Aurich
Prozess: „Mit normalem Sexualverhalten hat das nichts zu tun“
Der Chefarzt der Auricher Frauenklinik sagte am Mittwoch vor dem Landgericht Aurich aus. Er hatte die Auricherin behandelt, die von einem Leezdorfer vergewaltigt worden sein soll.
Aurich - Solche Verletzungen habe er in 25 Jahren Arbeit mit Sexualdelikten noch nicht gesehen. Das sagte der Chefarzt der Auricher Frauenklinik Dr. Helmut Reinhold vor dem Landgericht Aurich über eine Patientin, die er Anfang 2019 behandelte. Ihr Liebhaber soll sie beim Geschlechtsverkehr so schwer zugerichtet haben. Unabsichtlich, sagte der Leezdorfer. Die Aussagen des Arztes widersprechen dem.
Der Leezdorfer wurde wegen schwerer Vergewaltigung bereits vom Amtsgericht Norden zu drei Jahren Haft verurteilt. Er ging in Berufung, vor einer Woche begann der Prozess am Landgericht Aurich. Dort beschrieb der Leezdorfer, wie er die Auricherin kennenlernte, es sei zu einer kurzen Liebesbeziehung gekommen, dann habe man sich aus den Augen verloren. Einen Monat später hätten sich die beiden wiedergesehen. Nach einer Partynacht seien sie zum Haus des Leezdorfer gegangen. Dort habe es erst einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gegeben. Danach sprach das Paar nach Aussagen des Leezdorfers über verschiedene Sexpraktiken. Eine wollte er an der Auricherin ausprobieren. Er sei behutsam und vorsichtig vorgegangen, habe sich Zeit gelassen. Plötzlich habe die Auricherin Schmerzen verspürt, er habe Blut gesehen und einen Krankenwagen verständigt.
„Es war eine dramatische Situation“
Als er die Patientin im Krankenhaus das erste Mal sah, habe sie in einer Blutlache gelegen, sagte Dr. Reinhold. „Es war eine dramatische Situation“, sagte er vor Gericht. Der Arzt war sowohl als Zeuge, als auch als Sachverständiger geladen. Die Auricherin habe notoperiert werden müssen, ihre Situation sei lebensgefährlich gewesen, sagte der Chefarzt. Im OP-Saal zeigte sich ihm das Ausmaß der Verletzung. „Das ging über das normale Maß, was man sonst sieht, weit hinaus“, sagte er.
Bei seiner Arbeit behandle er öfter Opfer von Sexualdelikten, sagte Dr. Reinold. Spuren müssten an ihnen gesichert werden. Bei der Auricherin sei ihm der Gedanke gar nicht mehr gekommen, es sei in erster Linie darum gegangen, ihr Leben zu retten. „In 25 Jahren bei meiner Arbeit mit Sexualdelikten habe ich so etwas noch nicht gesehen.“ Sonst müsse man geradezu nach Verletzungen suchen, weil sie in der Regel klein seien.
„Mit normalem Sexualverhalten hat das nichts zu tun“
Die Wunden der Auricherin sprechen laut Dr. Reinhold für eine massive Kraft, die auf sie eingewirkt haben müsse. „Mit normalem Sexualverhalten hat das nichts zu tun.“ Selbst bei Geburten seien Frauen weniger verletzt. Für ihn sei ausgeschlossen, dass jemand die Sexpraktik langsam und vorsichtig ausgeführt habe, so wie es der Leezdorfer vor Gericht ausgesagt hatte.
Der Prozess wird am kommenden Mittwoch, 28. Juli, ab 9.30 Uhr am Landgericht Aurich fortgesetzt.