Osnabrück  Falsche Dackeldecke Kaiser Wilhelms II. gekauft? Nun spricht der zuständige Museumsmann 

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 13.10.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) war ein großer Hunde-Freund: Hier posiert er mit einem Dachshund, der allerdings nicht sein Lieblingsdackel Erdmann ist. Foto: Imago/Gemini
Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) war ein großer Hunde-Freund: Hier posiert er mit einem Dachshund, der allerdings nicht sein Lieblingsdackel Erdmann ist. Foto: Imago/Gemini
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Aufregung um ein kurioses Objekt: Der Bund der Steuerzahler behauptet, ein Museum in Kassel habe für eine womöglich gefälschte Dackeldecke Kaiser Wilhelms II. 4.500 Euro Steuergeld verprasst. Jetzt erzählt der Museums-Chef, wie es dazu kam – und warum der Fall ganz anders liegen könnte.

So schwierig es mittlerweile auch vorauszusagen ist, wie diese ganze Geschichte um den Kaiser, seinen Dackel und die 4.500 Euro eines Tages noch ausgehen wird, so eindeutig ist zumindest, wie sie begann: mit dem Tipp eines Journalisten der traditionsreichen deutschen Jagdzeitschrift „Wild und Hund“.

Hätte der Journalist die Leute in Kassel damals nicht in letzter Sekunde auf die große Auktion aufmerksam gemacht, dann wären sie niemals auf die Idee gekommen, die historische Dackeldecke mit der gestickten Aufschrift „Erdmann“ zu ersteigern. Und dann hätte auch jetzt, Jahre später, niemand den Vorwurf der Steuergeldverschwendung erheben können, weil die Decke womöglich gar nicht echt ist, oder zumindest nicht so richtig. Aber ob das eigentlich besser gewesen wäre, da sind sich die Kasseler selber noch nicht so ganz sicher.

Justus Lange ist jedenfalls derjenige, der die Sache jetzt erst einmal ausbaden darf. Er ist Museumsleiter im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe und sagt Sätze wie: „Es ist schwieriger, die Echtheit einer Dackeldecke zu beweisen, als die eines Rembrandt.“

Lange war damals bei der fraglichen Transaktion dabei, wenn auch nicht federführend. Und weil er die landeseigene Kulturinstitution „Hessen Kassel Heritage“ derzeit als Interims-Direktor leitet, rufen sie jetzt alle erst einmal bei ihm an, seit es die Dackelnummer in die überregionalen Nachrichten geschafft hat.

„Zynisch betrachtet“, sagt Lange, „hat sich der Marktwert des Objektes zuletzt wahrscheinlich verdoppelt“.

Damals, 2020, als es losging, hatte „das Objekt“ vor allem einen großen Wert für die Museumsleute in Kassel. Als der „Wild und Hund“-Journalist ihnen von einer Versteigerung in München erzählte, genauer gesagt von der Beschreibung des Loses mit der Nummer 5700, waren sie elektrisiert: „Kaiser Wilhelm II.“, stand da, und dann: „Hundemantel für seinen Dachshund Erdmann“.

Dazu muss man wissen, dass Wilhelm II., gestorben 1941, in der Tat ein Dackelfreund war, der unter anderem ein Tier namens Erdmann besaß. Dass dieser Erdmann im Personenkult des Kaisers irgendwann zu dem Ruf eines „Lieblingsdackels“ kam, wahrscheinlich, weil Wilhelm nach dem Tod des Tieres eine noch heute erhaltene Gedenktafel errichten ließ: „Andenken an meinen treuen Dachshund Erdmann 1890-1901“. Und dass sich diese Gedenktafel eben nicht irgendwo in Berlin oder Potsdam oder sonst wo befindet, sondern in Kassel, wo der Kaiser sich gerade zur Erholung aufhielt, als sein Dackel starb. Was Kassel gewissermaßen zum Zentrum der Erdmann-Verehrung macht.

Als dort im Jahr 2020 die Nachricht vom Los 5700 eintraf, war man zum Beispiel gerade dabei, ein neues Veranstaltungsformat zu entwickeln: einen Dackelspaziergang, bei dem Hundebesitzer auf den Spuren Wilhelms II. und seines mutmaßlichen Lieblingsdackels durch den Kasseler Schlosspark mit der Gedenktafel ziehen sollten. In dieser Lage, erzählt Museumsmann Lange heute, habe der damalige Direktor, „der sehr dackelaffin ist“, sofort gesagt, die Dackeldecke könne „sehr wichtig für das Haus sein“. So entschloss man sich, alles Nötige in die Wege zu leiten, und zwar in aller Eile, weil die Auktion bereits in wenigen Tagen bevorstand.

Wenn eine öffentliche Einrichtung wie die „Hessen Kassel Heritage“ etwas ersteigern will, wird zunächst der hauseigene Provenienzforscher tätig: Sind die Eigentumsverhältnisse geklärt, oder ist das Objekt vielleicht gestohlen worden, womöglich gar in der NS-Zeit? Die Dackeldecke wurde allerdings rasch als unbelastet eingestuft: In den einschlägigen Datenbanken mit vermissten Stücken tauchte sie nicht auf, und vor allem schien sie eine Vertrauen erweckende Vorgeschichte zu haben.

Der Münchener Verkäufer gab nämlich an, sie 1995 aus einer Sammlung des Markgrafen von Baden ersteigert zu haben, und konnte sogar noch eine passende Rechnung des Auktionshauses Sotheby’s vorlegen. Der einzige Schönheitsfehler bestand darin, dass es sich bei dem zur Rechnung gehörenden Auktionslos von 1995 um ein sogenanntes Konvolut gehandelt hatte, hinter dem sich mehrere, nicht einzeln aufgeführte Gegenstände verbargen: Streng genommen war also in den Sotheby’s-Unterlagen nirgends ausdrücklich von einer Dackeldecke die Rede, die dort versteigert worden sei. Die Kasseler gaben sich trotzdem zufrieden.

Sie verzichteten auch darauf, die Decke vor Ort in Augenschein zu nehmen, und begnügten sich mit Fotos. Per Mail gaben sie schließlich ihr Höchstgebot ab, 4.000 Euro, und bekamen sogar für nur 3.600 Euro bereits den Zuschlag. Zuzüglich des fälligen Aufgeldes kostete die Dackeldecke die öffentliche Hand damit am Ende 4.500 Euro, im September 2020 konnte sie zeitlich passend zum Dackelspaziergang im Kasseler Schlossfoyer präsentiert werden, „und alle waren glücklich“, sagt Justus Lange. Also, anfangs.

Die Probleme fingen an, als man den „Hundemantel“ für den „Dachshund Erdmann“ einige Jahre später in einer weiteren Kasseler Ausstellung präsentierte. Eine Kunsthistorikerin, die dort als Besucherin auf das Stück aufmerksam wurde, meldete sich anschließend in der örtlichen Zeitung mit dem Urteil zu Wort, die Decke sei vielleicht alles Mögliche, aber sicher kein Accessoire eines Hundes Wilhelms II.: zu schlecht gestickter Namenszug, und ein kaiserliches Monogramm gebe es auch nicht.

Die anschließende Dackelkontroverse, die zunächst auf Kassel beschränkt blieb, erlangte Ende September 2025 schließlich deutschlandweite Bekanntheit, weil der Bund der Steuerzahler sie in seinem neuesten Schwarzbuch der „öffentlichen Verschwendung“ als einen vermeintlich besonders skurrilen Fall von Behörden-Gaga aufführte: Von einem „überteuerten Mantel eines Hundes“ ist darin die Rede, und davon, dass „weder Fotos noch Schriftstücke“ darüber existierten, ob „Dackel Erdmann den inzwischen im Kasseler Stadtmuseum ausgestellten Mantel wirklich getragen hat“.

Überschrieben ist die Recherche des Bundes der Steuerzahler mit dem Titel: „Alles für den Dackel!“

Als er davon gehört habe, sei er „konsterniert und sprachlos“ gewesen, sagt Interims-Direktor Justus Lange. Die quasi-offizielle Einstufung der Dackeldecke als „Verschwendung“ basiere einzig und allein auf den Aussagen der skeptischen Kunsthistorikerin, und die sei nicht einmal eine einschlägige Expertin, weder für historische Textilien noch für die Zeit Wilhelms II. „Ich habe den Bund der Steuerzahler immer für eine seriöse Institution gehalten“, sagt Lange. „Aber das ist ein Stil wie bei ,Mario Barth deckt auf’“.

Heißt das etwa, die Decke ist doch echt? „Wir haben keinen Beweis, so ehrlich bin ich“, sagt Lange. Aber es gibt bisher eben auch keinen Beweis, dass sie es nicht ist.

Eine Stoffrestauratorin sagte schon, das Gewebe könne durchaus hundert Jahre alt sein. Lange hat auch bei den Kollegen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in Potsdam nachgefragt: Dort hieß es allerdings, derartige Dackeldecken seien ihnen aus dem Hause Hohenzollern nicht bekannt. Anders als bei einem mutmaßlichen Rembrandt oder einem anderen angeblichen Werk eines berühmten Künstlers gibt es damit also keine Vergleichsstücke, die man einfach mal daneben halten könnte. Lange meint deshalb, das Ganze habe womöglich „einen humoristischen Hintergrund“ gehabt: Vielleicht habe die Decke wirklich Wilhelm II. gehört, sei aber nur ein ironisches Geschenk eines Freundes oder Höflings gewesen.

Los 5700, „Hundemantel für seinen Dachshund Erdmann“, wäre in dem Falle also tatsächlich ein Witz. Was für ein Museum ja nicht einmal das Schlechteste sein muss.

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