New York
Tennisstar Novak Djokovic: Sportlich verloren, menschlich gewonnen
Ausgeträumt: Das verlorene Finale bei den US-Open ist für den Tennis-Dominator Novak Djokovic wohl mit die bitterste Niederlage seiner Karriere. Doch in einem Aspekt kann er sich trotzdem als Gewinner zählen.
Die bitterste Niederlage seiner so schillernden Karriere lag eine gute Stunde zurück, da sagte Novak Djokovic einen Satz, der alles erklärte an seinem schwarzen Grand-Slam-Tag. Zum fahrigen, nervösen, zittrigen Auftritt im Finale der US Open, zum heftigen Scheitern in drei glatten Sätzen (4:6, 4:6, 4:6) gegen den glänzenden russischen Herausforderer Daniil Medwedew. Zu den eigenen Tränen auf den letzten Metern einer denkwürdigen Partie. „Ich bin nur noch froh, dass es vorbei ist“, sagte Djokovic, „ich war heute gar nicht richtig da.“
An diesem Abend war alles anders
Emotionale Ausnahmezustände, extreme Drucksituationen hatte er so oft in dieser Saison gemeistert, ob bei den Australian Open in Melbourne, den French Open in Paris oder auch in Wimbledon - doch die Last, sein magisches Traumziel zu erreichen, den Gewinn aller vier Majors in einer Saison, hatte ihn doch noch überwältigt. 27 Siegen, mehr oder weniger hart erstritten gegen Teenager und Altvordere, gegen etablierte Stars und ehrgeizige Newcomer, folgte der jähe Absturz in die New Yorker Depression. Das Schlusswort des Grand Slam-Jahrgangs 2021 hatte nicht der erfolgreichste Spieler des letzten Jahrzehnts, der vermeintlich unschlagbare, auf einmal aber sehr angreifbare Djoker, sondern Medwedew, einer der jungen Wilden im Wanderzirkus.
Alles war anders an einem New Yorker Tennisabend, an dem alles doch so sein sollte wie immer in diesem Jahr. Djokovic, sonst eher der von den Fans geduldete und respektierte Frontmann der Tenniswelt, wurde plötzlich zum gefeierten Liebling der Massen - aber auch zum großen, schwer angefassten, bitter enttäuschten Verlierer. Und Medwedew, ein leicht kauziger Schach-Großmeister des Tennis, war der im Match ausgepfiffene, zuletzt sogar immer wieder von Schmähungen überschüttete Buhmann - und zugleich der triumphale Pokalheld. Der Mann, der einen sporthistorischen Moment mit kühler Eleganz und strategischer Klarheit zerstörte. „Ich weiß, dass ich der große Spielverderber bin“, sagte Medwedew im dann doch noch artigen Applaus der Fans, „Novak ist und bleibt aber der größte Tennisspieler aller Zeiten.“
Der nicht unantastbare Jäger
Vor 52 Jahren hatte Rod Laver, der legendäre Australier, zuletzt das Kunststück geschafft, alle vier Grand-Slam-Turniere zu gewinnen. Laver, nun 83 Jahre alt, saß an diesem Abend auf der Ehrentribüne, er stand auch bereit, Djokovic als Nachfolger in der Arena den Pokal auszuhändigen und die Gratulationskolonne anzuführen. Doch als die Niederlage des Serben feststand, verschwand Laver diskret in der Präsidentenloge des US-Tennisverbands. Glückwünsche an Medwedew übermittelte in Stan Smith eine andere Größe der Historie.
Nach dem Triumph der Qualifikantin Emma Raducanu bei den Frauen brachte das Herren-Finale die letzte Pointe eines Events der extremen Kapriolen und Kuriositäten. Der 20-malige Grand Slam-Champion Djokovic war von der ersten bis zur letzten Minute dieses Duells nicht er selbst, der Mentalitäts-Weltmeister, der stahlharte Wettkämpfer, der Entfesselungskünstler aus der Not. Djokovic hatte keine Antworten, als es brenzlig wurde. Er wirkte, wie Boris Becker befand, „so planlos wie nie zuvor“ in einem so bedeutenden Match. Kein einziger der sogenannten Big Points ging an den bis dahin dominierenden Grand Slam-Profi des Jahres 2021, den gefürchteten Allesgewinner.
Djokovic war sein ganzes Tennis-Leben lang der Jäger. Er mischte sich als erster Spieler in den Zweikampf der Titanen Roger Federer und Rafael Nadal ein, er beendete dann auch die Alleinherrschaft des Schweizer Maestros und des spanischen Matadors. Er rückte ihnen bei den Grand Slams immer dichter auf die Pelle, wurde zum stärksten Akteur bei den Majors, mit dem Sieg in Wimbledon stellte er sich auch formal auf eine Stufe mit Federer und Nadal - die Großen Drei hatten vor den US Open jeweils 20 Grand Slam-Pokale eingesammelt.
Als Tennismaschine verloren, als Mensch gewonnen
Djokovis größte Beute wäre nun der Kalender-Grand Slam gewesen, jener Coup, den noch keinem Spieler in der modernen Ära schaffte. Er wäre sein Vermächtnis gewesen, das Alleinstellungsmerkmal gegenüber Federer, Nadal und allen anderen der letzten fünf Jahrzehnte.
Es sollte nicht sein - Djokovic machte Fehler, haderte, zerstörte im zweiten Satz sogar seinen Schläger. In der letzten Pause - beim Stand von 4:5 im dritten Satz, im Angesicht von Medwedews Aufschlag zum Matchgewinn - da lächelte Djokovic plötzlich ob der frenetischen Unterstützung der Fans, die ihn doch noch zum Sieg schreien wollten. Dann verbarg er tränenaufgelöst sein Gesicht unter einem Handtuch. Es war der Moment, in dem er sich in einen Menschen aus Fleisch und Blut zurückverwandelte. Die Technokratie seiner Erfolge, das oft Mechanische im Auftritt, die roboterhafte Anmutung - es war weg, verschwunden im sich abzeichnenden Scheitern so dicht vor dem Zielstrich.
Zugleich war es aber ein Moment, der ihm viel Sympathie einbringen dürfte - ihm, der massive Kritik einstecken musste nach der eigenmächtigen Organisation der Adria-Tour, die in Coronazeiten das Infektionsgeschehen befeuerte, während der sonstige Tenniszirkus ruhte. Der wegen seiner Ecken und Kanten bezüglich der Sympathie generell stets im Schatten von Gentleman Federer und dem bescheidenen Sunnyboy Nadal stand. Später sagte Djokovic, die Zuneigung, „die Liebe der Fans, sie hat meine Seele berührt“. Das werde er nie vergessen, das bedeute ihm sogar mehr als ein Titelgewinn.
Neues Jahr - neue Chance
Im Januar hat Djokovic in Australien die nächste Chance, den 21. Grand-Slam-Sieg klarzumachen und seine Rivalen zu distanzieren. Aber ob Melbourne noch mal der Auftakt einer Siegesserie wird, ob 2022 wieder ein Grand-Slam-Durchmarsch möglich wird, ist eher fraglich. Eine Chance wie am 12. September 2021 kommt wohl nur einmal im Leben, auch für einen wie Djokovic. Aber vielleicht hat der Serbe in New York gemerkt, dass dies gar nicht so sehr über allen Dingen steht, wie er stets dachte.