Serie zum Kriegsende 1945  Friedensverhandlungen in Aurich laufen – da fallen Schüsse

Meint Agena
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Von Meint Agena
| 01.05.2025 10:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Bewaffnete deutsche Soldaten haben ihre Stellungen im Umland im Zuge der bedingungslosen Kapitulation verlassen und betreten am 5. Mai 1945 das Gelände der Auricher Blücherkaserne. Foto: © Library and Archives Canada
Bewaffnete deutsche Soldaten haben ihre Stellungen im Umland im Zuge der bedingungslosen Kapitulation verlassen und betreten am 5. Mai 1945 das Gelände der Auricher Blücherkaserne. Foto: © Library and Archives Canada
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Serie „Tage des Übergangs – das Kriegsende 1945 in Ostfriesland“: In Wiesens spitzt sich die Lage zu. Die Situation kann zu höchstgefährlichen Konsequenzen für die ganze Stadt führen.

Aurich - Am 2. August 1984 verfasste Bernd Schütte in Bremen einen Brief und schickte ihn an Johannes Diekhoff in Aurich. Diekhoff war zu dieser Zeit damit beschäftigt, die Ereignisse im Mai 1945 zu erforschen und Aussagen von Zeitzeugen festzuhalten. Zu diesen zählt auch Bernd Schütte, der im Frühjahr 1945 das Ende des Zweiten Weltkriegs als Oberfunkmaat der Marinenachrichtenschule in Aurich erlebte. In seinem Brief schilderte er eindrücklich Ereignisse an der Brücke über den Ems-Jade-Kanal in Wiesens, die bisher nicht Teil der öffentlichen Erinnerung waren.

Seine Kompanie war am Vormittag des 4. Mai 1945 in einem ehemaligen BDM-Lager an der Straße Aurich-Brockzetel. Dort erhielt der Kommandeur, Oberleutnant Erber, durch einen Kradmelder einen Befehl des Stadtkommandanten von Aurich, Kapitän zur See Eberhard Jaehnke. Mit diesem Befehl wurden sie nach Wiesens zur Brücke beordert. Als sie im Dorf ankamen, hörten sie vom Kanal her Gefechtslärm. Über den Kanal hinweg beschossen sich deutsche und kanadische Soldaten. Mindestens ein Kanadier wurde tödlich getroffen. Schütte fragte sich, in welche Situation er durch seinen Kommandanten Jaehnke gebracht worden war.

Der Ring um die „Festung“ Aurich zieht sich zu

Jaehnke, der Marineoffizier und Leiter der Marinenachrichtenschule, hatte das Kommando über alle Truppen auf Auricher Stadtgebiet, nachdem die Einheiten der Wehrmacht und der SS Ostfriesland am 2. Mai auf Befehl von Karl Dönitz, Hitlers Nachfolger, verlassen hatten. Aber die Mehrzahl der vor Aurich stehenden Soldaten befanden sich außerhalb des Stadtgebietes und standen nicht unter seinem Befehl. Sie gehörten sogenannten Marine-Ersatzeinheiten an, die sich nach der Eroberung Leers durch kanadische Truppen am 30. April unter Führung von Offizieren der Wehrmacht in nördlicher und nordöstlicher Richtung zurückzogen. Ihr Auftrag war es, den Vormarsch der Kanadier durch hinhaltende Gefechte zu verzögern und dann auf Auricher Stadtgebiet zur Verteidigung dieser „Festung“ zur Verfügung zu stehen. Solange sie dort aber noch nicht angekommen waren, unterstanden sie Oberst Gericke als Teil seiner „Kampfgruppe“. Dieser aber führte seine Truppen aus der Entfernung, war er doch mit seinem Stab unterwegs zur Weser.

Riflemen Gordon Campbell und Jack Strickland von der Canadian Army Occupation Force (C.A.O.F.) kontrollieren Ende August 1945 in Aurich Buspassagiere. Foto: © Library and Archives Canada
Riflemen Gordon Campbell und Jack Strickland von der Canadian Army Occupation Force (C.A.O.F.) kontrollieren Ende August 1945 in Aurich Buspassagiere. Foto: © Library and Archives Canada

Eine von Gerickes Marine-Ersatzkompanien kämpfte in Holtrop gegen kanadische Soldaten der Queen’s Own Rifles of Canada, womöglich sogar noch, als die Auricher Delegation bei Brigadier Roberts war, denn Friedrich van Senden berichtete, er habe auf dem Rückweg nach Aurich einen toten kanadischen Soldaten am Straßenrand liegen sehen, der auf dem Hinweg dort noch nicht gewesen sei.

An der Wiesenser Brücke fallen Schüsse

Etwas später beschossen einige der deutschen Soldaten von Wiesens aus Angehörige des 7th Reconnaissance Regiment, die sich mit einem Panzerspähwagen auf der südlichen Seite des Ems-Jade-Kanals befanden und sich aus Richtung der Wiesenser Schleuse der Brücke näherten. Damit aber handelten diese Soldaten der Marine-Ersatzeinheit entgegen der Weisungen Jaehnkes, auf Auricher Stadtgebiet nicht zu schießen. Und damit gefährdeten sie die Anliegen des OKW, nämlich größere Kampfhandlungen in Aurich zu vermeiden und durch örtliche Verhandlungen Zeit für den Abschluss der Kapitulation des Oberkommandos zu gewinnen.

Um diese Gefahr zu beheben und selber die volle Kontrolle an der Brücke zu haben, schickte Jaehnke seine Kompanie der Marinenachrichtenschule nach Wiesens. Als diese aber zu spät kam und von Kämpfen berichtete, die Oberleutnant Erber nicht beenden konnte, schickte Jaehnke einen seiner Adjutanten in seinem Dienstwagen. Dieser konnte dann, mit Schüttes Hilfe als Dolmetscher, ein Ende der Kämpfe erreichen. Kapitän zur See Jaehnke unternahm also mehrere Initiativen, um der Weisung des OKW zu entsprechen, und Kampfhandlungen zu unterbinden oder zu beenden.

Order: Krieg ohne Kapitulation – und ohne Kampf

Damit folgte er den Weisungen seines Oberbefehlshabers. Großadmiral Dönitz ließ die bedingungslose Kapitulation vorbereiten, aber die Soldaten sollten weiterkämpfen bis er ihnen befahl, die Waffen niederzulegen. Die hohen Offiziere der Kommandostellen wussten in diesen ersten Maitagen des Jahres 1945, früher oder später, von den Kapitulationsverhandlungen und von der Weisung, größere Kampfhandlungen zu vermeiden. Die kämpfenden Soldaten, ihre Offiziere vor Ort und die Zivilisten wussten davon nichts. Für sie galt Endkampf bis zum letzten Mann, Krieg ohne Kapitulation. Es gab in jenen Tagen des Mai 1945 eine unzureichend organisierte und mehrfach geteilte Befehlsgewalt in Ostfriesland. Und es gab zwei Welten des Wissens, die Welt der Generäle, Admiräle und Regimentskommandeure, und die Welt der anderen.

Mit Dampf wird dieser öffentliche Bus in Aurich betrieben. Die Aufnahme entstand Ende August 1945. Der Fahrer ist ausgestiegen, um einen Reifen zu wechseln, währen die Passagiere zuschauen. Foto: © Library and Archives Canada
Mit Dampf wird dieser öffentliche Bus in Aurich betrieben. Die Aufnahme entstand Ende August 1945. Der Fahrer ist ausgestiegen, um einen Reifen zu wechseln, währen die Passagiere zuschauen. Foto: © Library and Archives Canada

In diese Welt der anderen, in die Welt des Kampfes bis zum letzten Mann, passen die Berichte von anhaltender Gewalt bis zur letzten Minute, ausgeübt von den sich zurückziehenden Marine-Ersatzeinheiten. Ihnen war der Befehl erteilt, sich hinhaltend zurückzuziehen, die Kämpfe aber um jeden Preis fortzuführen. Das OKW brauchte ihren Einsatz bis zum entscheidenden Moment, um die Kapitulation zentral organisieren und kontrollieren zu können. Ihre Motivation musste erhalten bleiben, sie durften von der sich anbahnenden Kapitulation nichts wissen, genauso wenig wie die Zivilisten.

Zwischen Frust und Propaganda

Die Gewalt bis zum Schluss und die Aggression gegen Verhandlungen lagen aber auch in Ideologie und Propaganda begründet. Sie waren noch zahlreich, jene Anhänger Adolf Hitlers, die niemals kapitulieren wollten. Frustration war ebenfalls ein Motiv. Hatten die Offiziere ihre Soldaten in einem Moment noch antreiben müssen, so sollte im nächsten plötzlich Schluss sein. Von Wut und Ohnmacht beeinflusst, fiel es schwer, sich von Parolen und Ideen zu lösen und den Kampf zu beenden. So kam es, dass in Wiesens Befehle zur Gewährleistung einer lokalen Waffenruhe ignoriert wurden.

Angehörige der 7th Infantry Brigade (Rifles), Canadian Army Occupation Force (C.A.O.F.), reparieren am 12. August 1945 eine Telefonleitung in Aurich. Foto: © Library and Archives Canada
Angehörige der 7th Infantry Brigade (Rifles), Canadian Army Occupation Force (C.A.O.F.), reparieren am 12. August 1945 eine Telefonleitung in Aurich. Foto: © Library and Archives Canada

Schüttes Erinnerungen zeigen deutlich, wie er 1984 immer noch versuchte, eine möglichst klare Idee zu bekommen von der Situation, in der er sich im Mai 1945 plötzlich befunden hatte. Er sah sich durch Jaehnke in Gefahr gebracht und vermutete, seine Einheit solle in Wiesens noch in letzter Minute kämpfen. Da Schütte und Jaehnkes Adjutant von den Kanadiern mitgenommen wurden, hatte er die Situation in Wiesens schon nach kurzer Zeit wieder verlassen und fragte sich noch Jahrzehnte später, was dort eigentlich warum geschehen war und warum Jaehnke, den er radikaler eingeschätzt hatte, die Auricher Bürger in ihrem Bemühen um eine Einstellung der Kämpfe nicht aufgehalten hatte.

Keiner weiß mehr Bescheid: Die Lage ändert sich minütlich

Dönitz‘ Weisung, größere Kampfhandlungen zu vermeiden, war Schütte auch 1984 nicht bekannt. Er wusste nicht, dass Jaehnke daher gar keine Kämpfe wollte, und vom OKW außerdem den Freiraum hatte, drohende Kämpfe zu vermeiden. Jaehnke konnte die Auricher Bürger also gewähren lassen, in gewisser Weise kam ihm ihr Handeln sogar entgegen. Dies erklärt auch die Intervention des OKW bei Montgomery zu Gunsten Aurichs, denn Jaehnke konnte die Sicherheit der Delegationen nicht garantieren, angesichts der schießenden Marine-Ersatzeinheit zwischen Holtrop und Wiesens, über die er keine ausreichende Kontrolle hatte. In der Dramatik des Tages, in der sich die Dinge minütlich änderten, war Jaehnke ungewollt die Aufgabe zugefallen, zwischen der Welt des Wissens und der Welt des Nicht-Wissens zu stehen. Die Nicht-Wissenden hatten keine Ahnung, warum er etwas tat oder nicht tat.

Private Murray Dorey von der Canadian Army Occupation Force (C.A.O.F.) gibt deutschen Kindern in Aurich Schokolade. Die Aufnahme entstand Ende August 1945. Foto: © Library and Archives Canada
Private Murray Dorey von der Canadian Army Occupation Force (C.A.O.F.) gibt deutschen Kindern in Aurich Schokolade. Die Aufnahme entstand Ende August 1945. Foto: © Library and Archives Canada

Und er sagte es ihnen nicht; auch nicht viel später, lange nach dem Krieg. Jaehnke veranlasste, dass seine Aufzeichnungen jener Tage nach seinem Tode vernichtet wurden. Und sein Vorgesetzter in der Marine, der Seekommandant Ostfriesland Konteradmiral Weyher antwortete noch über 40 Jahre später ausweichend auf Fragen zu diesem Thema und ließ entscheidende Aspekte aus.

Gefährdet Feuergefecht die Friedensverhandlungen?

Das Gefecht der Marine-Ersatzeinheit mit kanadischen Soldaten an der Brücke in Wiesens fand statt, während sich Brigadier Roberts in Aurich befand. Es hätte, wie Schütte 1984 schrieb, „verhängnisvolle Auswirkungen haben können“. Nur lag er daneben, als er vermutete, Jaehnke habe es angeordnet. Jaehnke wollte es verhindern.

Die Handlungen der Marine-Ersatzeinheit am Auricher Stadtrand waren sehr gefährlich für die damalige Situation. Mit ihnen griff jemand eigenmächtig in die Geschehnisse ein und sie hatten das Potenzial, zum Ende der Verhandlungen zu führen und größere Gefechte auszulösen.

Glücklicherweise kam es nicht dazu, trotz Todesopfer auf kanadischer Seite.

Soldaten der Feldartillerie, 12th Field Regiment, 3rd Canadian Infantry Division, mit der Ausgabe der Armeezeitung „Maple Leaf“ zum Kriegsende, auf dem Gelände der Blücher-Kaserne am 13. Mai 1945. Foto: © Library and Archives Canada
Soldaten der Feldartillerie, 12th Field Regiment, 3rd Canadian Infantry Division, mit der Ausgabe der Armeezeitung „Maple Leaf“ zum Kriegsende, auf dem Gelände der Blücher-Kaserne am 13. Mai 1945. Foto: © Library and Archives Canada

In der lokalen Diskussion und Erinnerung nach dem Krieg wurde über gewisse Dinge nicht berichtet. Vielleicht, weil sie nicht bewusst oder bekannt waren, vielleicht, weil man sie für unwichtig oder zu offensichtlich hielt. Vielleicht aber auch, weil man in der Zeit nach dem Krieg zu dem Schluss kam, über sie zu schweigen. In diesen Tagen des Übergangs sollte plötzlich auf kriegerische Gewalt verzichtet, der Kampf plötzlich beendet werden. Dies geschah ungeplant und innerhalb neuer, auch unbekannter Rahmenbedingungen. Viele Menschen nahmen diese Gelegenheit dankbar an. Aber nicht alle. Denn gewohnte Überzeugungen und Gewissheiten legen Menschen nur sehr schwer ab. Und so wurde geschossen und gestorben – bis zur letzten Minute.

Mit dieser Folge endet die Serie „Tage des Übergangs – das Kriegsende 1945 in Ostfriesland“.

Zum Autor

Meint Agena ist Lehrer für Geschichte und Englisch am Gymnasium Ulricianum Aurich. Die Arbeit als Historiker ist für ihn Berufung und Leidenschaft. Es fasziniert ihn, ganz genau hinzusehen und den Versuch zu unternehmen, fremdes und widersprüchliches Handeln von Menschen der Vergangenheit zu verstehen. Geschichte sieht er als ein gutes Gespräch der Gesellschaft über die Vergangenheit, in dem der nachvollziehbare und respektvolle Austausch im Vordergrund steht. Über die Erfahrungen von Menschen im Ersten und Zweiten Weltkrieg und die heutige Erinnerungskultur hat er bereits mehrere Artikel veröffentlicht. Die Geschichten über den Zweiten Weltkrieg vor Ort haben den gebürtigen Auricher seit seiner Jugend begleitet. Der Anstoß für die aktuelle Beschäftigung mit dem Kriegsende in Ostfriesland war der Besuch eines Vortrages im Jahr 2023.

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