Badbergen

Herr Tönnies, machen Sie sich in der Schweinekrise die Taschen voll?

| 01.10.2021 11:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Clemens Tönnies fordert die Politik im Interview auf, zügig den Umbau der Tierhaltung in Deutschland in die Wege zu leiten. Foto: Jörn Martens
Clemens Tönnies fordert die Politik im Interview auf, zügig den Umbau der Tierhaltung in Deutschland in die Wege zu leiten. Foto: Jörn Martens
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„Unter Wasser“ - so umschreibt Fleischunternehmer Clemens Tönnies den Zustand seiner Branche. Die Schweinekrise mache allen - vom Bauern bis zum Schlachter - zu schaffen. Tönnies fordert eine Reaktion von der Politik.

Clemens Tönnies hat sich einen besonderen Treffpunkt für das Gespräch ausgesucht: ein Hunderte Jahre altes Artländer Bauernhaus. Das gehört mittlerweile ihm beziehungsweise seinem Konzern. Das Gemäuer sollte eigentlich schon abgetragen und in einem Museum wieder aufgebaut werden, erzählt Tönnies. 

Dann habe seine Frau aber ein Veto eingelegt. Jetzt wird renoviert, das Bauernhaus soll eine Art Empfangsgebäude für den angrenzenden Rinderschlachthof in Badbergen werden, den die Tönnies-Gruppe zu einem der modernsten und größten Rinderschlachthöfe in Europa ausbaut.

Perspektive - darum soll es auch in diesem Gespräch gehen. Jene fehlt vielen Bauern, die nicht mehr wissen, wie es mit ihren Höfen weitergehen soll.

Das Gespräch im Wortlaut:

Herr Tönnies, die Interessenvertretung der Schweinehalter hat diese Woche eine Umfrage unter ihren Mitgliedern vorgestellt: Jeder Zweite will aufgeben. Haben Sie Sorge, dass Ihnen die Bauern und damit auch die Schweine ausgehen?

Wir alle in der Kette, vom Bauern bis zum Schlachter, haben derzeit eine unglaublich schwere Zeit. Wir sind als Branche total unter Wasser. Ich habe so etwas in 50 Jahren noch nicht erlebt. Zwei Seuchen auf einmal machen sowohl Landwirten als auch Schlachtern und Zerlegern zu schaffen. Corona und Afrikanische Schweinepest führen diesen Wirtschaftszweig an den Rand der Belastbarkeit. Doch so eine Krise ist immer auch eine Chance, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Jetzt gilt es, einen Zukunftsplan zu entwickeln. Konzepte dafür sind ja vorhanden. Der wichtigste Baustein ist die Umsetzung des Borchert-Papiers.

Moment! Die Erzeugerpreise, die Landwirte bekommen, sind nachweislich im Keller. Aber die Preise, die die Verbraucher im Supermarkt zahlen, sind stabil. Wie passt das zusammen? Irgendjemand muss sich da doch die Taschen vollmachen.

Wir sind es nicht. Ich habe den Landwirten angeboten, einen unabhängigen Wirtschaftsprüfer in unsere Bücher gucken zu lassen. Der kann dann mal nachrechnen und wird zu dem Ergebnis kommen: Wir gehen auch in dieser Situation fair mit den Landwirten um. Ich möchte aber betonen: Wir alle müssen dafür sorgen, dass die Bauern wieder eine Perspektive sehen. Sonst wird die Tierhaltung hier über kurz oder lang beendet und mit ihr der ganze Wirtschaftszweig.

Wer sind „Wir“?

Damit meine ich den Handel, die Fleischwirtschaft aber auch ganz besonders die Politik. Wenn man sich die Ergebnisse der Umfrage, die Sie genannt haben, ganz genau anschaut, dann macht die wirtschaftlich angespannte Lage den Bauern ganz bestimmt schwer zu schaffen. Aber Grund Nummer eins für die Perspektivlosigkeit ist die politische Unsicherheit. Wir brauchen ein klares Bekenntnis der Politik zur Landwirtschaft in Deutschland. Das fordere ich von den Parteien ein und von der kommenden Bundesregierung, egal, wer sie denn dann bildet. Die Alternative bedeutet den weiteren Abbau der hiesigen Landwirtschaft und die Steigerung von Lebensmittelimporten. Sprich: Jeder Stall, der hier abgerissen wird, wird in Spanien wieder aufgebaut, um den deutschen Verbraucher mit Fleisch zu versorgen. Das kann doch niemand ernsthaft wollen.

(Weiterlesen: Aldi will Tierhaltung verbessern: Meint der Discounter das ernst?)

Ein Bekenntnis ist ja noch keine Garantie für die Zukunft…

Stimmt. Mehr als 10.000 Landwirte beliefern Tönnies. Darunter sind viele junge Bauern mit tollen Ideen. Die wollen weitermachen, die hängen an ihrer Scholle, die wollen ihre Tiere künftig besser halten, aber können es nicht, weil notwendige Umbauten nicht genehmigt werden. Niemand kann ihnen also sagen, wie es weitergeht, wie der Stall der Zukunft denn nun aussehen soll. Die rufen manchmal bei mir an und sagen: „Clemens, was soll ich machen?“

Ja, und was sagen Sie denen?

Es gibt einen Fahrplan, wie der Umbau funktionieren kann! Die Borchert-Kommission hat den im Auftrag der alten Bundesregierung entwickelt: Bis 2040 alle Tiere in Offenställen halten. Wir stehen hinter diesem Ziel. Das muss umgesetzt werden. Aber auch für die anderen Landwirte, die gerade neu gebaut haben und nicht erneut umbauen können, haben wir Tierwohlkonzepte parat.

Das haben die Parteien in der letzten Legislatur auch so gesehen. Sehr umstritten ist die Frage der Finanzierung.

Die Bauern dürfen mit den Umbaukosten nicht alleine gelassen werden. Ich sehe zwei Möglichkeiten: Einmal die Finanzierung über Steuer, beispielsweise eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Aber da gibt es wohl begründete Zweifel, ob das Geld wirklich in der Landwirtschaft landet. Die andere Idee ist der Tierwohlbeitrag, der dann in einen Fonds fließt. Was besser ist? Ich befürworte alles, was die Umsetzung voranbringt! Das Thema ist eigentlich durch, die Medaille ist so oft gedreht worden. Die neue Bundesregierung muss das endlich durchziehen. Wir sind bereit, unseren Beitrag dazu zu leisten.

Sie haben ja eine Tönnies-Stallbaugenossenschaft gegründet, die sogenannte Offenställe gemeinsam mit Landwirten realisiert. Es klappt doch also mit dem Umbau?

Das klappt bei Neubauten einigermaßen. Wir müssen aber die vielen Tausend bestehenden Ställe im Land umbauen. Und da liegen die Probleme: Wer Tiere besser halten will, darf es derzeit nicht. Hier kollidieren Verbraucherwunsch und verwaltungspolitische Realität. Das ist schizophren. Der Widerspruch muss endlich aufgelöst werden.

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