Unterstützung vor Ort So erlebte ein Notfallseelsorger den Unfall in Pewsum
Die Ermittlungen zum tödlichen Unfall in Pewsum laufen weiter. Uns erzählt der Notfallseelsorger, der bei dem Unfall vor Ort war, worauf es bei solchen Einsätzen ankommt.
Pewsum/Aurich - Gut eine Woche nach dem schweren Unfall in Pewsum, bei dem zwei Menschen starben, laufen die Ermittlungen zur Unfallursache und zum Hergang. Das bestätigt Wiebke Baden, Sprecherin der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund, auf Nachfrage dieser Zeitung.
„Die Ermittlungen laufen weiter“, so Baden. Bisher konnten lediglich ein Alkohol- oder Drogeneinfluss des Transporterfahrers sowie Straßenglätte als Unfallursache von der Polizei ausgeschlossen werden. Der 34-jährige Transporterfahrer war am frühen Abend des 17. Februars 2025 am Ortsausgang von Pewsum mit seinem Fahrzeug in den Gegenverkehr geraten und dort mit dem Pkw der Familie zusammengestoßen. Die 29-jährigen Eltern starben. Nur das dreijährige Kind auf der Rückbank des Pkw überlebte den Unfall verletzt.
Kirchliche Notfallseelsorger als Stütze, unabhängig von Religion
Bei solch schweren Unfällen mit tödlichem Ausgang werden von den Rettungsleitstellen auch immer Notfallseelsorger mit an den Unfallort alarmiert. Meist sind das Vertreter aus umliegenden Kirchengemeinden, die unabhängig von Religion oder Konfession Menschen in solchen Momenten der Krise beistehen. Zu ihnen gehört auch Pastor Michael Schlieker, Koordinator der Notfallseelsorge in Ostfriesland.
Er ist schon seit mehr als 20 Jahren als Notfallseelsorger tätig und rückt regelmäßig zu Notfällen in der Umgebung aus. Dazu gehören nicht nur tödliche Verkehrsunfälle wie der in Pewsum, sondern auch Unfälle im häuslichen Umfeld oder Einsätze, bei denen die Polizei Todesnachrichten überbringen muss.
365 Tage im Einsatz, rund um die Uhr
Michael Schlieker von der Evangelisch-reformierten Kirche war in Pewsum vor Ort. Das war eine Besonderheit, denn Verkehrsunfälle machen eigentlich nur einen kleinen Teil der Einsätze eines Notfallseelsorgers aus, wie er erklärt. „Ich würde sagen, etwa 90 Prozent unserer Einsätze sind im häuslichen Bereich“, so der Pastor. Von der Rettungsleitstelle werden sie rund um die Uhr alarmiert. In seinem Gebiet hätten zudem drei Leute immer parallel Tagesdienst. „Wir sind 365 Tage im Jahr im Einsatz. Oder sogar 366 Tage in Schaltjahren“, sagt Schlieker.
„Je nach uns übermittelter Größe des Einsatzes kommen wir auch mit mehreren Leuten raus“, sagt er. Bei einem Massenanfall von Verletzten, von den Einsatzkräften als MANV abgekürzt, würden die Notfallseelsorger auch gleich vor Ort noch Leute nachordern. Für Seelsorger wie Schlieker bedeutet das in der Regel: Geht die Rettungsleitstelle schon bei der Alarmierung von mindestens vier oder fünf Verletzten aus, bedeutet das auch für die Notfallseelsorger einen Großeinsatz.
Für Zeugen oder Angehörige: Da, um zuzuhören
Die Aufgaben der Notfallseelsorger können ganz unterschiedlich aussehen. In erster Linie gehe es aber vor allem darum, die Situation aufzufangen, sagt Schlieker. „Wir sind da, um zuzuhören. Auch um einige organisatorische Sachen kümmern wir uns“, sagt der Pastor. Im Fall des schweren Unfalls in Pewsum gliederten die Notfallseelsorger ihre Aufgaben in drei Betreuungsabschnitte, so Schlieker. Die Betreuungsabschnitte, erläutert er, waren in diesem Fall die drei Fraktionen von Menschen, denen sie Unterstützung anboten.
Zum einen war da der Busfahrer, der direkt hinter dem verunglückten Pkw fuhr. Und auch die Personen, die in dem Fahrzeug saßen, welches hinter dem Transporter fuhr, wurden von den Notfallseelsorgern betreut. Außerdem sprachen die Seelsorger mit den Feuerwehrleuten, die als Erstes an der Einsatzstelle eintrafen. Der verstorbene 29-Jährige in dem Auto war ein ehemaliger Kamerad von ihnen. Zu den Aufgaben des Notfallseelsorgers während dieses Einsatzes gehörte auch das Dabeisein, als die Polizei im Krankenhaus Todesnachrichten an die Angehörigen übermitteln musste.
Bruder tot gefunden: „Gut, dass du da warst“
Wann für die Notfallseelsorger der Einsatz vorbei ist, hänge ganz individuell von den zu betreuenden Personen ab, sagt Schlieker. „Manchmal sehen und fühlen wir, dass die Menschen verhältnismäßig stabil sind“, sagt er. „Und wir ziehen uns zum Beispiel dann zurück, wenn wir merken, dass andere Freunde oder Familienmitglieder da sind, die unterstützen können“, so Schlieker weiter. Bei Einsätzen wie dem in Pewsum kann die Betreuung auch schon mal sechs Stunden andauern. „Verkehrsunfälle enden für uns auch ganz häufig damit, dass man gemeinsam mit der Feuerwehr im Feuerwehrhaus den Einsatz noch mal nachbespricht“, so der Pastor. Die Notfallseelsorger böten in solchen Fällen auch in den nächsten ein bis sechs Tagen nach einem Einsatz ein Nachgespräch an.
Obwohl die Notfallseelsorger von den Kirchengemeinden gestellt werden, betont Schlieker nochmals, dass Konfession oder Religion in der Seelsorge keine Rolle spielen. „Ich erinnere mich an einen Fall, da hat ein kurdischer Mitbürger seinen Bruder tot aufgefunden. Wir haben uns mühsam auf Englisch verständigt. Er wusste auch, dass ich von der christlichen Kirche kam“, so Schlieker. „Aber das war ihm egal. Er sagte später zu mir, dass es einfach gut war, dass ich da war. ‚Es war schön, dass jemand Zeit für mich hatte‘, sagte er zu mir.“