Hamburg

André Poitiers: „Scheitern ist der Anfang des Fortschritts“

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 27.08.2021 09:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
André Poitiers in seinem Büro am Großen Burstah. Hinter ihm die Konzeptstudie „Donut“, die er einst für eine Parteizentrale der Grünen erstellt hat. Foto: Markus Lorenz
André Poitiers in seinem Büro am Großen Burstah. Hinter ihm die Konzeptstudie „Donut“, die er einst für eine Parteizentrale der Grünen erstellt hat. Foto: Markus Lorenz
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Der Architekt spricht über grünes Bauen für heute und morgen, was Pink Floyd damit zu hat – und warum ihm das Knick-Ei nicht geschadet hat.

André Poitiers hat in Hamburg Spuren hinterlassen. Er schuf die breite Treppenanlage am Jungfernstieg, die Neue Mitte Altona, designte Bushaltestellen und Backshops. Den Besucher empfängt er im Büro im Kontorhaus am Großen Burstah. Im Konferenzraum füllen Bücher deckenhohen Regale an allen vier Wänden. Der Mann liest viel - und er macht sich viele Gedanken darüber, was Klimawandel, neue Mobilität und soziale Herausforderungen für Hamburgs Stadtentwicklung bedeuten. Für sein geliebtes Hamburg.  

Herr Poitiers, woher rührt Ihr Interesse an Architektur?

Ich bin aufgewachsen ohne Vater in der elterlichen Tischlerei in Hamburg-Schnelsen. Das war eine fantastische Spielwiese für uns als Kinder. Ich konnte basteln, mir vom Abfallhaufen Leisten holen und habe mit meinen Freunden daraus was gebaut.

Der Berufswunsch stand also früh fest?

Mein Traum war immer, Tischler zu werden, und tatsächlich habe ich auf der Asmus-Yachtwerft in Glückstadt eine Tischlerlehre gemacht. Dabei ist der Wunsch gewachsen, Räume und Dinge zu gestalten, etwas zu entwerfen, zu konstruieren. Und so auch Zukunft zu gestalten. 

Warum musste das Architekturstudium trotzdem warten?

Ich habe zunächst noch eine Banklehre bei der Haspa absolviert, weil ich den elterlichen Betrieb übernehmen wollte. Es kam dann anders, so dass ich anschließend begonnen habe, an der TU Braunschweig Architektur zu studieren.  

Schon als Student haben sie etliche Preise gewonnen, waren schnell mit dem Studium durch und gingen anschließend zu Norman Foster in die Lehre. Sind sie ein großes Talent? 

Nein, nein. Ich hatte und habe einfach Spaß an meinen Sachen und mache sie dann auch.

Als junger Architekt entwarfen Sie eine spektakuläre Turnhalle, die halb in die Erde eingelassen war. Die gläserne Kuppel brach ein, und alle Welt spottete über das Halstenbeker Knick-Ei. Ihrer Karriere hat das offenbar nicht geschadet…? 

Das war ein harter Start, auch medial. Aber unsere Auftraggeber haben gewusst, wo die Verantwortung für Statik-Fehler wirklich lag. Und sie waren von dem kreativen Entwurf überzeugt. Sie haben an mein Büro geglaubt, das hat uns motiviert weiterzumachen. Heute ist eine solche Konstruktion übrigens gar kein statisches Problem mehr. Scheitern ist der Anfang des Fortschritts. Ich würde sagen, das Knick-Ei hat mir weder genützt noch geschadet. 

Was sind die wichtigsten Tugenden für einen Architekten?

Dinge in weiten Maßstäben einzuordnen und in die Zukunft zu schauen, Detailversessenheit und natürlich Fantasie. Und eine gewisse Wendigkeit. Man muss interdisziplinär denken können, um alle Ansprüche unter einen Hut zu kriegen.  

Haben Sie Vorbilder?

Neben den klassischen Vorbildern Frank Lloyd Wright, Le Corbusier oder eben meinem Lehrer Norman Foster, der die heutige Architektur maßgeblich geprägt hat, sind es auch Vorbilder aus der Musik wie Pink Floyd.

Wie das?

Die Band hat die gesellschaftliche Haltung ihrer Zeit präzise in das Medium Musik umgesetzt. Vielem war sie um Jahre voraus. Der Inhalt und die Gesellschaftskritik dieser Songs sind heute sogar aktueller als in der Zeit, als sie entstanden sind. Auch für Architekten ist es sehr wichtig, in die Zukunft zu denken. Wenn man heute einen Stadtteil plant, wird dieser in zehn bis 20 Jahren fertig gestellt.

Welches sind Ihre wichtigsten Projekte?

Ich bringe meine Projekte nicht in eine Rangfolge. Ich habe mich mit Bushaltestellen auf Hamburgs Hauptachsen auseinandergesetzt, die Läden von Dat Backhaus gestaltet, und ich habe städtebauliche Entwicklungen wie die Neue Mitte Altona geplant. Beteiligt ist mein Büro auch am Bau großer Teile des Europaquartiers in Berlin, dem Stadteingang nach Berlin. So haben meine Mitarbeiter und ich beide Endpunkte der Bahnverbindung Hamburg-Berlin städtebaulich gestalten dürfen. Darauf bin ich als Hamburger natürlich stolz. 

Sie haben vor bald 20 Jahren auch die Umgestaltung des Jungfernstiegs mit der großen Treppenanlage zum Wasser hin konzipiert. Jetzt wird die Straße wieder umgebaut, diesmal autofrei. Ist der Architekt da pikiert?

Im Gegenteil! Den Jungfernstieg, den ich gemeinsam mit dem renommierten Landschaftsplaner Prof. Hinnerk Wehberg entworfen und umgesetzt habe, entwickelt sich weiter. Und wir sind daran wieder beteiligt. Unser Ziel war immer: Das Wohnzimmer Hamburgs gehört den Bürgerinnen und Bürgern. Der Zugang zum Wasser ist Allgemeingut. Hierher gehören keine Autos, die Menschen vom Wasser trennen. Als wir damals den Wettbewerb gewonnen haben, habe ich nicht im Traum daran gedacht, dass wir das Konzept jetzt tatsächlich so vollenden dürfen. 

Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Ihren Berufsstand?

Wir müssen dem Klimawandel in den Städten etwas entgegensetzen, was bedeutet: Wir müssen ressourcenschonend bauen, und wir müssen dafür sorgen, dass die zunehmende Erderwärmung die Städte nicht immer heißer werden lässt. Wir müssen die Städte grüner werden lassen, den Autoverkehr verringern, den Flächenverbrauch stoppen und gleichzeitig Wohnraum schaffen. Das ist in der Tat eine schwierige Aufgabe.

Grün statt Autos - wie soll das funktionieren in einer wachsenden Stadt wie Hamburg? 

Gegenfrage: Warum sollte es denn nicht funktionieren? Im wunderschönen, fahrradfreundlichen Kopenhagen geht es doch auch. Für die Mobilität gibt es immer mehr Alternativen zum Auto, da mache ich mir gar keine Sorgen. Viele Menschen der jungen Generation wollen gar kein eigenes Auto oder nutzen es seltener. 

Aber gebaut werden muss ja trotzdem…?

Wir Architekten müssen damit zurechtkommen, dass wir uns mehr auf Umbauten konzentrieren. Da gibt es große Chancen. Wenn die Menschen nicht mit dem Auto in die City fahren, dann braucht man auch keine Parkhäuser. Dass man so einen Betonklotz zu Wohnungen umbauen kann, beweist in Hamburg gerade die Gröninger Baugenossenschaft. Angesichts des Trends zum Homeoffice wäre es zudem dringend notwendig, über für Büroneubauten vorgesehene Flächen neu nachzudenken: Vielleicht ist ja ein Park an einer Stelle sinnvoll für die Stadt, und das Bürogebäude ist sinnvoll nur für den Investor. Man muss den Blick bei der Planung auch eines einzelnen Bürogebäudes auf die ganze Stadt und die Menschen richten. Die Frage ist also nicht, ob sich an einer Stelle eine super Rendite erzielen lässt, sondern was das Quartier an dieser Stelle wirklich braucht, und diese Bedarfe ändern sich gerade deutlich. Hinzu kommt, dass die glitzernden Neubauten es den älteren Büroquartieren schwer machen und sich die Stadt daher bei perspektivisch sinkendem Büroflächen-Bedarf selbst ein Problem schafft: Die älteren Büroquartiere werden unattraktiv, und irgendwann gibt es einen Domino-Effekt. Die Aufwertung eines solchen Viertels wird dann für die Stadt enorm teuer. Deshalb muss man hier und heute einfach den Mut haben, auch mal Stopp zu sagen und sich Zeit zu nehmen fürs Nachdenken.

Was fordern Sie?

Das wichtigste Potenzial einer Stadt sind die Kinder, die Jugendlichen, die jungen Leute. Sie empfinden die städtebauliche Durchorganisation ihres Lebens als Entmündigung, und letztendlich auch als Zwang zur Uniformität. Es braucht daher auch innerstädtisch offene, grüne Räume, die sie sich aneignen und gestalten können. Nicht alle freien Grundstücke sollten bebaut werden, es braucht auch Brachen. Und Grundstücke sollten nicht aus Gründen der Gewinnmaximierung bis an die Grenze maximal bebaut werden, sondern es müssen Flächen für das Ungeplante, sich Entwickelnde bleiben. Es ist unsere Aufgabe als Architekten und Städtebauer und auch der Job der Behörden, solche Möglichkeitsräume zu schaffen, Flächen zur Aneignung zur Verfügung zu stellen. Klar ist daher: Die kommunale Politik muss schleunigst umdenken. Das, was städtebaulich etwa im Jahr 2000 geplant wurde, muss im Jahr 2021 auf den Prüfstand, selbstverständlich auch unter dem Aspekt des erschreckend schnellen Klimawandels, der die Aufheizung der Städte mit sich bringt. Ein „Weiterso“ oder „Das ist schon so lange geplant, da wurden schon Vorarbeiten geleistet oder dem Investor Versprechungen gemacht“ ist ängstliches Bürokratie-Denken und peinlich. Das muss nach dem neuen Bericht des Weltklimarats nun wirklich jeder verstanden haben.  

Verändert auch Corona Architektur und Stadtplanung?

Ja. Mit dem steigenden Anteil von Homeoffice gibt es plötzlich für viele Menschen eine neue Chance, anders zu leben. Es gibt einen Trend raus aus den Städten.

Auch raus aus Hamburg?

Ja. Die Menschen ziehen auch hier in die Peripherie oder noch weiter weg, irgendwo in die Natur. Das ist keine unrealistische, romantische Idee, sondern genau das wird kommen. Menschen finden auf dem Land eine gewisse Geborgenheit. Das entspricht dem wachsenden Bedürfnis nach einer besseren Work-Life-Balance der jüngeren Generationen. Städte müssen zur Kenntnis nehmen, dass es aus der Perspektive junger Eltern, die nur im Homeoffice arbeiten, wenig Grund gibt, in einer Stadt zu wohnen, in der ihre Kinder keine wilde Natur erleben oder nicht einfach mal Löcher in die Erde buddeln und sich dort mit dem Mountainbike ausprobieren können. Wer Kindern jedes Spiel durch Gestaltung oder Geräte vorgibt, hemmt ihre Phantasie, das ist auch wissenschaftlich erwiesen.

Der Hamburger Bezirk Nord genehmigt keine Einfamilienhäuser mehr. Einverstanden?

Ich verstehe den Wunsch nach dem Haus, um das man herumgehen kann. Ich verstehe den Wunsch, eine private Fläche gestalten zu können. Aber ich glaube nicht, dass es ein Recht auf ein Einfamilienhaus gibt. Jetzt noch neue Grünflächen mit Einfamilienhaussiedlungen zu bebauen, können wir uns leider ökologisch nicht mehr leisten. Grundsätzlich sollte auch innerstädtisch jede neu versiegelte Fläche durch eine entsiegelte kompensiert werden, und das darf nicht nur für private Grundstücke gelten. Diese Regel muss bei städtischen Grundstücken genauso eingehalten werden. Radikal, aber verantwortungsvoll.

An den Elbbrücken soll Hamburgs erster echter Wolkenkratzer entstehen. Ist der Elbtower unhanseatisch? 

Wenn es lediglich um die Höhe geht, könnte man das so sehen. Er fällt aus den Hamburger Maßstäblichkeiten heraus, und das soll er ja nach dem Willen seiner Erfinder auch. Den Entwurf von David Chipperfield finde ich aber architektonisch gut. Wenn man so ein städtebauliches Zeichen setzen will, dann geht das nur genau an diesem Ort, der gleichzeitig schwer zu nutzen und exponiert ist. Das beinhaltet aber die Verpflichtung, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen.

Das heißt?

Das Gebäude muss ohne Auto besser erreichbar sein als mit Auto. Das erfordert den entschlossenen Weiterbau der U4 Richtung Süden. Es muss auch Grün um den Elbtower herum geben, und zwar nachhaltiges, klimaförderndes Grün und keine Golfrasen-Deko mit drei japanischen Schnurbäumen. Und es wäre für mich eine zwingende Bedingung, dass die künftigen Büroflächen voll vermietet sind, bevor der erste Spatenstich gemacht wird. Ein ökologisch zweifelhafter Mega-Bau mit Leerstand, das ist für mich undenkbar. 

Ist Hamburg die schönste Stadt der Welt?

Hamburg ist eine fantastische und einmalige Stadt. Mit dem Hafen, mit dem Wasser, auch mit der grünen Umgebung. Für mich ist Hamburg Heimat, in der ich aufgewachsen bin. Ich liebe Hamburg.

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