Möglicherweise wird auch in Niedersachsen alsbald ein Gericht zu diesem Schluss kommen.

Ähnliche Artikel