Ihlow
„Ältere müssen Schritt zur Seite treten“
Die 18-jährige Finja Coordes zieht in den Ihlower Rat ein. Sie dürfte in ganz Ostfriesland das jüngste Ratsmitglied sein. Im ON-Gespräch erzählt sie, was sie zur Politik getrieben hat.
Ihlow - Im November konstituiert sich der neu gewählte Ihlower Rat. Die SPD konnte sich mit 16 Sitzen die absolute Mehrheit sichern. Die neue SPD-Fraktion wird nicht nur etwas größer, sie wird auch jünger. Denn neben Hannes Langer (Jahrgang 2000) und André Goldenstein (Jahrgang 1994) zieht auch Finja Coordes für die Sozialdemokraten in den Ihlower Rat ein. Sie wird die wahrscheinlich jüngste Gemeinderätin in Ostfriesland. Denn Coordes hat erst Ende Juli ihren 18. Geburtstag gefeiert. Während ihre Altersgenossen die Ferien im Urlaub oder am Badesee verbrachten, hat Coordes ihren ersten Wahlkampf bestritten. Mit Erfolg: Neben dem Sitz im Gemeinderat konnte Coordes auch in den Ortsrat Riepe einziehen.
„Dieser Mann hat mich ins Herz getroffen“
Aber was bewegt eine junge Frau dazu, sich der SPD anzuschließen und ein Jahr vor dem Abitur in die Kommunalpolitik einzusteigen? Schuld daran ist sei Johann Saathoff, sagt Coordes. Den SPD-Bundestagsabgeordneten, der am vergangenen Sonntag zum dritten Mal mit einem Spitzenergebnis direkt in den Bundestag gewählt worden ist, hat sie 2019 kennengelernt. Es ging damals um die Bewerbung für ein Jahr in den USA mit dem Parlamentarischen Patenschafts-Programm. Am Ende des Verfahrens stand ein Gespräch mit dem hiesigen Abgeordneten auf dem Programm. Damals gab es in Aurich noch keine „Fridays for Future“-Demonstrationen. Saathoff habe sie daher gefragt, warum sie so etwas nicht organisiere. „Dieser Mann hat mich ins Herz getroffen“, sagt Coordes heute. Die Frage habe sie bewegt, während sie in den Vereinigten Staaten war. Nach der Rückkehr stand der Entschluss fest, aktiv zu werden.
Und warum die SPD? „Es gibt keine Wunschpartei“, sagt Finja Coordes. Keine würde den eigenen Vorstellungen komplett entsprechen. Zur Wahl hätten bei ihr auch die Grünen gestanden. „Ich wollte aber neben dem Klimaschutz auch eine größeres Gewicht auf die sozialen Fragen legen.“ Der Weg zu Hannes Langer, Vorsitzender der Jusos in Ihlow, war kurz. Und der Weg in den Rat der Gemeinde offenbar auch. Denn schon bei den ersten virtuellen Sitzungen wurde Finja Coordes gefragt, ob sie sich eine Kandidatur vorstellen könne. Denn es gebe zu wenig Nachwuchs in den politischen Gremien. „Ihr müsst mich aber an die Hand nehmen“, lautete die Antwort. Coordes landete auf Platz 3 der Liste für den Ortsrat Riepe und auf Platz 14 der Liste für den Rat – das reichte aus angesichts des guten Wahlergebnisses der SPD.
„Ältere Politiker sollten einen Schritt zur Seite treten“
Ihr jugendliches Alter und die im Schnitt deutlich älteren Genossen in der Ihlower SPD, passt das zusammen? Es seien alle sehr freundlich zu ihr gewesen, hätten sie gut aufgenommen, sagt Coordes. Dennoch appelliert sie an die altgedienten Politiker, Platz zum machen für die jüngere Generation. Es könnten natürlich nicht alle auf einmal gehen, denn nur jüngere Ratsmitglied ohne jede Erfahrung seien auch keine Lösung. „Aber die Älteren müssen einen Schritt zur Seite treten, um die Jüngeren durchzulassen.“ Coordes freut sich auf die Zusammenarbeit im Rat und vor allem im Ortsrat Riepe. Denn dort ist ihr Lebensmittelpunkt, von dort holt sie noch ihre politischen Themen. Schule, Bildung, Angebote für Jugendliche – das seien ihre Schwerpunkte. Es sei nicht einzusehen, dass der Schulhof der Grundschule Riepe nach Schulschluss nicht betreten werden dürfte. „Dort hängt der beste Korb in Riepe“, sagt die begeisterte Basketballerin. Natürlich gebe es nun die neue Soccerhalle im Ort. „Aber warum ist der Platz nun eingezäunt? Wo ist der Platz für Jugendliche, die einfach nur mal kicken wollen? Als sie kleiner war, habe sie Geburtstage noch in der Kegelbahn in Riepe feiern können. „Jetzt gibt es nicht einmal mehr in Aurich eine Bowlingbahn.“ Die Ideen für ihren Ort sprudeln nur so heraus, wenngleich nicht alles in Riepe beziehungsweise in Ihlow gelöst werden kann. Beispiel Nahverkehr: Für bessere Busverbindungen und preiswerte Ticket muss die Politik mindestens auf Kreisebene tätig werden.
Auch in der Gemeinde sieht Coordes noch einige Aufgaben. Digitalisierung in den Schulen, Neugestaltung des Ihler Meeres oder der Radwegebau: „Ich freu mich drauf.“
Und wie passt das politsche Engagement mit der Schule zusammen? Ausschusssitzungen fangen in Ihlow gerne auch schon um 16 Uhr an. Das könnte zeitlich eng werden für die Schülerin des Ulricianums, die im kommenden Jahr ihr Abitur ablegen will. Noch spannender wird es danach. Denn Finja Coordes würde am liebsten in Osnabrück Jura studieren. Bleibt dann noch Zeit für Kommunalpolitik in Ihlow? Coordes ist zuversichtlich. So weit sei es von Osnabrück aus nun auch wieder nicht nach Ihlow. Das Studium werde sie nicht daran hindern, sich weiter politisch zu engagieren.