Wedel/Kabul

Schüsse, Tote und viel Leid: Bericht eines Familienvaters aus Kabul

Florian Kleist
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Von Florian Kleist
| 20.08.2021 22:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
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Mit seinem Tablet hält Mustafa aus Wedel Kontakt zur Familie in Afghanistan. shz.de sprach so mit seinem Onkel in Kabul. Er berichtet über das Leben unter den Taliban und warum nur der älteste Sohn einkaufen geht.

Als Naqeeb N. vor gut zwei Wochen erfuhr, dass die Taliban immer mehr Städte in Afghanistan einnehmen, habe er sich immer gesagt: „Wir haben doch eine Armee? Wir haben einen Präsidenten? Die Taliban werden nicht weit kommen.“

Die Hoffnung blieb und erfolgreich verdrängte er die Gedanken daran, dass die selbsternannten Gotteskrieger wie bis vor 20 Jahren die Macht in Afghanistan übernehmen. Bis am vergangenen Sonntag zwei Kugeln durch die Fassade seines Hauses in Kabul schlugen, quer durchs Wohnzimmer flogen und dann neben seinem Fernseher in der Innenwand steckenblieben.

Taliban-Kämpfer hatten mit Waffengewalt eine benachbarte Polizeiwache übernommen. Dann sei dem 58-Jährigen klargeworden, dass die Taliban gekommen sind, um die Zeit wieder zurückzudrehen.

Kontakt nach Deutschland über das Tablet des Neffen in Wedel     

Der Neffe von Naqeeb N., Mustafa, ist vor sieben Jahren aus Afghanistan geflohen und lebt inzwischen in Wedel. Mustafas Mutter hat ihr Heimatland einige Jahre nach ihrem Sohn ebenfalls verlassen und mit den übrigen Kindern in der Türkei einen Zufluchtsort gefunden. Ihre Geschwister - Mustafas Onkel und Tanten - sind mit ihren Familien in Kabul geblieben.

Übers Internet hält er per Videotelefonie Kontakt mit seinen Verwandten in Kabul. An diesem Abend - wenige Tage nach der endgültigen Machtübernahme der Taliban - ist die oftmals sehr schlechte Internetverbindung vergleichsweise stabil und Naqeeb N. lädt über das Tablet seines Neffen in sein Haus in Kabul ein. Er schildert gegenüber shz.de seine Sicht der Dinge auf die Ereignisse in Afghanistan und speziell in der Hauptstadt Kabul.

Bevor die Taliban in Kabul einmarschierten, war Naqeeb N. Lehrer. Seine vier Kinder - drei Jungen und eine Tochter - gingen zur Schule oder hatten bereits einen Job. Seine Geschwister lebten in eigenen Wohnungen oder Häusern in Kabul und hatten ebenfalls Arbeit. Seit vergangenen Sonntag ist die Welt eine andere. „Meine Brüder sind alle mit ihren Familien zu mir gezogen. Wir leben jetzt in einem Haus mit fünf Zimmern“, erzählt Naqeeb N.

Überall in der Stadt sind Taliban-Kämpfer zu sehen. Manche zu Fuß, manche auf der Ladenfläche von Pick-Ups, alle bewaffnet. Die Rollläden in Naqeeb Ns. Haus sind runtergezogen, die Türen zusätzlich mit Balken gesichert. 

Die meiste Zeit verbringt die Familie gemeinsam im Keller. Aus Angst vor weiteren Querschlägern, die die dünnen Holzwände durchstoßen. Nur gemeinsam fühlen sie sich in dieser unsicheren Zeit sicher. „Und Arbeit haben wir im Moment sowieso nicht. Meine Schule ist wie alle anderen Schulen im Land geschlossen.“

Naqeeb N. ist ein höflicher und gebildeter Mann, der immer wieder mit einem einnehmenden Lächeln von seinen müden Augen ablenkt. Und er hat einen Schnauzbart - nur auf der Oberlippe. Das reicht offenbar nicht, um sich auf den Straßen Kabuls derzeit sicher zu fühlen. „Die Einkäufe erledigt im Moment mein ältester Sohn. Denn er hat den längsten Bart.“ 

Die Läden hätten zwar weitgehend geöffnet. Aber die Preise seien binnen weniger Tage gestiegen. „Alles kostet jetzt das Doppelte oder Dreifache.“

Die Taliban würden zwar immer wieder signalisieren, dass sie respektvoll mit anderen umgehen werden und auch die Rechte von Frauen stärker berücksichtigen. Aber das sind Aussagen, denen Naqeeb N. nur schwer Glauben schenken kann. „Die mutigen Frauen tragen im Moment nur ein Kopftuch und die Taliban lassen sie passieren.“ 

Aber schon jetzt würden die Frauen, die weniger selbstbewusst sind, wieder den afghanischen Ganzkörperschleier, die Burka, tragen. Und Naqeeb N. fürchtet, dass Frauen bald nicht mehr die Wahl haben werden, ob sie auch ihr Gesicht verhüllen und nicht nur die Haare. Und die Burka wieder zur Vorschrift wird.

Naqeeb N. kennt die Bilder von den Menschenmassen, die am Flughafen von Kabul auf eine Möglichkeit hoffen, das Land verlassen zu können. Wie er erzählt, sei das aber nur die halbe Wahrheit. „Es passiert im Moment so viel Leid und so viel Schreckliches auf dem Weg zum Flughafen.“ Dort, wo die Kameras der westlichen Medien nicht präsent sind.

„Es gibt so viele Menschen - auch Frauen und Kinder - die auf dem Weg zum Flughafen sterben.“ Im Gedrängel aber auch durch die Taliban. Auch er habe überlegt, den Versuch zu starten, mit seiner Familie bis zum Flughafen vorzudringen. „Aber nein, das ist im Moment viel zu gefährlich.“

In vielen Sätzen von Naqeeb N. ist zu hören, dass er hin- und hergerissen ist: Zwischen der Hoffnung, dass ein erneutes Leben unter den Taliban nicht so schlimm wird wie in der Zeit vor dem Einmarsch der US-geführten Truppen im Jahr 2001. Und der Angst, dass die Taliban an allen, die nicht ihren Weg unterstützt haben, Rache nehmen - und somit alles noch schlimmer wird. 

Auf die Frage, ob die Taliban im Jahr 2021 ideologisch dieselben sind wie die vor 2001, antwortet er: „Die Taliban sind dieselben. Aber wir, das afghanische Volk, haben uns geändert.“ Sie hätten zumindest ein Gefühl für ein Leben in Freiheit bekommen.

Druck auf Iran und Pakistan, damit die auf die Taliban einwirken

Auf dem Weg zu einem für ihn und seine Familie besseren Afghanistan hält Naqeeb N. ein erneutes militärisches Eingreifen westlicher Truppen für falsch. Besser sei es, Druck auf die muslimischen Nachbarländer Iran und Pakistan auszuüben, damit diese wiederum Druck auf die Taliban ausüben. „Sie wissen, wie man mit den Taliban redet.“ Aber für ihn ist auch klar: „Ohne Europa und Amerika geht es nicht.“

Wie genau es eine friedliche Lösung für sein Land geben kann und wie die Zukunft für ihn, seine Familie und Afghanistan aussehen wird, dass weiß Naqeeb N. nicht. Aber er hat eine Botschaft an die Menschen in Europa und alle, die jetzt über sein Land reden und Entscheidungen treffen: „Vergesst nicht, dass wir Menschen sind. Und dass wir ein Leben ohne Angst wollen.“       

*Um die Personen in diesem Bericht zu schützen, wurden alle Namen geändert. Das Gespräch mit Kabul wurde am Donnerstag, 19. August, über ein Tablet per Video-Telefonie in der afghanischen Landessprache Dari geführt. Der in Wedel lebende Neffe hat dabei übersetzt.

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