Osnabrück
Zum Festival nach Bremen oder Papenburg? Es ist beides richtig!
Die Niedersächsischen Musiktage und das Musikfest Bremen eröffnen dieses Jahr am selben Tag. Und so unterschiedliche Schwerpunkte beide Festivals setzen: Beide begreifen Kultur als Mittel, um die Gemeinschaft zu stärken.
Es ist eine unglückliche Fügung, dass das Musikfest Bremen und die Niedersächsischen Musiktage in diesem Jahr am selben Tag eröffnen, und das ausgerechnet, wenn die Musiktage in Papenburg, Meppen und Lingen starten, also im Dunstkreis der Hansestadt. Geschuldet ist das, wie so vieles, der Corona-Pandemie: Sie hatte im letzten Jahr zur Absage beider Festivals geführt, sie hat die Kollision beider Festivals auf dem großen Termin-Verschiebebahnhof verursacht.
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Für manch einen mag das zur Qual der Wahl führen; die gute Nachricht: Eine falsche Entscheidung gibt es in diesem Fall nicht. Das Musikfest eröffnet traditionell mit der „Großen Nachtmusik“, einem Wanderabend zu den markanten Punkten der Bremer Altstadt, vom Rathaus bis zum Landgericht, vom Haus der Bürgerschaft bis zur Kirche St. Johann im Schnoor reicht das Spektrum in 18 Konzerten von der Mozartsinfonie mit dem Orchester Les Siècles unter François-Xavier Roth über Cellosuiten von Bach mit Nicolas Altstaedt bis zum Jazz-Funk mit dem Hypnotic Brass Ensemble.
Die Niedersächsischen Musikttage begehen die Eröffnung ebenfalls mit einem Konzertmarathon, der sich über zwei Tage erstreckt. Auch hier geht es um musikalische Vielfalt: Das Ensemble Reflektor sowie der Tenor Michael Porter und die Hornistin Amanda Kleinbart spielen zunächst in der Alten Kesselschmiede in Papenburg Musik von Benjamin Britten und Wolfgang Amadeus Mozart. Anschließend führt der Abend ins Kabarett der 1930-er Jahre: Ethel Merhaut singt Chansons aus dieser bewegten Zeit. Den nächsten Tag eröffnet der Pianist Markus Becker mit einem seiner Grenzgänge zwischen Klassik und Jazz: „Re: Beethoven“ hat er das Programm überschrieben, und er nimmt dabei unter anderem die „Appassionata“ als Ausgangspunkt für seine Improvisationen. In Meppen und Lingen folgt schließlich jeweils ein Open-Air-Konzert, bei dem der Schauspieler Barnaby Metschurat aus dem Roman „Arbeit“ von Thorsten Nagelschmidt liest, einer brillanten Beschreibung des heutigen Berlin. Ethel Merhaut ergänzt die Lesung mit ihren Chansons.
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Mit Musik das Gemeinwohl stärken
Die Niedersächsische Sparkassenstiftung hat das erkannt, deshalb hält sie die Musiktage gerade in dieser turbulenten Zeit für ein wichtiges Instrument, „um das Gemeinwohl zu stärken“, sagt Cybinski. Das hat auch mit dem besonderen Charakter dieses Festivals zu tun: Nach der Eröffnung öffnen sich die Musiktage in die Fläche und bringen in ganz Niedersachsen „Spitzenkultur in Regionen, wo das nicht alltäglich ist“, sagt Cybinski. Unter anderem interpretiert der Chor Capella Amsterdam in der St. Viktor Kirche in Damme den Kanon Pokajen von Arvo Pärt (7. September), und im Theater Osnabrück gastiert am 25. September „Roomfull of Teeth“, eines der spannendsten Vokalensembles der USA, das Gesangstechniken aus etlichen Kulturen dieser Welt zusammenführt.
Auch das Musikfest Bremen geht längst über die Grenzen der Hansestadt hinaus und bespielt ganz Nordwestdeutschland. So wird die Kesselschmiede im Forum Alte Werft in Papenburg Schauplatz einer „Fusion Night“ (12. September) - auch diese Facette der Musikwelt beleuchtet das Musikfest. Ein Juwel ist außerdem immer das Arp-Schnitger-Festival, das die reiche ostfriesische Orgellandschaft auf die überregionale Bühne holt. Und einen besonderen Höhepunkt setzt dabei Doyen der Orgelszene, Harald Vogel: Er hat in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert und spielt aus diesem Anlass am 3. September höchstselbst an der Ahrend-Orgel in der Zionskirche in Worpswede - ein modernes Instrument in der Tradition Arp Schnitgers.
Darüber hinaus hat Albert wieder eine Reihe maßgeblicher Größen der Klassikszene fürs Musikfest verpflichtet: Pianist Daniil Trifonov ist darunter (31. August in der Glocke), das katalanische Theaterkollektiv La Fura Dels Baus (5. September im BLG-Forum der Überseestadt), Teodor Currentzis mit dem SWR Sinfonieorchester (17. September, Glocke). Philipp Herrweghe ist sowohl mit dem Collegium Vocale Gent zu erleben (9. September, Unser Lieben Frauen Kirche, Bremen, und 10. September, St. Petri Kirche Westerstede), sowie mit dem Orchestre des Champs-Elysées (16. September, Glocke). Das hat seinen Grund: Philipp Herrweghe wird dieses Jahr mit dem Preis des Musikfests Bremen ausgezeichnet - für „seine sensationellen Beiträge“ zur Musizierpraxis - und zur Vermittlung von Musik „mit Persönlichkeitskraft, um ein Publikum zu erreichen“, sagt Albert. Und das ist ja ein zentrales Anliegen sowohl des Musikfests Bremen, als auch der Niedersächsischen Musiktage. Und das, hier wie da, auf allerhöchstem Niveau.