Berlin

Wie gut funktioniert eigentlich das neue Berliner Humboldt-Forum?

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 09.08.2021 14:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Es sieht historisch aus, soll aber ein Labor für das 21. Jahrhundert sein: das Berliner Humboldt-Forum. Wie gut funktioniert das neue Super-Museum? Ein Besuch.

Die Fassadenlänge des Berliner Humboldt-Forums beläuft sich auf 1100 laufende Meter. Das derzeit wichtigste Exponat im Schlossgeviert bringt es auf ganze 3,7 Zentimeter. Das Figürchen eines Mammuts aus der Vogelherdhöhle bei Heidenheim könnte man bequem zwischen Daumen und Zeigefinger halten. Es lässt die kreatürliche Energie des Tiers, ebenso wie die kreative Kraft des unbekannten Künstlers spüren. Das um 35000 vor unserer Zeit entstandene Mini-Mammut ist der stille Star des gerade eröffneten Humboldt-Forums. Er findet sich eine Präsentation zur Geschichte des Elfenbeins, die zweierlei Geschichten verwebt - jene der Tiere und jene des Umgangs der Menschen mit ihnen. „Schrecklich schön“: Der kritische Blick gilt dem Menschen, der im Zeichen des Kolonialismus Raubbau an anderen Völkern und Kulturen und an der Natur betrieben hat. Eine Geschichte, wie gemacht für das Humboldt-Forum und seine Mission eines neuen Blicks auf Mensch und Natur, Zivilisation und Umwelt. Hier weiterlesen: Humboldt-Forum eröffnet mit sechs Ausstellungen.

Fischschwarm auf dem Kosmograf

Es ist richtig warm, an diesem Augusttag in der Mitte Berlins. Das Humboldt-Forum ist endlich offen. Die Menschen kommen, staunen und, ja, irren auch ein wenig umher zwischen Eosander-Portal und Schlüterhof. Den Kopf in den Nacken legen und nach oben schauen, das Smartphone zücken und erste Bilder machen, den Lageplan entfalten und nach Richtungen suchen: Das Verhalten der Besucher zeigt deutlich, dass sich hier niemand auf den ersten Blick zurechtfindet. Zu neu, zu ungewohnt ist dieser Riesenbau, zu unklar bislang wohl auch, wofür dieses Humboldt-Forum eigentlich steht, in Deutschland und der Welt. Neben dem Kassendesk in der Eingangshalle reckt sich der Kosmograf empor, ein Medienturm von 25 Metern Höhe. Über die Bildschirme fluten Fischschwärme. Irgendwie soll hier alles zueinander finden, so lautet wohl die Botschaft. Aber wie genau?

Historisch und doch von heute

Irgendwie historisch, zugleich aber ganz von heute: Das rekonstruierte Berliner Stadtschloss wirkt wie ein blitzblank poliertes Riesenspielzeug, das aus dem Überraschungsei der Geschichte in die Berliner Mitte gekullert ist. Ein Zwitter aus schwungvollem Barock und starrer Gitterstruktur, ein Mischling aus Preußens Glorie und der Neutralität des Digitalzeitalters: Schlossfassaden in warmem Sandton, zur Spree hin aber eine Front, die sich auch gut in das Verwaltungsgebäude der Deutschen Bahn an der Invalidenstraße einfügen würde. Palazzo, Piazza, Loggia: Wenn es um seinen Schlossentwurf geht, bemüht Franco Stella alle Poesie der Architektensprache. Nur das gebaute Ergebnis entfaltet weder Schwung noch Wärme. Das Hin und Her der Besucher spricht für sich. Hier fühlen sich nur wenige gleich zu Hause.

Labor für das neue Jahrhundert

Aber passt dieser Effekt der Verfremdung nicht gerade zu dem in die Schlosshülle eingepassten Humboldt-Forum, das ja ein ein Labor für das 21. Jahrhundert sein soll? Heimelige Identifikation stört nur, wenn eine Kulturmaschine rotiert, die den Kulturdiskurs des noch einigermaßen jungen Jahrhunderts auf Touren bringen soll. In diesem Diskurs sehen die Planer des Humboldt-Forums bislang aber nicht besonders gut aus. Vor allem die Debatte um die Rückgabe von Objekten, die während der Kolonialzeit Menschen in Afrika oder Ozeanien abgenommen wurden, führen Experten wie die Kunsthistorikern Bénédicte Savoy oder der Historiker Götz Aly, aber nicht die Programmmacher des Humboldt-Forums. Um das Prachtboot von der Südseeinsel Luf tobt nach der Buchveröffentlichung von Götz Aly gerade eine heftige Debatte. Es soll im Humboldt-Forum ab dem Frühherbst zu sehen sein. Aber wie vermittelt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dann jene Bedingungen, unter denen das Boot einst nach Berlin kam?

Der Ungeist des Rassismus

Immerhin konturieren die zur Eröffnung des Forums präsentierten Ausstellungen deutlich seinen programmatischen Kern. Vor allem „Schrecklich schön“ zeigt anhand der Geschichte des Elfenbeins, wie der Mensch Natur angeeignet und ausgebeutet hat. Damit Künstler Figuren oder Billardkugeln aus dem sogenannten weißen Gold formen konnten, mussten Elefanten und andere Tiere sterben. Kunstwerke und Artensterben, Kulturentwicklung und Rassismus - diese Themen erweisen sich als miteinander verwoben, sobald man nur die Geschichte des Elfenbeins konsequent erzählt. Hier der weiße Naturstoff als Zeichen der Reinheit, dort die Afrikaner, die im Kontrast dazu als schwarz und minderwertig dargestellt wurden: In den Bildern der Kolonialherren offenbart sich der aggressive Ungeist rassistischer Herabsetzung.

Fast ein wenig überinszeniert

Das alles bieten die Ausstellungsmacher mit viel technischem Aufwand dar. Ob Vitrine oder Bildschirm, Diskussion oder Workshop - das Programm rund um „Schrecklich schön“ wirkt engagiert, fast ein wenig überinszeniert. Nicht nur in dieser Ausstellung, sondern im ganzen Forum drängt sich eine bisweilen überdrehte Euphorie der Vermittlung in den Vordergrund. Überall soll gelernt, begriffen, diskutiert, verstanden werden. Die Kultur, die hier dargeboten wird, folgt aktuellen Leittrends. Kultur muss nahe am Event, immer ein Bildungserlebnis und niedrigschwellig sein, um Akzeptanz zu finden.

Auch ein Palast der Republik

Das Humboldt-Forum verrät den Ehrgeiz seiner Programmmacher, in diesen Punkten unbedingt auf der richtigen Seite sein zu wollen. Die Besucher machen sich derweil neugierig auf den Weg durch Höfe, Passagen, Geschosse. Sie durchstreifen neugierig und noch ein wenig irritiert jenen Schlossbau, der an jenen Bau erinnert, den er ersetzt hat. Dieses Schloss ist auch ein Palast der Republik, nur einer Republik, die im 21. Jahrhundert unbedingt weltoffen, aufgeklärt und kommunikativ erscheinen will.

Das Berliner Humboldt-Forum besuchen: Zu allen wichtigen Informationen geht es hier.

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