Osnabrück
„Bis Mitternacht“: ARD zeigt starken Polizeiruf 110 aus München
Mit Dominik Graf (Regie) und Verena Altenberger konnte es kaum schiefgehen: „Bis Mitternacht“, der neue Polizeiruf 110 aus München, ist richtig stark.
Josef Wilfling ist ein Mann, den - vor allem im Norden der Republik - vermutlich nur wenige kennen werden. Dabei ist der 74-Jährige ein ganz außergewöhnlicher Charakter. Als langjähriger Leiter der Münchner Mordkommission ist er in Bayern so etwas wie eine Polizeilegende, als Buchautor hat er später etliche seiner Fälle lesenswert aufbereitet.
Nun hat der Drehbuchautor Tobias Kniebe eine seiner Geschichten für den Polizeiruf 110 aus München bearbeitet. Von Kultregisseur Dominik Graf inszeniert, markiert er den ersten Auftritt der von Verena Altenberger gespielten Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff als Mordermittlerin - nach drei Krimis, in denen sie eine Streifenpolizistin verkörperte, der das Kapitalverbrechen immer irgendwie zuflog.
Gleich ihr erster Fall ist eine ganz harte Nuss. Eyckhoff bearbeitet im Verhörraum den jungen Jonas Borutta (Thomas Schubert), den sie für dringend verdächtig hält, grausam auf eine Frau eingestochen zu haben. Ihr Problem: Sie hat keine Beweise. Nicht einmal so starke Indizien, dass es für eine Untersuchungshaft reicht. Und es ist zehn Uhr abends. Wenn Borutta bis Mitternacht kein Geständnis ablegt oder sie ihn überführt, muss sie ihn gehen lassen. So besagen es die Vorschriften, die vielen Menschen gar nicht so geläufig sind.
So stark war der letzte Polizeiruf 110 aus München
Dominik Graf komprimiert seinen Film sehr sehenswert auf diese beiden Stunden zwischen zehn und Mitternacht, Rückblenden inklusive. Immer wieder wird die Uhr eingeblendet - ein Stilmittel, das ebenso alt wie wirkungsvoll ist.
Schon einmal hatte die Münchner Polizei Borutta in Verdacht gehabt, eine Frau umgebracht zu haben, schon einmal konnte sie ihm die Tat nicht nachweisen. Als sie Eyckhoffs Felle davonschwimmen sehen, entscheiden ihr Vorgesetzter und die Staatsanwältin, den ehemaligen Leiter der Mordkommission, Josef Murnauer (Michael Roll) hinzuzuziehen. Er hatte beim ersten Fall die Ermittlungen geleitet und wird nun mit dem Helikopter zur Vernehmung geholt. Im wahren Leben hieß Josef Murnauer in einem sehr ähnlich gelagerten Fall Josef Wilfling.
Für Eyckhorst ist es eine Demütigung. Als Murnauer eintrifft, ist es 22:50 Uhr. Noch eine Stunde und zehn Minuten. Dominik Grafs Film hat da noch 48 Minuten. Spannende 48 Minuten. Die Uhr tickt. Können der alte Hasse und die junge Kollegin die Zeit nutzen, um Münchens Frauen davor zu bewahren, dass ein vermeintlicher Serientäter wieder auf freien Fuß gesetzt wird?
Hier gibt's ein ausführliches Interview mit Verena Altenberger
Die Grundidee dieses Films geht auf Wilflings Buch „Abgründe: Wenn aus Menschen Mörder werden“ zurück. Eine Passage darin habe ihn besonders fasziniert, berichtet Drehbuchautor Kniebe im Senderinfo: „In der Regel haben wir Ermittler nicht viel Zeit, um so viel Beweismaterial zusammenzutragen, dass es zum Erlass eines Haftbefehles reicht. Hat uns doch der Gesetzgeber eine Frist ‚bis zum Ablauf des darauffolgenden Tages‘ gesetzt. Spätestens dann muss eine vorläufig festgenommene Person wieder auf freien Fuß gesetzt oder einem Ermittlungsrichter vorgeführt worden sein. Dummerweise kommt es vor, dass Straftäter fünf Minuten vor Mitternacht festgenommen wurden. Das bedeutet, dass der erste Tag bereits nach fünf Minuten abgelaufen und damit für uns verloren ist.“
Dies sei der erste Impuls für sein Drehbuch gewesen, sagt Kniebe. „Der zweite kam aus Wilflings Bericht über einen sehr intelligenten Täter, dem über Indizien nichts nachzuweisen war - die einzige Chance, einen Haftbefehl zu bekommen, war ein Geständnis. Die Psyche dieses Beschuldigten und die teilweise sehr unkonventionellen Methoden, die Wilfing damals angewandt hat, um das ersehnte Geständnis zu bekommen, haben große Teile von „Bis Mitternacht“ inspiriert.
Eine „wahre Geschichte“ erzähle der Film dennoch nicht, denn entscheidende Aspekte des Falles habe er verändert und unkenntlich gemacht, und statt einem einzigen Kommissar agiert jetzt ein Team, das in letzter Minute zusammengewürfelt wird und sich erst einmal finden muss. „Der erfahrene Ermittler Josef Murnauer, der die Mordkommission eigentlich schon verlassen hat, aber für eine Nacht zurückgeholt wird, trägt zwar Züge von Josef Wilfling, ist aber doch eine fiktive Figur.“
Außerordentlich zufrieden
Mit dem Ergebnis ist der Drehbuchautor außerordentlich zufrieden: „Wenn ich den fertigen Film betrachte, bin ich erstaunt und bewegt von dem Gefühl, mich als Autor verstanden zu fühlen - es ist, als hätten alle Beteiligten vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Kurzauftritten, Zugriff auf die Bilder in meinem Kopf gehabt.“
Tatsächlich ist „Bis Mitternacht“ endlich mal wieder ein richtig guter Krimi nach dem tiefen Sommerloch und dem mauen Tatort vom letzten Sonntag. Geht doch.
Polizeiruf 110: Bis Mitternacht. Das Erste, Sonntag, 5. September, 20.15 Uhr.
Wertung: 5 von 6 Sternen