Osnabrück
Mord im Klosterwald: Das sagen Zeugen beim Prozess gegen Jörg N.
Jörg N. muss sich wegen des mutmaßlichen Mordes an einer 23-Jährigen vor dem Landgericht Osnabrück verantworten. Bereits am zweiten Verhandlungstag zeigt sich jedoch, dass die Erinnerungen der Zeugen sechs Jahre nach der Tat verblasst sind.
Vor ziemlich genau sechs Jahren starb Judith Thijsen im Klosterwald von Loccum. Wer sie umgebracht hat, ist juristisch immer noch nicht geklärt. Im nun mehr dritten Prozess gegen einen angeklagten Emsländer zeigt sich: Die Erinnerung vieler Zeugen verblasst zunehmend. Was bedeutet das für ein mögliches Urteil?
Am zweiten Prozesstag hatte das Gericht eine Reihe von Polizeibeamten als Zeugen geladen. Sie sollten Auskunft über den Verlauf der Ermittlungen geben. Schnell wurde jedoch deutlich: An entscheidende Details können sich selbst die Profis nach sechs Jahren kaum noch erinnern.
Mord während eines Freiganges?
Der Angeklagte Jörg N., ein gebürtiger Emsländer, soll Judith Thijsen im September 2015 auf dem Pilgerweg im Klosterwald attackiert, zu seiner sexuellen Befriedigung gewürgt und getötet haben. Ihre Leiche soll er unter einem Haufen Zweige versteckt haben. Die Tat soll er während eines Freigangs aus dem Maßregelvollzugszentrum Bad Rehburg begangen haben, in dem er zu der Zeit untergebracht war.
Das Landgericht Verden hatte N. in diesem Fall zuerst zu einer langen Haftstrafe verurteilt, dann freigesprochen, nachdem der Bundesgerichtshof das erste Urteil aufhob. Weil auch der Freispruch vor dem BGH keinen Bestand hatte, steht der bereits mehrfach verurteilte Sexualstraftäter in Osnabrück zum dritten Mal vor Gericht. Von Anfang an schwieg er zu den Vorwürfen. Auch im dritten Prozess gegen ihn.
Sah Zeugin das Opfer mit einem anderem Mann?
Am zweiten Verhandlungstag versuchten der Vorsitzende Richter Ingo Frommeyer und N.s Verteidigung Klarheit über mehrere Indizien zu bekommen, die schon in den vorangegangenen Prozessen in Verden im Mittelpunkt standen.
So zum Beispiel die Aussage einer älteren Dame, die Judith an dem Tag, an dem diese vermutlich getötet wurde, auf dem Pilgerpfad gesehen haben will - in Begleitung eines Mannes, bei dem es sich nicht um den Angeklagten gehandelt haben soll. Ein Ermittler der damaligen Mordkommission, der am Dienstag als Zeuge aussagte, erinnerte sich zwar an die Zeugin, nicht aber daran, bei ihrer Vernehmung dabei gewesen zu sein. Wer damals das Protokoll verfasst hat, konnte er nicht sagen.
Hinweis auf Schrammen im Gesicht des Angeklagten
Zudem konnte sich der Polizist nicht erinnern, irgendwelche Hinweise zu der Tat von Mitarbeitern oder Bewohnern des Maßregelvollzugszentrums bekommen zu haben - obwohl er dort bei einer Infoveranstaltung zu dem Fall vortrug, in der Hoffnung Zeugen zu finden. Ein Pfleger der Einrichtung hatte später ausgesagt, dass Jörg N. am Tag von Judiths Tod mit Schrammen im Gesicht von seinem Ausgang zurückgekehrt sei. Wieso diese Information die Polizei nicht erreichte, ist unklar.
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Auch zwei Beamte, die damals den Fundort von Judiths Leiche untersuchten und Beweismaterial sicherten, erinnerten sich nach sechs Jahren kaum noch. Zu dem blau-weißen Kaugummipapier, das in der Nähe der Brille lag und DNA-Spuren des Angeklagten aufwies, kann keiner von beiden eine Aussage machen.
Auch nicht darüber, ob es zu den Kaugummis passt, die Judith wenige Stunden vor ihrem Tod nachweislich in der Drogerie kaufte. Ihr Einkauf befand sich noch in Judiths Auto, das abgeschlossen am Marktplatz in Loccum sichergestellt wurde - nur die Kaugummis fehlten.
Der nächste Verhandlungstag ist für den 22. September geplant.