Ausbau geplant Gedenkstätte Tidofeld plant Millionenprojekt
Die Gedenkstätte Gnadenkirche Tidofeld soll um einen großen Anbau erweitert werden. Neben dem Themenschwerpunkt Boat-People soll das Haus auch ein Migrationsmuseum werden.
Norden - Das Thema Flüchtlinge und Migration ist aktuell wie nie: Passend dazu will die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld in Norden ihr Haus erweitern – baulich und inhaltlich. Das Projekt stellte am Montag unter anderem der Vorsitzende des Vereins Dr. Helmut Kirschstein im städtischen Jugend-, Bildungs-, Sozial- und Sportausschuss vor, um einen Zuschuss der Stadt in Höhe von 250.000 Euro einzuwerben. Der Bund hat für das Projekt bereits 1,5 Millionen Euro zugesagt. Weitere 950.000 Euro sollen vom Land Niedersachsen zur Verfügung gestellt werden sowie 250.000 Euro durch den Landkreis Aurich. Insgesamt belaufen sich die Kosten auf rund drei Millionen Euro. Der Ausschuss stimmte der Förderung zu. Die Auszahlung der Summe ist für das Jahr 2024 geplant.
Zum einen soll mit einem zusätzlichen Themenschwerpunkt der „Boat-People“ aus Vietnam ein Beispiel aus der deutschen Migrationsgeschichte präsentiert werden, erklärte Kirschstein. Zum anderen soll die Lücke zu einem Migrationsmuseum geschlossen werden, indem die bundesdeutsche Migrationsgeschichte schlaglichtartig dargestellt wird. Die Idee zu der Erweiterung kam den Beteiligten durch eine Sonderausstellung des ostfriesischen Teemuseums mit dem Titel „Von Vietnam nach Ostfriesland“ im Jahr 2017. Danach gründete sich der Arbeitskreis „Forum Boat-People“ mit dem Ziel, die erste zeitgeschichtliche Dauerausstellung zur Integrationsgeschichte der vietnamesischen Boat-People in Deutschland einzurichten. Dabei ist die Wahl des Ausstellungsortes in Norden nicht zufällig, denn mehr als die Hälfte aller ab 1978 vom Land Niedersachsen aufgenommenen vietnamesischen Bootsflüchtlinge – nämlich 3155 – fanden Zuflucht in der Erstaufnahme in Norden-Norddeich, so Kirschstein.
Helmut Kirschstein: „In Tidofeld kommen Verstummte zu Wort“
Seit 2013 gibt es in Norden die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidefeld, die die erste zeitgeschichtliche Dauerausstellung zur Ankunfts- und Integrationsgeschichte der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten präsentiert. Die Fragen, die die Dokumentationsstätte seit zehn Jahren ins Zentrum der gesellschaftspolitischen Diskussion rückt, wie es Helmut Kirschstein sagte, sind: Was kann helfen, entwurzelte Menschen an einem völlig fremden Ort gut ankommen zu lassen? Wie kann eine Gesellschaft so auf den Zuzug reagieren, dass es zu einem gedeihlichen Miteinander kommt? Wie lässt sich Empathie füreinander entwickeln, ohne schwerwiegende Herausforderungen auszublenden? Welche Faktoren sind hilfreich, welche belastend und kontraproduktiv? Fragen also, die sich die Menschen genau jetzt wieder stellen.
„Ein erster Schwerpunkt sind die Millionen Geflüchteten und Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten und dem östlichen Europa“, sagte Kirschstein. Es sei eine Geschichte, die ihre traumatischen Spuren bis in die Gegenwart hinterlassen hat, bei ehemals Einheimischen wie bei zwangsweise Zugewanderten. „Dem lange verdrängten Leid eine Stimme zu geben, das gehörte zu unserem Ansatz dazu. In Tidofeld kommen Verstummte zu Wort“, sagte Kirschstein. So stünden Mitmenschlichkeit, Menschenrecht und Menschenwürde im Fokus der historischen Aufarbeitung. Von Anfang an mit dem Ziel, aus der Zeit von 1945 bis 1960 für aktuelle Herausforderungen zu lernen, Schicksalsverwandtschaften aufzuzeigen, Empathie zu fördern und damit auch zur heutigen gesellschaftlichen Identitätsfindung beizutragen und die Demokratie in unserem Land zu stärken. „Deutsche Geschichte, europäische Geschichte, Weltgeschichte sind anonym, abstrakt und gnadenlos. Indem wir Geflüchteten, Vertriebenen und Entwurzelten eine Stimme geben und ihr persönliches Schicksal in den Fokus rücken, setzen wir durch Lebensgeschichten, entscheidende Akzente gegen das Abstrakte“, sagte Kirschstein. Ziel sei es, durch eine technisch und museumspädagogisch anspruchsvolle Präsentation der Gedenkstätte auch die jüngere und jüngste Generation zu erreichen.
Weitere Geldgeber unterstützen das Projekt
Lennart Bohne, wissenschaftlicher Mitarbeiter und pädagogischer Leiter der Gedenkstätte, vertiefte noch einmal die Idee des Projektes: „Wir glauben, dass es zu wenige Ort in Deutschland gibt, an denen wir über unsere Migrationsgesellschaft, die wir unbestritten sind, in den Dialog treten kann. Wir finden es wichtig, dass es diese Orte an Stellen gibt, an denen viele Menschen angekommen sind. Nicht nur als Leuchtturmprojekte in den bundesdeutschen Großstätten.“ Und genau das trifft auf Tidofeld zu: Es war eines der größten Aufnahmelager für deutsche Flüchtlinge nach dem Krieg. Heute ist es ein Stadtteil mit knapp 1000 Einwohnern, und damit der kleinste Stadtteil von Norden. Dort leben Menschen, die 22 verschiedene Staatsangehörigkeiten haben, sagte Bohne. „Genau an diesem Ort können und dürfen wir erzählen, was unsere Gesellschaft ausmacht“, so Bohne. Das Beispiel der Boat-People sei dabei ein ganz besonderes in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Niedersachsens und Nordens. „Wir haben Großes vor mit dem Anbau, in dem wir die Geschichte erzählen wollen“, kündigte Bohne an.
Seit ein paar Jahren finden in der Gedenkstätte zentrale Veranstaltungen zum Tag der Deutschen Einheit statt. Die Ausstrahlung der Dokumentationsstätte reiche weit über Norden und sogar weit über Ostfriesland hinaus, betonte Kirschstein. Das Zentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin habe schon vor Jahren eine Kuratorin nach Norden geschickt, um sich hier über die Arbeit zum Thema zu informieren. Seit 2017 ist die Dokumentationsstätte ein offizieller Friedensort der hannoverschen Landeskirche. Der niedersächsische Ministerpräsident ist gesellschaftspolitischer Schirmherr der Gedenkstätte, der hannoversche Landesbischof ist geistlicher Schirmherr.
Neben den bereits genannten Geldgebern sollen 10.000 Euro Eigenmittel der Gedenkstätte in das Projekt fließen. Weitere 40.000 Euro sollen durch eine Zuwendung der Bürgerstiftung Norden, einer Förderung der Hans-Lilje-Stiftung sowie durch Spenden eingebracht werden.