Medizin

Burlager verbrachte sieben Stunden in der Notaufnahme

Marion Janßen
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Von Marion Janßen
| 21.09.2021 16:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In den Notaufnahmen der Krankenhäuser ist es oft voll. Das bringt manches mal lange Wartezeiten mit sich. Foto: Dittrich/DPA
In den Notaufnahmen der Krankenhäuser ist es oft voll. Das bringt manches mal lange Wartezeiten mit sich. Foto: Dittrich/DPA
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Mit gebrochenem Knöchel wurde ein Burlager um 15 Uhr von seiner Frau ins Klinikum gebracht. Um 22 Uhr war die Diagnose gestellt.

Rhauderfehn/Leer - Sieben Stunden lang war ein Ehepaar aus Burlage in der Notaufnahme des Klinikums Leer. Einen Großteil der Zeit verbrachte es mit Warten - bis die Diagnose am späten Abend endlich feststand und ein Bruch im Fuß behandelt wurde. „Das hat uns schon etwas geschockt. Von anderen Leuten im Wartebereich haben wir gehört, dass das schon seit Jahren normal ist“, sagt Maria Janßen (65), die ihren Mann Hinrikus (71) der sich am Knöchel verletzt hatte, am 8. September in die Notaufnahme gebracht hatte.

Um 15 Uhr kam das Paar im Krankenhaus an. „Die Behandlung mit Röntgen dauerte bis 22 Uhr. Die Diagnose: Knöchelbruch“, erzählt Maria Janßen.

Beurteilung nach Manchester-Triage-System

Sowohl im Klinikum wie im Borromäus-Hospital werden Notfälle nach dem so genannten Manchester-Triage-System eingeschätzt. „Das System ermittelt in Folge dieser Informationen die Dringlichkeit der Behandlung in eine der fünf Stufen – von lebensbedrohlich (rot) bis nicht dringend (blau)“, erklärt Tina Schmidt, Sprecherin des Klinikums. Indikatoren seien dabei unter anderem Lebensgefahr, Schmerzen, Blutverlust, Temperatur und ähnliches. Patienten der roten Kategorie würden sofort behandelt, die in orangener Kategorie hätten nach zehn Minuten den ersten Arztkontakt. „Etwa zehn Prozent der Fälle in der Notfallambulanz werden in der blauen Triage-Stufe eingestuft“, so Schmidt. Diese könnten eine Wartezeit von bis zu 120 Minuten bis zum ersten Arztkontakt haben.

Maria und Hinrikus Janßen warteten allerdings um einiges länger: Nachdem sie um 15 Uhr beim Krankenhaus ankamen, seien zwar um 16.30 Uhr die Personalien aufgenommen worden, so Maria Janßen. „Danach hieß es aber wieder warten. Erst um 18.45 Uhr wurde mein Mann in den Behandlungsbereich aufgerufen.“ Also dreidreiviertel Stunden später. Das ist fast das Doppelte von dem, was das Krankenhaus als „zumutbare Wartezeit“ angibt, die sich aus der Priorisierung in die blaue Stufe ergibt.

Personalbedarf schwierig planbar

„Die anschließende Behandlung mit Röntgen dauerte bis 22 Uhr“, erzählt Maria Janßen weiter. „Er hat also insgesamt sieben Stunden mit dem Bruch gewartet, ohne die Möglichkeit, das Bein hochzulegen. Entsprechend geschwollen und blau war der Fuß.“

Ein Fuß in Gips ist kein Spaß. Wenn es bis zur Behandlung des Bruchs Stunden dauert, ist das für den Patienten sehr ärgerlich und unter Umständen schmerzhaft. Foto: Adobe Stock/chaoss
Ein Fuß in Gips ist kein Spaß. Wenn es bis zur Behandlung des Bruchs Stunden dauert, ist das für den Patienten sehr ärgerlich und unter Umständen schmerzhaft. Foto: Adobe Stock/chaoss

Klinikum-Sprecherin Tina Schmidt wirbt um Verständnis: „In einer Notaufnahme ist der Personalbedarf grundsätzlich schwieriger planbar, da es immer wieder zu unvorhersehbaren Ereignissen kommen kann. Ist beispielsweise eine Notoperation erforderlich, sind Fachärzte hier zeitlich gebunden, was dann schließlich in der Notaufnahme zu längeren Wartezeiten bei niedrig kategorisierten Patienten führen kann.“

Täglich bis zu 80 Patienten in Notaufnahme

Tanja Henschel, Pressereferentin des Borromäus-Hospitals, sagt zudem: „Eine Erstsichtung bedeutet nicht eine vollständig abgeschlossene ärztliche Behandlung, aufgrund weitergehender Untersuchungen. Die Behandlungszeit ist deshalb abhängig vom benötigten Aufwand oder allgemeinem Patientenaufkommen.“ Letzteres sei am Borro zurückgegangen, weil seit 2018 gleich nebenan die KVN-Praxis (Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen) befinde. Dorthin können sich ambulante Notfallpatienten direkt wenden.

Zu tun gibt es in den Notaufnahmen trotzdem: Täglich suchen laut Tanja Henschel circa 60 bis 80 Patienten die Notaufnahme des Borromäus-Hospitals auf. Im Klinikum werden in der Zentralen Patienten- und Notaufnahme (ZPA) sowohl stationäre als auch ambulante Patienten behandelt. „Die Gesamtzahl des Patientendurchlaufs im Jahr liegt bei etwa 30.000 Patienten, somit rund 80 Patienten pro Tag“, erklärt Tina Schmidt. „Durch die kontinuierlich steigenden Patientenzahlen in den letzten Jahren, haben wir neben der personellen Verstärkung mit der baulichen Erweiterung der ZPA, welche in diesem Jahr in Betrieb genommen wurde, die notwendigen räumlichen Ressourcen geschaffen, um unsere Abläufe stetig zu optimieren.“

Jeden Patienten ernstnehmen

Dass Patienten mit „Kleinigkeiten“ die Warteräume zusätzlich füllen, kann die Klinikum-Sprecherin nicht bestätigen. „Jeder Mensch hat sein eigenes Gesundheitsempfinden und auch ein Bewusstsein darüber, wie dringlich ein Krankheitssymptom behandelt werden muss“, sagt sie. Wenn ein Patient sich entscheide, in die Notaufnahme zu kommen, nehme man jeden Patienten mit seinen Symptomen und Schmerzen ernst. „Wird er in einer unteren Kategorie eingestuft, so muss er dann bei seiner Behandlung unter Umständen mit einer längeren Wartezeit rechnen. Damit erfüllt das Triage-System auch die Funktion, dass Patienten, die lange Wartezeiten bei Haus- oder Fachärzten umgehen wollen, nicht bevorzugt behandelt werden und so medizinisch dringliche Notfallpatienten vorrangig von Ärzten und Pflegekräften versorgt werden können.“

Tanja Henschel macht aber auch deutlich: „Die Notaufnahme ist die erste Anlaufstelle für Unfallopfer und Personen in Lebensgefahr – nicht für beispielsweise einfache Erkältungskrankheiten oder minder schwere chronische Erkrankungen.“

Gleich den Rettungswagen rufen?

Die lange Wartezeit, in der der gebrochene Knöchel ihres Mannes unbehandelt blieb, hat Maria Janßen frustriert. „Was läuft denn in unserem Gesundheitssystem dermaßen schief, dass eine Mutter mit einem sechsjährigen Sohn sechs Stunden Wartezeit mitbringen muss“, schildert sie ein Beispiel, von dem sie im Wartebereich gehört hat. Das Erlebte, sagt sie „animiert uns, in Zukunft bei jeder Verletzung den Rettungswagen zu rufen.“

Das allerdings bedeute nicht automatisch eine schnellere Behandlung, so Tanja Henschel vom Borro: „Ob Patienten alleine die Notaufnahme aufsuchen, oder von Angehörigen gebracht werden, oder mit dem Rettungsdienst kommen, hat für die Behandlung keine Konsequenzen. Eine Anfahrt mit dem Rettungswagen garantiert keine schnellere Behandlung. Hier zählt die Dringlichkeit einer Behandlung.“ Gleiches, so Tina Schmidt, gelte für das Klinikum.

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