Aurich

Unterwegs mit den Füllgrabes: Kamerun in Deutschland

Gerd Füllgrabe
|
Von Gerd Füllgrabe
| 17.10.2020 08:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Artikel teilen:

In der neuen ON-Serie „Mit dem Camper in den deutschen Osten“ geht es mit den Auricher Globetrottern Gerd und Ulrike Füllgrabe auf Reisen. Wegen Corona blieben sie in der Heimat – und entdeckten einen Ort mit einer besonderen Verbindung nach Afrika.

Die Reiseroute durch das Wendland. Grafik: ZGO
Die Reiseroute durch das Wendland. Grafik: ZGO
Aurich. Es ist Corona, was unsere gesamte Reiseplanung dieses Jahres durcheinanderwürfelt. Weder Japan noch Nordkorea können realisiert werden. Und die angedachte Camper-Fahrt nach Griechenland dürfte ein kaum lösbares Problem darstellen. Aber hatten da nicht schon seit längerem zwei nicht zu ferne innerdeutsche Ziele gelockt? Da war das während der deutschen Teilung fast vergessene Wendland und Rügen. Doch vorerst waren die notwendigen Campingplätze überall geschlossen, und als die vorsichtige Öffnung einsetzte, kamen wir für Rügen zu spät – frühestens Platz ab Ende August. Erst nach zahllosen Telefonversuchen erhielten wir zwei Zusagen: bei Dannenberg im Wendland und in Loissin am Greifswalder Bodden – zwar etwa 100 Kilometer entfernt von Rügen, aber immerhin.

Ulrike Füllgrabe vor dem Ortsschild des niedersächsischen Kamerun.
Ulrike Füllgrabe vor dem Ortsschild des niedersächsischen Kamerun.
Ende Juli rollen wir los und steuern als Erstes Dannenberg an. Wir befinden uns schon kurz vor Uelzen, als Ulli plötzlich einfällt: „Warum machen wir nicht den kleinen Umweg und schauen uns den Hundertwasser-Bahnhof an?“ Irgendwie gehört habe ich auch schon davon, aber nachdem wir letzten Sommer das Hundertwasser-Haus in Wien besucht hatten und sogar im weit entfernten Neuseeland in Kawakawa auf die Hundertwasser-Toilette gestoßen waren, hatte ich seine norddeutschen Fußstapfen völlig verdrängt. Nun stehen wir davor. Seine buntfarbenen Säulen, gekrönt von goldgelben Kugeln, verleihen dem kastenartigen Gebäude die besondere Note, aber niemand der wartenden Fahrgäste auf dem Regionalbahnsteig oder gegenüber, wo der ICE hält, zeigt irgendein Interesse. Und auch innen, wo weitere Säulen und ein Spiralaufgang das architektonische Bild bestimmen – eher gähnende Leere. Vielleicht haben wir den falschen Zeitpunkt erwischt, oder der Bahnhof in Uelzen ist einfach Normalität geworden – immerhin eine ziemlich ungewöhnliche.
Das war 1985 im afrikanischen Kamerun: Ulrike Füllgrabe vor dem Atoakas-Fels.
Das war 1985 im afrikanischen Kamerun: Ulrike Füllgrabe vor dem Atoakas-Fels.

Der direkte Vergleich

Wenig später nimmt uns der Campingplatz in Dannenberg auf, reizvoll am Thielenburger See gelegen. Und nach einer ruhigen Nacht starten wir in Richtung „Kamerun“. Schon einmal hatten wir uns auf den Weg nach Kamerun gemacht, 1985. Damals jedoch in den Staat im tropischen Zentrum Afrikas, wo wir eine abenteuerliche Zeit verlebten. Was aber würde uns hier erwarten? Im frischen Wind knattern zwei Flaggen am schmächtigen Fahnenmast, dort wo der Fußweg zum nahen Elbdeich abzweigt. Oben die bunte mit dem gelben Stern von Kamerun, darunter die niedersächsische. Welch Kombination! Auf der anderen Straßenseite stutzt eine Frau die Hecke im Vorgarten. Ob sie uns Auskunft geben kann? „Entschuldigung“, spreche ich sie an. „Können Sie uns helfen? Wie kommt es, dass dieses unscheinbare Mini-Dorf Kamerun heißt?“ Sie lächelt uns an: „Seltsam, nicht wahr? Aber Sie haben sich an die Richtige gewandt. Sie wissen vielleicht, dass das zentralafrikanische Land einst, von 1884 bis 1919, deutsches Kolonialschutzgebiet, wie man so schön sagt, gewesen ist. Ein entfernter Verwandter unserer Familie diente damals unter Gouverneur Jesko von Puttkamer auf dem deutschen Regierungsdampfer ‚Nachtigall‘ und begleitete auch Hauptmann Hans Dominik auf seinen militärischen Expeditionen ins Inland. Die Beschreibungen der fantastischen Natur des Landes und seiner wilden Stammesgruppen, die in seinen Briefen in die Heimat lebendig wurden, ließen Kamerun für uns zu einem exotischen Traum werden, aber zu weit entfernt, um ihn verwirklichen zu können. Und doch sollte die Erinnerung nicht verloren gehen. Mein Großvater setzte sich dafür ein, dass unser kleines Dorf deshalb offiziell den Namen Kamerun erhielt, auch wenn die Weite der Elbaue wenig mit tropischer Üppigkeit gemein hat. Die Flagge ist übrigens ein Geschenk der kameruner Botschaft.“

Die Damnitzer Kirche. Noch heute sind Einschusslöcher aus napoleonischer Zeit im Mauerwerk zu sehen.
Die Damnitzer Kirche. Noch heute sind Einschusslöcher aus napoleonischer Zeit im Mauerwerk zu sehen.
Wir steigen zum Elbdeich empor, an dessen Fuß und zum Teil auf dessen Höhe der Elbradweg (vom Riesengebirge bis Cuxhaven) entlangführt. Direkt unter uns liegt ein reizvolles Überschwemmungsbiotop, die Elbe selbst ist hier noch etwa einen Kilometer entfernt. In diesem Bereich hat die ansonsten dominierende Flussbegradigung die Landschaft nicht verändert. So ist, bedingt durch den 2. Weltkrieg und die deutsche Teilung, hier noch ein Stück unverfälschter Natur vorhanden. Entlang dem Deich erreichen wir nur 1,5 Kilometer weiter Damnitz, wo wir auf die ungewöhnliche kleine, 1617 erbaute Fachwerkkirche stoßen, an deren Mauer der Gedenkstein des „Franzosengrabes“ an eine Episode von 1813 erinnert, als sich ein Trupp napoleonischer Grenadiere hier verschanzt hatte. Noch jetzt sind die Einschusslöcher der Belagerer zu erkennen.

Von Hitzacker bis zum Dannenberg

Weiter geht es parallel zum Fluss auf Hitzacker zu. Kurz davor erzählt eine Markierung an der Schutzmauer der „Elb-Terrassen“ von einem erschreckenden Hochwasserstand, einer Bedrohung, mit der die Elb-Anlieger speziell zur Schneeschmelze immer wieder rechnen müssen. Die Altstadt Hitzackers, geprägt von Fachwerk-Architektur mit dem fantastischen Alten Zollhaus, empfängt uns mit Bannern und Plakaten, die unter dem Slogan „Zuflucht Wendland“ für die Integration der Flüchtlinge werben. Ob dies mit der langen nahezu Bedeutungslosigkeit dieser Region in wirtschaftlich ungünstiger Randlage zur damaligen DDR zu tun hat? Wir machen noch einen kleinen Schwenk hinunter an den Anleger, an dem gerade die bescheidene Personen- und Fahrrad-Fähre festmacht, die zwischen Hitzacker und Bitter pendelt und damit den Radtouristen ermöglicht, schnell die Uferseite zu wechseln. Folgt man dann der Elbuferstraße nach Norden, gerät man in stark welliges Gebiet, das Steigungen bis zehn Prozent präsentiert. Auf einer der Höhen, dem Kniepenberg, ragt ein 16 Meter hoher Aussichtsturm empor, dessen kompakte Holzkonstruktion auch dem stärksten Sturm standhält und den Blick über die dichten Baumwipfel auf das lang gezogene Elbtal ermöglicht – ein beeindruckendes Panorama.

Der Waldemarturm ist Überrest einer mittelalterlichen Burganlage, in der einst ein Dänenkönig gefangengehalten wurde.
Der Waldemarturm ist Überrest einer mittelalterlichen Burganlage, in der einst ein Dänenkönig gefangengehalten wurde.
Zurück in Dannenberg, dem Zentrum des Gebiets, radeln wir vom Campingplatz am See noch einmal in die Stadt hinein und lassen uns vom kleinen Marktplatz aus vom klotzigen Waldemar-Turm beeindrucken. Diese 33 Meter hohe Wehranlage ist der ehemalige Burgfried und einziger Überrest der mittelalterlichen Burg, die Dannenberg beherrschte. Sein Name geht auf den dänischen König Waldemar zurück, der hier 1223/4 gefangen gehalten wurde – allerdings wohl nicht im dunklen Verlies im Kellergeschoss, in das man nur aus dem Turminnern durch das „Angstloch“ gelangte. Immerhin stellten die bis zu 3,5 Meter dicken Mauern ein unüberwindliches Hindernis dar. Heute nun ist hier das Museum beheimatet, das einen Überblick über die Stadtgeschichte gibt. Für uns der Schlusspunkt unseres Abstechers ins Wendland; denn ab morgen steuern wir Greifswald an, um von dort auf Rügen vorzustoßen.

Die zweite Folge „Mit dem Camper in den deutschen Osten“ führt am Sonnabend, 14. November, nach Greifswald und Rügen.

Ähnliche Artikel