Frankfurt (Main)

Schiedsrichter haben Anspruch auf ein Mindestmaß an Respekt

Udo Muras
|
Von Udo Muras
| 29.09.2021 16:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Platzverweis für Mahmoud Dahoud (2. v. r., Borussia Dortmund) durch Schiedsrichter Deniz Aytekin (2. v. l.) im Derby gegen Borussia Mönchengladbach. Foto: imago images/Ulrich Hufnagel
Platzverweis für Mahmoud Dahoud (2. v. r., Borussia Dortmund) durch Schiedsrichter Deniz Aytekin (2. v. l.) im Derby gegen Borussia Mönchengladbach. Foto: imago images/Ulrich Hufnagel
Artikel teilen:

Dass Schiedsrichter und Spieler nicht immer harmonieren, ist im Fußball ganz normal. Respektlos wird es jedoch, wenn die Spielleiter beleidigt oder körperlich angegangen werden. Kolumnist Udo Muras über Anfeindungen auf dem Spielfeld und wieso es früher deutlich schlimmer zuging.

Zu den unverbrüchlichen Fußballweisheiten gehört der Spruch, dass ein Schiedsrichter dann besonders gut war, wenn man ihn gar nicht bemerkt hat. Auf Deniz Aytekin, zweifellos einer der Besten seiner Zunft, traf das am Wochenende nicht zu. Mit der Gestik eines Kapellmeisters, wie es von Dortmunder Seite bespöttelt wurde, leitete er das ohnehin hochbrisante Borussen-Derby nicht gerade lehrbuchmäßig. 

Das fiel mir schon vor dem Platzverweis gegen Mo Dahoud auf und ich fragte mich, was mit dem Fifa-Schiri auf Abschiedstournee - es ist seine letzte Saison - eigentlich los sei. Hinterher hat er es uns erklärt, was schon mal Beifall verdient. Er vermisste ein „Mindestmaß an Respekt“, Abwinken ist in der Tat keine Respektsbekundung. So musste Dahoud dafür büßen, was andere vorher auf Aytekins Mängelliste angesammelt hatten. Menschlich gewiss nachvollziehbar, aber nicht gerade professionell. So wurde ein Spiel entschieden, dabei sollen Schiedsrichter Spiele ja eigentlich nur leiten. 

Kameras und Mikrofone sehen und hören alles

Um nicht missverstanden zu werden: das Abwinken ist eine Unart, die man sich gegenüber Chefs oder Lehrern auch nicht herausnimmt ohne sanktioniert zu werden - weshalb man es für gewöhnlich unterlässt. Zumal Dahoud ein klares Foul begangen hatte. Dass wir nun aber wieder in einer Ära des Schirimobbings leben, kann ich nicht sehen. Ich finde sogar, die Spieler haben Lob verdient dafür wie es im Profifußball mittlerweile zugeht, von den kleinen Betrügereien mal abgesehen. Die Zeiten der Rudelbildung als quasi legitimes Mittel der Meinungsäußerung sind schon länger vorbei. 

Das mag an den verschärften Gesetzen liegen und auch an der allgegenwärtigen Kameraüberwachung, samt VAR. Niemand kann mehr wie einst Mark van Bommel dem Schiri hinter seinem Rücken ungestraft den Stinkearm - eine andere Bezeichnung für die obszöne Geste ist mir nicht geläufig - zeigen. Auch was gerufen wird, ob auf dem Platz oder von den Bänken, wird eins zu eins aufgenommen und weitergeleitet. Ob von Richtmikrofonen, Lippenlesern oder dem Vierten Offiziellen. Heute kriegen sie alle - und das ist auch gut so, so gern wir auch Emotionen haben. Von daher leben die Aytekins dieser Welt in einer fast glücklichen Zeit. 

Früher war doch alles viel schlimmer

Ihre Vorgänger erlebten da ganz andere Dinge. Körperliche Angriffe führten zu den noch immer gültigen monatelangen Rekordsperren. Vor über 50 Jahren für 1860 Münchens Timo Konietzka - Tritt ans Schiribein -, vor 25 gegen Stuttgarts Axel Kruse, der den Unparteiischen ungestüm umriss oder vor zehn Jahren gegen Berlins Levan Kobiashvili, dessen Tätlichkeit allerdings keine Kamera dokumentierte, da sie in den Stadienkatakomben passierte. 

In den Katakomben des alten Dortmunder Stadions Rote Erde spielte 1969 die für mich noch immer ungeheuerlichste Geschichte, als 1860-Torwart Petar Radenkovic in der Halbzeit herumkrakeelte, Walter Horstmann sei besoffen und er deshalb von ihm eine Blutprobe verlangte. Dafür gab es ein paar Ohrenzeugen zu viel und deshalb tat Horstmann ihm glatt den Gefallen, fuhr nach dem Spiel ins Krankenhaus und ließ sich noch gen Mitternacht seine Nüchternheit bescheinigen. Vor Gericht kam deshalb nur der Ankläger. Für DFB-Chefankläger Kindermann war „Radis“ Attacke „das Schlimmste, was mir bisher untergekommen ist“, weshalb drei Spiele Sperre fast noch gnädig waren. Den längerfristigen Schaden hatte Horstmann, da Reporter herausbekamen, dass er vor dem Spiel immerhin einen Underberg gekippt hatte. Irgendwas bleibt halt immer hängen, wenn sie einem was anhängen wollen. 

In jene Epoche fiel auch ein Platzverweis für einen Spieler von Hannover 96, der den Abstand zur Freistoßmauer demonstrativ nachmal und dem Schiedsrichter auch ohne Worte ein schlechtes Augenmaß attestierte. Auch das hatte wenig mit Respekt zu tun. Ehrabschneidendes kam in früheren Zeiten auch von Klubverantwortlichen, Uli Hoeneß war da nicht selten vorne dabei und lehnte so manchen Schiri für Spiele seiner Bayern ab. Daran musste sich der DFB zwar nicht halten, tat es aber klugerweise oft trotzdem - so wie er Markus Merk nach seinem Freistoß 2001 für Bayern nie mehr nach Schalke schickte. All das kommt nicht mehr vor, jedenfalls nicht in der Bundesliga und es müssen auch keine Schiris mehr in Polizeiuniformen verkleidet aus Stadien fliehen. Alles schon mal dagewesen. Der Anspruch auf ein Mindestmaß an Respekt ist deshalb noch lange nicht aus der Mode gekommen. 

Ähnliche Artikel