Osnabrück

Holt-Prozess in Osnabrück: Mit Einstecktuch und in Handschellen

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 31.08.2021 15:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit Einstecktuch und in Handschellen erschien Hendrik Holt am Dienstagmorgen vor dem Landgericht in Osnabrück. Foto: Friso Gentsch/dpa
Mit Einstecktuch und in Handschellen erschien Hendrik Holt am Dienstagmorgen vor dem Landgericht in Osnabrück. Foto: Friso Gentsch/dpa
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Auftakt im Holt-Prozess um den möglichen Megabetrug in der Windkraftbranche: Mehrere Stunden hat die Staatsanwaltschaft die Anklage vor dem Landgericht Osnabrück verlesen. Die Angeklagten schwiegen zunächst zu den Vorwürfen.

Am Dienstagmorgen stand Hendrik Holt wieder einmal dort, wo er in seiner Unternehmerlaufbahn häufiger stand: im Mittelpunkt. Das Einstecktuch in der linken Brusttasche des Jacketts, die Haare streng nach hinten gekämmt, erschien der früher erfolgreiche Jungunternehmer aus dem Emsland vor dem Landgericht Osnabrück.

Zahlreiche Kameraobjektive erwarteten den 31-Jährigen im Schwurgerichtssaal - und nahmen auf, wie ihm ein Justizbeamter die Handschellen abnahm. Wenig später folgte sein früherer Geschäftspartner und dem Vernehmen nach großväterlicher Freund Heinz L., ebenfalls in Handschellen. Holts Mutter und eine Schwester verborgen ihre Gesichter hinter Aktenordnern. Der jüngere, ebenfalls angeklagte Bruder beobachtete das Geschehen vom Rande des Schwurgerichtssaals.

Das Quintett soll eine Reihe internationaler Energiekonzerne um mehrere Millionen Euro geprellt haben, indem sie mit ihnen Verträge über zu großen Teils erfundene Windparkprojekte schloss. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Osnabrück waren die entsprechenden Unterlagen zu den Deals größtenteils gefälscht. 

Im April 2020 ließen die Ermittler den mutmaßlichen Schwindel auffliegen und unter anderem Hendrik Holt im Berliner Luxushotel Adlon festnehmen. Wohnhaft ist der gebürtige Haselünner seitdem in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg. So stellte es der Vorsitzende Richter der Wirtschaftsstrafkammer Norbert Carstensen am Dienstagmorgen bei der Überprüfung der Personalien fest.

„Mondäner Lebensstil“

An Verhandlungstag Nummer eins von insgesamt 52 geplanten hat die Staatsanwaltschaft über mehrere Stunden die zwei Anklageschriften mit den zahlreichen Vorwürfen gegen die früheren Familienunternehmer verlesen. Die „Tätergruppierung“, so die Bezeichnung durch die Staatsanwaltschaft, soll als Bande agiert und mit den betrügerisch erzielten Millionen einen „mondänen und sehr kostspieligen Lebensstil“ finanziert haben.

Windpark um Windpark, Vertrag um Vertrag, Grundstücksbesitzer um Grundstücksbesitzer legte die Staatsanwaltschaft dar, wie sich die Gruppe um Hendrik Holt strafbar gemacht haben soll. Es dauerte bis in den Nachmittag hinein, das vorzutragen, was den früheren Windkraftunternehmern vorgeworfen wird.

„Reine potemkinsche Dörfer“

„Völlig wertlose und fiktive Rechte“ sollen sie unter anderem den Konzernen SSE und Enel verkauft haben. Unterschriften von Grundstücksbesitzern über zu errichtende Windräder sollen gefälscht gewesen sein. Auch manipulierte amtliche Schreiben der Bundesnetzagentur, der Bundeswehr, des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege und verschiedener Kommunen aus Niedersachsen wurden offenbar am Computer erstellt. 

Den Konzernen und ihren Anwälten fiel das nicht auf, sie überwiesen immer und immer wieder große Beträge; insgesamt mehrere Millionen Euro.

Zum Teil sollen die Holts SSE und Enel identische gefälschte Projekte verkauft habe. „Reine potemkinsche Dörfer“ nannte die Staatsanwaltschaft die Windparks am Dienstag. Auch der tschechische Konzern CEZ soll reingefallen sein. 

Die Anklageschrift machte deutlich, dass alle fünf Angeklagten an dem Betrug mitgewirkt haben sollen. Während Hendrik Holt und Finanzdirektor Heinz L. das Unternehmen nach außen vertraten, oblag es wohl der Mutter von Hendrik Holt, anfallende Arbeiten im Büro zu erledigen. Sie soll es gewesen sein, die eingehende Zahlungen der Energiekonzerne umgehend auf Konten im Ausland weiterleitete.

Mithilfe von Photoshop und Gimp

Zusammen mit der Tochter soll sie zudem Unterschriften unter Verträgen gefälscht haben. Die entsprechenden Dokumente soll indes der weitere angeklagte Sohn mit den Programmen „Photoshop“ und „Gimp“ erstellt haben. Der jüngere der beiden Holt-Brüder, so führte die Staatsanwaltschaft aus, sei der einzige aus dem angeklagten Quintett mit entsprechenden technischen Kenntnissen.

Der Betrug soll dabei mehrere Jahre gelaufen sein. Die erste angeklagte Tat spielt im Landkreis Osnabrück. Ungeachtet (oder gerade wegen?) der Fälschungen und mutmaßlichen Betrügereien wuchs die Unternehmensgruppe zumindest in der Außenwirkung in den Folgejahren immer weiter. Der Name Holt stand demnach für Erfolg in der Windbranche.

Doch gegen Ende verschwand dieser Name plötzlich aus den Unternehmensnamen des komplizierten Firmengeflechts. Da dürfte sich bereits abgezeichnet haben, dass die Erfolgsgeschichte so nicht weitergeschrieben werden kann. Firmen wurden umbenannt und nach Bautzen umgesiedelt.

„Rutsch' Uns Den Puckel Runter“

Die neuen Namen: DWWN und RUPR. Die Staatsanwaltschaft ist sicher, dass es sich dabei um Akronyme handelte für „Das War Wohl Nichts“ und „Rutsch' Uns Den Puckel Runter“. Die angemieteten Büroräume in Sachsen waren wohl leer.

Als neuer Geschäftsführer wurde ein gewisser Jamal I. eingesetzt - nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft eine Art Strohmann für die mutmaßlichen Betrüger aus dem Emsland. Eigentliche Aufgabe von I. soll gewesen sein, die vermeintlich Erfolgreichen durch den Libanon zu chauffieren. Hier unterhielten sie eine Niederlassung.

Die Angeklagten schwiegen zunächst zu den Vorwürfen gegen sie. Im Falle einer Verurteilung drohen mehrjährige Haftstrafen. Der nächste geplante Verhandlungstermin ist der 7. September. Richter Carstensen bat die Verteidiger in dem Verfahren große Transportbehältnisse mitzubringen: Es sollen Kopien der mutmaßlich gefälschten Urkunden verteilt werden - das Herzstück der angeklagten Straftaten. Der Stapel werde etwa 50 Zentimeter hoch sein, so Carstensen. 

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