Osnabrück

Ende der Ära Merkel: Was Promis der Bundeskanzlerin wünschen

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 22.08.2021 20:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
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Die Bundestagswahl rückt näher, die Ära Angela Merkel geht zu Ende. Annette Frier, Armin Rohde und andere Prominente verraten, was sie erwarten.

Was bleibt von der Ära Merkel? Was wird wichtig danach? Wer sollte die Geschicke unseres Landes in die Hand nehmen und wie optimistisch kann man in die Zukunft blicken? Wir haben fünf Schauspielern und einem Musiker drei gleichlautende Fragen gestellt - hier sind ihre Einschätzungen:

Wie behalten Sie die Ära Merkel in Erinnerung? Was war gut - was war schlecht?

Annette Frier: Erst seit der Geflüchtetenwelle 2015 habe ich Angela Merkel in ihrer Widersprüchlichkeit und ihrem besonnenen Politikstil extrem zu schätzen gelernt. Ich war in den letzten Jahren oft dankbar, dass wir in Deutschland eine stabile, verlässliche, demokratieschützende Regierung hatten. Das ist in dieser Welt offensichtlich eine Rarität. Leider gestaltet Stabilität und Besonnenheit aber keine visionäre Zukunft. Stichwort Energiewende, Digitalisierung, Klimawandel, weltweite soziale Gerechtigkeit. Das hat diese Regierung Merkel einfach verratzt. Sehr schade. Ist aber auch gar nicht das Parteiprogramm der CDU.

Armin Rohde: Mir ist inzwischen nicht mehr klar, wie weit der Lobbyismus mittlerweile bereits gediehen ist, inwieweit die Politik überhaupt noch die Richtlinien vorgibt oder ob sie einfach nur bestätigend oder ablehnend industrielle Vorgaben begleitet. Kann eine am wählenden Bürger orientierte Politik überhaupt noch stattfinden? Einerseits haben wir das viertgrößte Bruttosozialprodukt der Welt, anderseits beobachte ich, dass immer mehr Menschen unter Brücken schlafen, weil sie ihre Arbeit und ihre Wohnung verloren haben, und dass Existenzängste sogar in der Mittelschicht enorm zunehmen. Gesundheitspolitisch wird zwar eine Menge getan - aber wie es seit geraumer Zeit scheint, hauptsächlich auf dem Gebiet der Pandemie. Ich kenne Leute, die sich nicht mehr trauen, zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen oder an Depressionen erkranken.

Ralf Moeller: Wenn man so lange im Amt ist, macht man gute Sachen und weniger gute Sachen. Es war gut, dass sie damals die erste Flüchtlingswelle aus Syrien aufgenommen hat. Später kamen dann aber Leute, die überhaupt nicht aus Kriegsgebieten stammten. Es kamen Leute von überall, und da war auch sie überfordert und hat die ganze Sache extrem aus dem Ruder laufen lassen. Wenn ich eine Schulnote vergeben sollte, hätte ich dennoch gerne ein „Gut“ gegeben, aber in der Corona-Krise lag Merkels Regierung total daneben. 

„Bei Corona versagt“

Dass sie nicht frühzeitig Impfstoff bestellt haben, war ein absolutes Versagen. Letztes Jahr im Sommer war schon klar, dass die zweite Welle eine harte Welle wird, da hätte man sofort bestellen müssen. Dadurch sind wir drei, vier Monate zurückgefallen. Dass dann alte Menschen - wie ich es bei meinen Eltern erlebt habe - bei vier Grad am Sonntagmorgen zum Impfen gehen und ihre Rollatoren durch irgendwelche Wasserlöcher schieben müssen, war nicht akzeptabel. Das war ganz klar mangelhaft, das gibt als Gesamtnote dann höchstens eine Vier, aber leider nicht mehr. Von daher würde ich sagen: 16 Jahre reichen jetzt.

Heinz Rudolf Kunze: Anders als Adenauer, Brandt, Kohl und sogar Schröder wird sie nicht in Verbindung mit einer großen Vision oder einem großen Projekt in die Geschichte eingehen. Aber sie hat dieses Land besonnen durch schwierige Zeiten geführt. Auch wenn man über den Umgang mit der Atomenergie, der Flüchtlingsfrage und der Bankenrettung geteilter Meinung sein kann. Sie hat virtuos die SPD marginalisiert, dadurch aber den rechten Rand für eine unappetitliche neue Partei freigemacht.

Marcus Mittermeier: Man soll aufhören, wenn‘s am Schönsten ist, heißt es doch. Angela Merkel war sicherlich eine gute Bundeskanzlerin, die die Republik in vielen Bereichen nach vorne gebracht hat. Sie hat unser Land durch eine schwierige Phase geleitet und hat das mit Ruhe und Verlässlichkeit gemacht. Die europäische Finanzkrise, die schwierigen Beziehungen zu Russland oder Türkei, das komplizierte Gebilde EU und den Brexit, überall hat sie mit ruhiger Hand und Beharrlichkeit zu Stabilität geführt. Sogar im Verhältnis zum unberechenbaren Präsidenten der USA blieb sie aufrecht und stabil. Diese Standhaftigkeit hat sie auch innenpolitisch bewiesen, in der Flüchtlingskrise blieb sie menschlich, bei der Ehe für Alle modern. Letztlich hat sie sozialdemokratische Politik gemacht, die die SPD letztlich schwer geschwächt hat, weil alles der Kanzlerin zugesprochen wurde und kaum mehr was der SPD selber. 

„16 Jahre waren vielleicht zu lang“

Dennoch: Vielleicht waren (wie schon bei Kohl) 16 Jahre einfach zu lang. Sie wird nicht als Modernisiererin in die Geschichte eingehen. Gerade die Corona-Pandemie hat die Schwächen unsers Landes offengelegt. In Digitalisierung, Verwaltung, und Schule ist für ihre NachfolgerInnen einiges zu tun. Angela Merkel hat nur zum Teil Politik für die kommenden Generationen gemacht. Ihre Wirtschaftspolitik war erfolgreich, aber in Zukunfts-Bereichen fehlen wichtige Weichenstellungen. Sie hat das Internet als Neuland bezeichnet, als in den USA die großen Internetkonzerne längst marktdominant waren. Den Klimaschutz, den sie als Umweltministerin noch als die drängendste Zukunftsaufgabe verstand, stellte sie zu oft hinter den wirtschaftlichen Erfolg der Republik. Die nachfolgenden Generationen werden diese Versäumnisse aufholen müssen.

Thomas Darchinger: Für mich standen die Amtszeiten von Angela Merkel unter dem Stichwort “verwalten”. Ich denke, das Verwalten hat sie sehr respektabel gemacht. Mir haben aber eindeutig echte kraftvolle Visionen gefehlt und auch die Kommunikation mit uns BürgerInnen.

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Was werden die großen Themen der nächsten Legislaturperiode - und welche Politikerin oder welcher Politiker hat das Zeug, sie entschlossen anzugehen?

Annette Frier: Siehe Antwort 1! Persönlich wende ich mich hier trotz schlimmer Wahlkampfpannen hoffnungsvoll an das Gespann Baerbock/Habeck. Ob sie wirklich das Zeug dazu haben, keine Ahnung... Ich würde es gern auf einen Versuch ankommen lassen.

Armin Rohde: Durch Corona ist die drohende Klimakatastrophe in den Hintergrund gerückt, bei der von einflussreichen Menschen der neoliberalen Fraktion immer noch so getan wird, als sei das Verhandlungssache. Man kann aber mit dem Planeten nicht verhandeln und wir haben auch nur diesen einen. Da muss entschieden etwas passieren, auch Einschnitte, die mitunter wehtun. Ich habe schon vor einigen Jahren mein Auto abgeschafft und leihe mir nur noch eins, wenn ich mit sehr viel Gepäck unterwegs bin. Ansonsten bewege ich mich überwiegend zu Fuß oder mit dem Fahrrad, und Fleisch esse ich nur noch zu seltenen Gelegenheiten. Bei den politischen Parteien sehe ich momentan hauptsächlich Leute, die sich profilieren, weil sie an die Macht wollen. 

„Die Grünen scheinen mir sehr flexibel“

Natürlich haben sich die Grünen das Thema Umweltschutz ganz oben auf die Agenda geschrieben, aber ob sie danach auch handeln, wenn sie an der Macht sind, ist eine andere Frage. Die scheinen mir da sehr flexibel. Im Moment sehe ich kaum Köpfe, denen ich die intellektuelle, fachliche, diplomatische und menschliche Kompetenz in einem Umfang zutraue, dass ich sage: Der oder die wird das schon richten. Ich werde wählen gehen, weiß aber noch nicht, welche Partei. Neoliberale und/oder Faschisten werden es jedenfalls nicht sein.

Ralf Moeller: Man weiß ja, dass ich Armin Laschet schon vor seiner Wahl zum Ministerpräsidenten unterstützt habe. Und jetzt hoffe ich, dass es für die CDU mit der FDP als Koalitionspartner klappt. Die großen Themen werden ganz klar Klimaneutralität, Digitalisierung und Infrastruktur sein. Und natürlich das ganze Pflegewesen. Nur applaudieren reicht da nicht - im Gesundheitssektor muss sich auf jeden Fall etwas tun.

Heinz Rudolf Kunze: Ich wünschte mir eine Regierung, in der Friedrich Merz Seite an Seite mit Sarah Wagenknecht kämpfen würde. Träumen darf man ja mal. Für mich wichtige Themen der nächsten Zeit: Umgang mit dem Klimawandel, eine behutsame Flüchtlingspolitik und die spaltende Gendersprache.

Marcus Mittermeier: Das große Thema der kommenden Jahre wird selbstverständlich der gerechte und sozial verträgliche Umbau unseres Landes zur CO2-Neutralität sein. Hier haben wir viel Zeit verschenkt und jedes weitere Jahr Verzögerung ist eine Sünde gegenüber künftigen Generationen. Wir sind historisch und aktuell eine der Nationen mit der größten Verpflichtung zu nachhaltigem Wirtschaften. Wenn wir auch technologisch weiterhin eine unseren Wohlstand sichernde Industrienationen sein wollen, dürfen wir uns nicht zurücklehnen und warten bis andere Industrienationen den Vorsprung aufgeholt haben, sondern wir täten gut daran, jetzt mit Hochdruck CO2-neutralen Industrieprozessen zu arbeiten. Digitalisierung, eine nachhaltige Verkehrspolitik und die Sicherung der Rentensysteme stehen an. 

Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Ein wichtiger Punkt aber auch: Gerechtigkeit in allen Dimensionen: Generationengerechtigkeit, wie soziale Gerechtigkeit, die viele Menschen verschwinden sehen, weil sich Reichtum in den letzten Jahren im Verhältnis viel schneller vermehrt hat als Löhne. Der/die nächste BundeskanzlerIn muss die Frage der Gerechtigkeit im Blick behalten: sowohl in der Klima- als auch in der Sozial- und Steuerpolitik. Versprechungen zu solcher Politik gibt es bei allen drei Parteien mit Regierungsambitionen. Ich persönlich glaube aber, dass nach 16 Jahren mal eine andere Partei an der Reihe sein sollte, das Land zu führen. Nach 16 Jahren tut frischer Wind gut.

Thomas Darchinger: Am Umweltschutz wird keine Regierung vorbeikommen. Auch an der Schere zwischen Arm und Reich, lokal und global. Grundsätzlich sollten wir unseren Lebensqualitäts-Entwurf in der westlichen Welt deutlich nachjustieren. Aus meiner Sicht rennen wir zu sehr alten Idealen hinterher, zu viel Arbeit und Karriere, zu viel Konsum, zu wenig Zusammenhalt.

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?

Annette Frier: Ich schaue optimistisch in die Zukunft. Wir können viel mehr schaffen, als wir glauben. Das braucht allerdings Mut, Humor und Liebe. Meine Meinung. Kühle Intellektualität, Zynismus und Härte überlasse ich den Kritikern.

Armin Rohde: Ja, weil ich glaube, dass da eine Generation heranwächst, die sich viele Gedanken macht. Ich setze viel Zutrauen und Hoffnung auf diese Generation, weil da viel Realismus und Potenzial ist. Ich komme aus der Hippie-Zeit, den Siebzigerjahren, ich war kurze Hose Holzgewehr, ein idealistischer Träumer. Unter den jetzigen jungen Leuten gibt es viel mehr Realisten. Sie sind ja auch gezwungen, realistisch zu sein, weil sie mitkriegen, was mit diesem Planeten passiert. Die machen keineswegs nur Computerspiele und Partys.

Ralf Moeller: Ich war immer Optimist und schaue auch jetzt optimistisch nach vorne. Aber es wird nicht einfach. Ich rechne mit steigender Arbeitslosigkeit durch die Pandemie, die wirtschaftlichen Probleme kommen erst noch. Aber wir werden sie meistern, wenn mit Armin Laschet und Christian Lindner ein dementsprechendes Team am Ruder ist.

Heinz Rudolf Kunze: Ich blicke nie optimistisch in die Zukunft, freu mich aber, wenn ich mich irre.

Marcus Mittermeier: Es wird leider noch lange eine Minderheit geben, die sich gegen die notwendigen Veränderungen beim Klimaschutz stellen wird. Corona gibt da einen Vorgeschmack. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir Ziele, wie Klimaneutralität, Gerechtigkeit und wirtschaftliche Stärke erreichen können. Wir sollten uns allerdings schnell auf den Weg machen.

Thomas Darchinger: Immer mit Optimismus! Ohne geht man schlecht durchs Leben. Ich glaube an uns. Aber wir sollten uns auf unsere echten Qualitäten besinnen und gemeinsam handeln. Es ist Zeit, unsere Demokratie weiter zu entwickeln, durch Miteinander, Vielfalt, Offenheit. Wir brauchen einen neuen Pioniergeist und den Mut, auch mal ein paar aus den Fugen geratene Entwicklungen zu stoppen.

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