Berumerfehn
Helfen ist für ihn ein Reflex
Der 22-jährige Marvin Rüst aus Großheide zog am Montagabend mit seinem Rettungsrucksack durch Berumerfehn, um den Menschen nach dem Tornado zu helfen. Für ihn selbst gar nichts Besonderes.
Berumerfehn - Für ihn selbst war es eigentlich nur ein Reflex. Für alle anderen, ist das, was Marvin Rüst am Montagabend direkt nach dem Tornado getan hat, etwas Besonderes. Anonym, ohne dass ihn jemand darum gebeten hätte, zog er durch Berumerfehn und half, wo seine Hilfe gebraucht wurde.
Marvin Rüst ist 22 Jahre alt, wohnt in Großheide und ist gelernter Rettungshelfer. Er arbeitet bei der Firma Offshore Response and Safety GmbH (ORS) in Rastede. Am Montag geriet er auf dem Heimweg von der Arbeit mitten in die Auswirkungen des Tornados. Nur wenige Minuten, nachdem der Tornado durch Berumerfehn gefegt war, fuhr Rüst mit seinem Auto auf der Westerwieke in den Ort. Sein erster Gedanke beim Anblick der Straßen und Häuser: „Hier muss etwas explodiert sein“, sagte er im Gespräch mit den ON. Er stellte seinen Wagen am Straßenrand ab, ohne zu wissen, ob er selbst noch in Gefahr war. „Ich wusste nicht, ob hier gleich noch etwas explodiert, eine Gasleitung oder so etwas“, sagte Rüst. Gleichzeitig mit ihm traf die Feuerwehr ein. Ein befreundeter Feuerwehrmann sagte ihm, dass ein Tornado den Ort getroffen hatte.
Rüst: „Viele Menschen weinten am Straßenrand“
Statt sich wieder in seinen Wagen zu setzen und zu versuchen irgendwie nach Hause zu kommen, holte Rüst seinen Rettungsrucksack aus dem Kofferraum und bahnte sich seinen Weg über entwurzelte Bäume, Dachteile, Balken, Schutt. Sein Ziel: Die Anwohner in Berumerfehn. Er ging von Haus zu Haus, von Grundstück zu Grundstück, um zu prüfen, ob Menschen seine Hilfe brauchen. „Viele Menschen standen auf ihren Grundstücken, waren komplett aufgelöst und weinten“, erzählte Rüst seine ersten Eindrücke.
Medizinisch musste Rüst an diesem Abend nicht eingreifen. Wie durch ein Wunder war durch die Zerstörung des Tornados niemand verletzt worden. Und dennoch brauchten viele Menschen seine Hilfe. „Es waren viele Leute, die beruhigende Worte brauchten, die betreut werden mussten, weil sie von den Ereignissen so geschockt waren“, sagte Marvin Rüst.
Ein Baum drohte auf ein Haus zu stürzen
Weil keine Verletzten da waren, fing der junge Mann an, zu koordinieren. Da waren zum Beispiel zwei 17 und 18-jährige Jugendliche, die allein zu Haus waren, erzählte er vom Erlebten. Ein Baum drohte auf das Haus zu stürzen. „Die Leute wussten nicht, was sie tun sollten. Vermutlich wären sie einfach wieder ins Haus gegangen“, sagte Rüst. Damit das nicht geschieht, rief Marvin Rüst die Feuerwehr, damit sie kommt und den Baum absägt. Und so bahnte sich seinen Weg durch den Ort. Immer auf der Suche, ob Menschen seine Hilfe brauchen.
Dass das im Nachhinein von öffentlichem Interesse sein könnte, hat Marvin Rüst selbst komplett überrascht, wie er sagt. Er sah seinen Einsatz so: „Das ist wie bei einem Verkehrsunfall. Da steigt man ja auch aus und hilft. es war so viel los an dem Abend, dass ich das gar nicht richtig realisiert habe. Ich habe mein eigentliches Ziel komplett vergessen. Das war viel mehr wie ein Reflex, zu helfen.“
Helfen liegt Marvin Rüst im Blut
Dieser Reflex kommt nicht von ungefähr. 2018 begann Rüst sein Freiwilliges soziales Jahr beim Landkreis Aurich. Als sein Hobby nennt er sein Engagement beim Deutschen Roten Kreuz Hage/Großheide. Sein Beruf ist es, Menschen im Offshore-Bereich im Notfall zu retten. Das Helfen liegt Marvin Rüst quasi im Blut. Eine Eigenschaft, die den Menschen in Berumerfehn am Montag zu Gute kam. Umso überraschter sei er gewesen, als plötzlich der NDR in seiner Firma angerufen und sich nach ihm erkundigt habe, sagte er. Denn eigentlich hatte er sich zunächst Sorgen gemacht, ob er überhaupt in seiner Arbeitskluft vom ORS unterwegs sein durfte, um zu helfen. Am Ende machte es genau diese Arbeitskleidung mit Sicherheitsschuhen etc. möglich, dass er helfen konnte. Sein Arbeitgeber teilte Rüsts Sorge nicht. Im Gegenteil, dieser war laut Rüst „sehr erfreut“ darüber, dass er so geholfen hat, erwähnte dies am nächsten Tag noch einmal extra vor den Kollegen. Auch seine Familie sei stolz auf ihn gewesen, sagte Rüst. Die seien es allerdings mittlerweile gewöhnt, dass ihr Sohn und Bruder häufiger bei Katastrophen dabei ist, sagte er.
Für Marvin Rüst selbst war sein Einsatz in Berumerfehn alles andere als Routine, sagte er. Keinen Einsatzbefehl zu haben, nicht zu wissen, was auf einen zukommt, ob man das Richtige tut, alles auf eigene Faust entscheiden zu müssen, sei auch für ihn ein besonderer Einsatz gewesen.