Osnabrück
Stipendien für Künstler in Niedersachsen: Ein Rohrkrepierer?
Das Ministerium für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen vergibt Stipendien für soloselbständige Künstler, doch die Künstler protestieren. Der Vorwurf: Das Programm gehe an ihrer Lebensrealität vorbei.
Mit seinem aktuellen Stipendienprogramm für soloselbständige Künstler hat das Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen (MWK) Gutes im Sinn: Bis zu 7200 Euro können Künstler beantragen. „Gefördert werden innovative Projekte in den Sparten Bildende Kunst, Musik, Darstellende Künste und Literatur, einschließlich ihrer Vermittlung“, heißt es auf der Homepage des MWK; insgesamt stehen seit 15. Juli zwei Millionen Euro zur Verfügung. Fragt sich nur, ob die Gelder abgerufen werden.
NRW: 195 Millionen Euro - Niedersachsen: zwei Millionen Euro
„Das Programm wäre vor einem Jahr wichtig gewesen“, sagt der freischaffende Dirigent Thomas Posth. „Jetzt haben alle wieder viel zu tun.“ Im vergangenen Jahr sah das anders aus: Da hatte der erste Lockdown die freischaffenden Künstler ausgebremst und ihre Einkünfte auf Null fallen lassen. Andere Bundesländer reagierten und schon damals Stipendien aufgelegt. Das Land Nordrhein-Westfalen zum Beispiel hat am 20. August vergangenen Jahres begonnen, die freischaffenden Künstler mit einem Stipendienprogramm zu unterstützen - und das 15.000 Mal. Das ergibt einen Gesamtbetrag von 105 Millionen Euro. Weitere 90 Millionen Euro machte NRW für den Zeitraum von April bis September locker. Nochmal: Niedersachsen hat jetzt zwei Millionen Euro bereitgestellt. Allerdings hält sich die Antragsflut in Grenzen: 62 Anträge seien bisher eingegangen, heißt es aus dem MWK.
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An der Zurückhaltung der Künstler könnte ein Passus maßgeblichen Anteil haben: „Zur Sicherstellung des Lebensunterhalts darf das Stipendium allerdings nicht verwendet werden“, heißt es auf der Homepage des Ministeriums. Das stößt sauer auf: „Nicht zuletzt fördert das Programm keine Honorare der Antragsstellenden - damit können die Soloselbstständigen ihre eigene Arbeit und ihre Arbeitszeit nicht anrechnen“, schreibt der Landesverband freier Theater in Niedersachsen diese Woche in einem offenen Brief. „Ein Programm, das einen solchen Ausschluss vorsieht, geht zum einen an den aktuellen Bedarfen der Soloselbstständigen vorbei und kann zum anderen schlichtweg nicht unter dem Begriff des Stipendiums firmieren.“
Trauriges Alleinstellungsmerkmal für Niedersachsen
Was der Theaterverband noch relativ milde ausdrückt, formuliert Posth drastischer: Man könne das Programm „komplett einstampfen“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion, es sei „sinnlos und kontraproduktiv“, weil es keine weitere strukturelle Unterstützung für die Künstler gebe.
So hart urteilt Hannah Jacob, Geschäftsführerin im Landesverband freier Theater in Niedersachsen e.V., nicht. Zwar sagt sie, das Programm wecke „Erwartungen, die es nicht einlöst“, das Stipendium decke Reisekosten ab oder Anschaffungen bis zu einer Höhe von 3000 Euro, und sogar Dienstleister wie Programmierer könnten darüber bezahlt werden. Aber ein Honorar für die eigene Arbeit verbieten die Förderrichtlinien. „Damit hat Niedersachsen ein trauriges Alleinstellungsmerkmal“, sagt Jacob. Aber das Stipendium könne helfen, kulturelle Vermittlungsformen für die Zeit nach der Pandemie zu entwickeln.
Immerhin hat das MWK jetzt nach einem Gespräch mit Vertretern des Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur die Antragsfrist um zwei Wochen, bis 31. August verlängert. Trotzdem werden die niedersächsischen Künstler das Gefühl nicht los, im falschen Bundesland zu leben. „Würde ich in NRW wohnen, hätte ich 20.000 Euro mehr auf dem Konto“, sagt ein Musiker im Gespräch mit der Redaktion.