Osnabrück
„Die Bauern klagen nicht mehr“ - Schweinehaltung steht am Abgrund
Nächster Gipfel in der Schweinekrise: Bundesagrarministerin Julia Klöckner lädt am Mittwoch Bauern, Handel und Politik zum Gespräch. Was soll das bringen? Analyse einer Branche am Abgrund.
„Die Bauern klagen nicht mehr“, fasst einer aus der Branche die Stimmungslage in der Landwirtschaft zusammen. Der Berufsstand, dem sonst nachgesagt wird, er jammere gleichermaßen über Sonne wie Regen, resigniert angesichts der nicht enden wollenden Krise.
Die Preise für Ferkel (derzeit 20 Euro pro Tier) und für Schweinefleisch (1,25 Euro pro Kilo) sind so niedrig, dass jedes verkaufte Tier ein Minusgeschäft bedeutet. Marktbeobachter sagen, das könne noch anderthalb Jahre so weitergehen. Auf den Höfen wird gerechnet, wie lange das Geld noch reicht, bis der Betrieb Pleite ist. Anderthalb Jahre wird kaum ein Landwirt durchhalten können.
Auf Tiefs folgen Hochs - normalerweise
Preisschwankungen sind nichts Ungewöhnliches. Der sogenannte Schweinezyklus ist ein fester Begriff in den Wirtschaftswissenschaften und hat in der Landwirtschaft seinen Ursprung. Auf Zeiten des Mangels folgt der Überschuss an Schweinen. Die Preise, die Bauern erzielen, schwanken entsprechend.
Der Schweinezyklus, der vor gut 100 Jahren das erste Mal wissenschaftlich beschrieben wurde, scheint durchbrochen. Der Markt, wie ihn die Landwirte kennen, funktioniert nicht mehr.
Das hat viele verschiedene Ursachen, die zusammengenommen so etwas wie den perfekten Sturm über der ohnehin angeschlagenen Schweinehaltung in Deutschland gebildet haben. Denn seit Jahren geht der Fleischkonsum in Deutschland zurück.
Den Menschen scheint regelrecht der Appetit aufs Schwein vergangen zu sein. Zu aufwendig in der Zubereitung, zu umstritten die Haltungsbedingungen und die Umweltauswirkungen der intensiven Haltung. Und nun kommen die Seuchen Afrikanische Schweinepest, kurz: ASP, und Corona hinzu.
Corona: Als die Pandemie Deutschland erreichte, da gingen Bilder von leeren Milch- und Mehlregalen um. Alles weg. Die Landwirtschaft, so sah es zumindest auf den ersten Blick aus, könnte neben der Klopapierindustrie zu den Gewinnern dieser Krise zählen. Weit gefehlt.
Die Politik schloss die Gastronomie, wichtige Absatzmärkte für Schweinefleischprodukte brachen weg. In den Stadien wurde keine Bratwurst, in den Restaurants kein Schweinefleisch mehr gegessen. Die Schweine aber standen in den Ställen, nahmen Tag für Tag zu.
Dann fand das Virus seinen Weg in die Schlachthöfe. Großbetriebe von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück und Sögel wurden dichtgemacht. Das Wort Schweinestau kam auf. Die Zahl der Schweine überstieg nicht nur die Nachfrage, sondern auch die Schlachthaken.
Billigware für Deutschland
Die Nachwehen dieser Situation halten bis heute an. Die Kühlhäuser sind randvoll mit Schweinefleisch. Zehntausende Tonnen wurden eingefroren, so viel wie noch nie. Lagerhaltung heißt das in der Fachsprache. Irgendwann soll das Fleisch verkauft werden. Nur wann? An der Nachfragesituation hat sich kaum etwas geändert. Die Grillsaison fiel zudem wegen des schlechten Sommers weitgehend flach.
Oder auf den Grills landete Fleisch aus dem Ausland, aus Spanien etwa. Der deutsche Markt ist für ausländische Produzenten zum Ventil geworden, um Mengendruck abzubauen. Der deutsche Handel und die sparsamen Kunden greifen gern zu. Die deutschen Schweinebauern empören sich über Werbung für billiges Fleisch aus fernen Ländern mit angeblich schlechteren Haltungsbedingungen.
ASP: Dabei zählten die deutschen Schweinehalter lange zu den Gewinnern der Europäisierung und Globalisierung der Fleischproduktion. Sie konnten in aller Welt billiges Futter einkaufen und neue Absatzmärkte für das Fleisch „Made in Germany“ erschließen; der am rasantesten wachsende: China. Hierhin gingen die Teile der Tiere, die in Deutschland niemand wollte wie Pfötchen oder Schnauzen. Aber zunehmend auch die sogenannten Edelteile. Fleisch ist Statussymbol, das sich immer mehr Menschen in China leisten können.
Diese Nachfrage musste zeitweise fast komplett aus dem Ausland gedeckt werden: Die Afrikanische Schweinepest wütete in den chinesischen Ställen - eine für Schweine tödliche, für Menschen ungefährliche Erkrankung. Mit Radladern wurden die Kadaver der Tiere in Gruben geschoben. Die deutschen Bauern verdienten gutes Geld in dieser Zeit.
Vor ziemlich genau einem Jahr, der Corona-bedingte Schweinestau war noch da, kam die Hiobsbotschaft: In Ostdeutschland wurde das erste Wildschwein entdeckt, das an ASP verendet ist. Mittlerweile sind es 2070. Auch Bauernhöfe waren bereits betroffen: In einem Biobetrieb mussten alle Schweine nach einem Virus-Nachweis getötet werden. Der Erreger wird bleiben
Deutschlands oberster Tierseuchenbekämpfer, FLI-Chef Thomas Mettenleiter, formulierte es kürzlich so: „Die Bekämpfung der ASP in Deutschland wird kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf.“ Und deswegen sind auf unabsehbare Zeit Absatzmärkte wie der in China versperrt. Die Chinesen wollen kein Fleisch Made in Germany mehr. Aus Angst vor einer Wieder-Einschleppung der Seuche.
Den deutschen Diplomaten ist es ungeachtet der Ankündigungen der Bundesregierung bislang nicht gelungen, die Chinesen von einer Lockerung des Export-Stopps zu überzeugen. Peking sind die deutschen Schweinehalter herzlich egal. Andere Exporteure wie die USA springen ein.
Auf dem Corona-bedingt überfüllten deutschen und europäischen Markt drängt also noch mehr Fleisch, das andernorts nicht mehr verkauft werden kann. Da hilft es auch nichts, dass die Bauern immer weniger Schweine einstallen. Es sind immer noch zu viele.
Was kann der Gipfel bringen?
In dieser Situation hat Bundesagrarministerin Julia Klöckner nun zum digitalen Krisengipfel geladen: Handels- und Bauernvertreter, aber auch die Agrarministerinnen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sollen teilnehmen.
Klöckner will darüber sprechen, wie und ob überhaupt den Landwirten geholfen werden kann. Es könnte ein Gipfel ohne Ergebnis werden. Konkrete Hilfsangebote nimmt die CDU-Politikerin jedenfalls wohl nicht mit ins Gespräch.
In einer Antwort des Ministeriums auf Anfrage der Grünen heißt es, man prüfe zwar „die Möglichkeit nationaler Hilfen für schweinehaltende Betriebe“. Es sei aber „insgesamt schwierig, zusätzliche, über bereits bestehende, reguläre Förderangebote […] hinausgehende nationale Fördermöglichkeiten zu erschließen“, so Staatsekretär Uwe Feiler.
Begründet wird das mit strengen Fördervorgaben der EU für den europäischen Binnenmarkt. „Wegen der europäischen Dimension der derzeitigen Marktlage“ habe sich Klöckner an die EU-Kommission gewandt „und darum gebeten, kurzfristig EU-Krisenmaßnahmen für den Schweinefleischsektor zu prüfen“, schreibt Feiler.
Selbst Grüne fordern Hilfe
Das reicht den Grünen wiederum nicht. Sonst beinharte Kritiker der Intensivtierhaltung fordern sie Unterstützung. Das mag auch daran liegen, dass der agrarpolitische Sprecher Friedrich Ostendorff selbst Schweinehalter ist und die Not auf den Höfen sehr gut kennt.
Er sagt: „Schweinehalter erleben gerade ihre bisher größte existenzielle Krise. Auf den Betrieben herrscht große Verzweiflung.“ Es müsse verhindert werden, dass weitere Schweinehalter aufgeben. „Ich erwarte von diesem Gipfel, dass bäuerlichen Familien für ihre Existenzsicherung Perspektiven geschaffen werden“, sagte Ostendorff.
Wenn die Betriebe diese denn noch brauchen. Branchenkenner schätzen, dass bis zu jeder Dritte Schweinehalter kurzfristig aufgeben wird - hinweggefegt vom perfekten Sturm.