Berlin
Muss Boateng dem Bundespräsidenten seine Preise zurückgeben?
Zweimal wurde Jérôme Boateng mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet, dem höchsten deutschen Sportpreis. Muss er es nach dem Urteil wegen häuslicher Gewalt wieder abgeben? Das antwortet das Bundespräsidialamt.
Mit Bayern München wurde Jérôme Boateng Deutscher Meister und siegte in DFB-Pokal und Champions League, als Nationalspieler holte er den Weltmeistertitel. Mit den sportlichen Erfolgen kamen die gesellschaftlichen Auszeichnungen: Der Berliner Senat verlieh dem Fußballer den Moses-Mendelssohn-Preis. Und auch das Silberne Lorbeerblatt gehört zu den Ehrungen, mit denen Boateng ausgezeichnet wurden. Mit ihm zeichnet der Bundespräsident nicht allein sportliche Bestmarken aus; ganz ausdrücklich belobigt das Lorbeerblatt auch einen vorbildlichen Charakter. Muss Boateng den Preis also zurückgeben, nachdem er wegen häuslicher Gewalt verurteilt wurde?
Das Urteil gegen Boateng
Ende letzter Woche wurde der Ex-Nationalspieler wegen Körperverletzung an seiner früheren Freundin zu einer Strafe verurteilt. Das Amtsgericht München verhängte eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 30.000 Euro; zusammen sind das 1,8 Millionen Euro. Der Richter sah es als erwiesen an, dass Boateng seiner damaligen Partnerin im Karibikurlaub 2018 ins Gesicht geschlagen hatte. 30.000 Euro sind zwar der höchstmögliche Tagessatz, Boateng ist allerdings nicht vorbestraft. Eine Vorstrafe gibt es erst ab 90 Tagessätzen. Die Staatsanwaltschaft erwägt, gegen das Urteil Berufung einzulegen. „Wir prüfen derzeit, ob wir Rechtsmittel ergreifen“, sagte Sprecherin Anne Leiding am Freitag. Im Verfahren hatte die Staatsanwaltschaft eine Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren gefordert - und eine Geldauflage von 1,5 Millionen Euro. Boatengs Verteidiger Kai Walden hatte einen Freispruch gefordert.
Boatengs Silberner Lorbeer
Gleich zweimal erhielt Jérôme Boateng mit der Fußball-Nationalmannschaft das Silberne Lorbeerblatt: 2010 für den dritten Platz bei der WM - und dann noch einmal nach dem WM-Titel 2014. Die höchste sportliche Auszeichnung Deutschlands bedeutet dabei ausdrücklich auch eine Charakternote. „Bei der Wertung der Leistung kommt es nicht nur auf den sportlichen Erfolg an“, heißt es auf der Internetseite des Preises. „Auch eine charakterlich vorbildliche Haltung ist unabdingbare Voraussetzung für die Auszeichnung mit dem Silbernen Lorbeerblatt.“
Bundespräsident Joachim Gauck betonte das in seiner Rede vor den Weltmeistern, als er das Fairplay auf dem Platz den Ausschreitungen gewalttätiger Fans gegenüberstellte: „Die Ausschreitungen von Hooligans in den vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der Sport einigen Menschen als Feigenblatt für rohe Gewalt dient, manchmal auch für Fanatismus und Hass“, sagte damals der Bundespräsident. „Aber unser Sport, nicht nur der Fußball, sondern generell der Sport, kann auch ein Gegenmittel sein und kann eine Atmosphäre fördern, in der Toleranz und Offenheit vorgelebt werden - und zwar von Spielern wie auch von Fans. Deshalb danke ich allen hier im Saal, die sich unermüdlich gegen Rechtsextremismus und Gewaltorgien stark machen. Und vor allem bitte ich die, die das tun, und Sie alle: Setzen Sie dieses Engagement fort!“
Boatengs Beziehungsgewalt
Der Sport als Gegenmittel gegen Gewalt - im Privatleben von Boateng hat das offenbar nicht funktioniert. Die Anklagebehörde warf dem Fußballer vor, seine Ex-Lebensgefährtin 2018 im Urlaub geschlagen, geboxt, ihr in den Kopf gebissen, sie auf den Boden geschleudert und dabei beleidigt zu haben. Ähnlich schilderte es die Ex-Freundin selbst als Nebenklägerin. Verurteilt wurde Boateng, der die Vorwürfe zurückwies, am Ende wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Beleidigung. Vorbestraft ist er nicht; eine „charakterlich vorbildliche Haltung“ wird man ihm nach dem Urteil allerdings auch nicht mehr bescheinigen. Zum Vergleich: 2012 wurden einem Kugelstoßer der Silberne Lorbeer verweigert, weil bekannt geworden war, dass er einen Hund misshandelt hatte. Wiegt Boatengs Übergriff auf die Partnerin so schwer, dass ihm der Preis noch nachträglich aberkannt werden kann?
Was sagt das Bundespräsidialamt zu einer Aberkennung?
Momentan steht eine Aberkennung, so ist es aus dem Bundespräsidialamt zu erfahren, noch nicht zur Debatte - schon aus dem formalen Grund, dass das Urteil nicht rechtskräftig ist. „Das Silberne Lorbeerblatt kann entsprechend des Gesetzes über Titel, Orden und Ehrenzeichen entzogen werden, wenn sich ein Beliehener der Auszeichnung unwürdig erweist. Diese Unwürdigkeit liegt insbesondere dann vor, wenn der Ausgezeichnete eine 'entehrende Straftat' begangen hat, was in der Regel bei einer rechtskräftigen strafrechtlichen Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr der Fall ist“, erklärt eine Sprecherin. „Erst nachdem ein Strafverfahren rechtskräftig abgeschlossen ist, kann das Bundespräsidialamt prüfen, ob die Voraussetzungen für einen Entzug gegeben sind.“ (Angaben zum Prozessverlauf via dpa.)