Osnabrück/Lingen
Hohe Energiepreise: Ein Vorteil für Förderung von Öl und Gas im Emsland?
Energiepreise in Deutschland steigen und steigen. Was den Verbraucher im Geldbeutel trifft, hat für heimische Förderer von Öl und Gas insbesondere in Norddeutschland jedoch auch etwas Gutes. Macht es die Förderung wirtschaftlicher?
Es sind nur 2 Prozent des Bedarfs in Deutschland, doch dahinter verbergen sich 1,9 Millionen Tonnen Öl, die im vergangenen Jahr bundesweit gefördert wurden. Gut 31 Prozent - mehr als 594000 Tonnen - davon entfallen auf Niedersachsen, fast 1,1 Millionen Tonnen auf Schleswig-Holstein. Eben so hoch ist die Bedeutung der Nordländer bei der Gasförderung: Von 5,2 Milliarden Kubikmetern kommen fast fünf Milliarden aus Niedersachsen und gut 32 Millionen aus Schleswig-Holstein.
Was die Wirtschaftlichkeit dieser heimischen Förderung betrifft, so dürfte das Corona-Jahr 2020 für Firmen wie Wintershall Dea, die unter anderem das förderstärkste Erdölfeld Deutschlands in Schleswig-Holstein betreibt, und Neptune Energy kein gutes gewesen sein. Zur Jahresmitte 2020 lag der Erdgaspreis bei etwa fünf bis zehn Euro pro Megawattstunde. Das Erdöl brachte pro Barrel laut Stefan Brieske, Sprecher von Neptune Energy, zeitweise nur rund 20 US-Dollar ein.
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Corona-Jahr hat Folgen für Öl- und Gas-Förderunternehmen
Der Grund: Weltweit ging aufgrund der Pandemie die Nachfrage zurück. „Damit brach in kürzester Zeit ein Großteil des Umsatzes weg, wodurch der Kostendruck erheblich steigt“, so Brieske. Ein Resultat für die Mitarbeiter am Standort im emsländischen Lingen: Die Hauptverwaltung wurde geschlossen und eine neue schlankere Deutschlandzentrale in Hannover aufgebaut - um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu sichern, sagt Brieske.
Aktuell sieht die Preissituation ganz anders aus. Der Erdgaspreis ist bis auf rund 40 Euro pro Megawattstunde angestiegen. Der Ölpreis liegt relativ stabil zwischen 60 und 70 US-Dollar pro Barrel. „Die Wirtschaftlichkeit heimischer Förderprojekte profitiert von dieser Entwicklung“, sagt Brieske. Wobei sich Neptune Energy wie viele in der Industrie des sogenanngen Hedging bedienen würde, um Preise für den Verkauf bestimmter zukünftiger Fördermengen festzulegen, erklärt der Sprecher.
Unternehmen: Heimische Öl-Förderung ist wirtschaftlich
Allerdings: Ob sich ein Standort lohnt, hängt laut dem Unternehmen Wintershall Dea, das unter anderem in Öl Emlichheim fördert, neben der Höhe des Ölpreises auch vom technischen Aufwand ab. „Zurzeit ermöglicht das gegenwärtige Verhältnis dieser beiden Faktoren eine wirtschaftliche Förderung“, betont man auf Anfrage. Dem stimmt auch Brieske zu. „Bei Rohstoffpreisen auf diesem Niveau sollte die Erdölförderung in Deutschland im Normalfall wirtschaftlich zu betreiben sein. Neben der Erlösseite spielt natürlich auch die jeweilige Kostenstruktur eine große Rolle bei der Gesamtbewertung.“
Aus einer Förderung in Deutschland aussteigen? Das ist weder für Wintershall Dea noch für Neptune Energy aktuell eine Option. Im Gegenteil: „Wir modernisieren und überholen bestehende Anlagen und Bohrungen, um wirtschaftlicher und noch sicherer zu fördern. Investiert wird aber auch in die Neuerschließung von Lagerstätten und Neubauten“, heißt es seitens Wintershall Dea.
Als Beispiel nennt das Unternehmen die im Jahr 2016 in Betrieb genommene Erdölleitung im Feld Düste in Barnstorf. „Auch in alten Feldern erschließen wir neues Potenzial, etwa in Emlichheim, wo 2019 vier neue Erdölbohrungen durchgeführt wurden, oder in Völkersen, dem förderstärksten Gasfeld in Deutschland.“ In Emlichheim ist auch gerade erst eine neue, 14,1 Kilometer lange Leitung zwischen der Erdölaufbereitung und Anlagen in Osterwald in Betrieb gegangen.
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Bei Neptune Energie steigt die Tagesproduktion
Und anders als im bundesweiten Trend ist bei Neptune Energy sogar die durchschnittliche Tagesproduktion in Deutschland in den letzten drei Jahren gestiegen - auf derzeit etwa 19.000 Barrel Öläquivalent. „Verantwortlich dafür sind teilweise auch die Zukäufe von Anteilen an Öl- und Gasfeldern im Emsland und in der Grafschaft Bentheim von Wintershall Dea“, sagt Brieske.
Der Mitbewerber konzentriert seine Aktivitäten im Land auf die wichtigsten von ihm betriebenen Förderstätten in Norddeutschland. Diese sind laut Unternehmen das Erdölfeld Mittelplatte in Schleswig-Holstein, die Erdgasförderung in der Region Verden und die Ölförderung in Emlichheim. Die Förderstätten in Süddeutschland habe man verkauft, teilt Wintershall Dea mit. „Zusätzlich könnten wir in Zukunft kleinere Beteiligungen in anderen Lizenzen veräußern, entsprechend unserer Strategie für die Region.“
Auch Neptune Energy bewerte permanent die Wirtschaftlichkeit der Felder - und trenne sich als letzte Option auch von Produktionen, so Brieske. „Dafür haben wir uns in den letzten Monaten im brandenburgischen Kietz und auch bei einem Ölfeld im Hamburger Raum entschieden.“
Zukunft für Öl- und Gasförderung in Deutschland?
Insgesamt sehen beide Unternehmen in der Förderung in Deutschland aber Zukunft - und Vorteile, trotz schwankender Preise: „Jeder Kubikmeter Erdgas und jede Tonne Erdöl, die wir im Inland fördern, müssen wir nicht importieren“, heißt es seitens Wintershall Dea. Und Neptune-Energy-Sprecher Stefan Brieske fügt hinzu: „Neben der rein wirtschaftlichen Betrachtung lohnt sich Rohstoffförderung in Deutschland allein schon aus dem Grund, weil wir uns doch - wenn auch auf niedrigem Niveau - von Importen unabhängig machen. Dies schafft Sicherheit in der Versorgung und hat eine deutlich positivere CO2-Bilanz.“ Und: Die Rohstoffe würden noch für mehrere Jahrzehnte gebraucht, so Brieske.