Veranstaltung in Aurich Gemischtes Echo nach Holocaust-Gedenken
Viel Lob gab es am Freitag für die Veranstalter des Holocaust-Gedenktages in Aurich, die einen etwas anderen Blick auf die Geschichte wagten. Es gab aber auch Kritiker.
Aurich - Unterschiedlich wahrgenommen wurde am Freitagabend die Holocaustgedenktagveranstaltung im Auricher Güterschuppen. Einige fanden sie großartig, andere wiederum zeigten sich befremdlich, da nicht ein einziges Mal im Laufe des Abends vom Holocaust und der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 gesprochen wurde.
Im klassischen Sinne sei das sicherlich kein Holocaustgedenktag gewesen, meinte Hilke Lüschen vom Arbeitskreis Auschwitzgedenktag als Veranstalter. Den Mitgliedern des Arbeitskreises sei es zum einen um die Vorgeschichte gegangen, zum anderen um das Motto des Abends und die Frage: „Wer bin ich, wenn…?“ und wie konnte es dazu kommen, wer waren die Leute, die in dem Land gelebt haben, in dem der Holocaust geschah. Ihnen sei einfach wichtig gewesen, einen aktuellen Bezug herzustellen und die Teilnehmer anzuregen, aktiv darüber nachzudenken. Das sei ihnen auf ihre Art und Weise durch die beeindruckenden Beiträge, insbesondere auch durch die mitwirkenden Schüler des 13. Jahrgangs des Gymnasiums Ulricianum, gelungen.
Blick in Archiv der Frauengeschichte
Mit der Frage:,,Was erlebten Auricher Mädchen und Frauen damals, als Menschen im „Namen des Führers“ Unrecht verübten, Morde begingen, Kriegsdienst leisteten?“ beschäftigte sich Brigitte Junge, ehemalige Leiterin des Historischen Museums. Sie habe auf Bitten der Arbeitsgruppe in ihrem Redebeitrag mehr Bezug auf Gegenwärtiges genommen.
Dafür öffnete sie, obwohl sie zunächst gezögert habe, das Auricher Frauengeschichtsarchiv mit Bildern und Erinnerungen an das Mädchen-, das Erwachsenenwerden und das Frau-Sein in den Kriegsjahren zwischen 1939 und 1945. Ende der 90er Jahre waren nach einem Zeitungsaufruf mit einigen Frauen Zeitzeuginneninterviews geführt worden, jüdische Frauen hatten sich damals nicht gemeldet. Geschichten der jüdischen Mädchen und Frauen wurden später von der Auricher Arbeitsgruppe „Stolpersteine“ erforscht.
Erinnerungen wachgerufen
Aus Erzählungen von Johanne Diekhoff, Johanne Hinderks, Doremarie Kruse, Marie Block, Foolke Groeneweg, Grete Bojanac, Inge Buck, und Grete Knaack sowie Margareta Wojak zitierte Brigitte Junge. „Zweifel an der zurückliegenden Zeit und meinem bisherigen Leben hatte ich schon. Da war auch das Entsetzen über alles das, was während des Krieges in unserem Land geschehen war. Aber der Kampf um das tägliche Überleben ließ das alles vorerst in den Hintergrund treten. Auch in meiner Familie, wo wir auf die Rückkehr von Vater und Bruder warteten, wurde wenig von Krieg und schon gar nicht über die Hintergründe gesprochen. Die Nachkriegszeit mit all ihren Einschränkungen nahm unsere ganze Kraft in Anspruch“, hatte Margareta Wojak seinerzeit gesagt.
Von den Ausführungen Brigitte Junges war der 95-jährige Carl Osterwald ganz begeistert. Er war einst mit Margareta Wojak auf dem Gymnasium Ulricianum in einer Klasse. Am liebsten hätte er Brigitte Junge jetzt umarmt, denn das sei alles so wahr gewesen, was sie erzählt habe. An das Publikum gerichtet, meinte Carl Osterwald, alle sollten sich heute glücklich preisen, in der freiheitlich demokratischen Bundesrepublik Deutschland leben zu dürfen.
Stolperstein-Projekt blieb unerwähnt
Großartig fand Jan Holthuis alles was erzählt wurde. Dennoch zeigte auch er sich verwundert, dass nichts vom Holocaust erwähnt wurde. Nach Ansicht von Ulrich Kötting war die Veranstaltung hervorragend. Dies sei eine Schilderung der Grundlagen gewesen, die dazu geführt hätten, dass das Schreckliche passieren konnte. Über Holocaust sei schon sehr viel geschrieben, gesagt und untersucht worden. Er fand es gut, dass sich die Verantwortlichen in der Linie dann damit beschäftigt hatten, wie es geschehen konnte. „Für uns, die damals noch nicht gelebt haben, ist das nüchtern betrachtet eigentlich völlig unverständlich. Die Frage, wie hätten wir uns verhalten, wenn wir dagewesen wären, muss sich jeder für sich beantworten. Ich möchte nicht von mir behaupten, dass ich in einer bestimmten Art und Weise tätig geworden wäre, weil ich das einfach wirklich nicht einschätzen kann“, so Kötting. Für ihn war der Abend ein Anstoß für gute Überlegungen.
Wie einige andere auch bedauerte es Günther Lübbers, dass das Projekt des Vereins „Stolpersteine, Im Gedenken an Aurichs Opfer des Nationalsozialismus“, dem er vorsteht, unerwähnt blieb und diese Erinnerungsarbeit keine Beachtung fand. Früher hätten sie sich nur mit dem eigentlichen Auschwitzgedenktag befasst, was seiner Ansicht nach auch richtiger war.
Musikalische Gestaltung
Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Christoph Otto Beyer und Heinrich Herlyn, die das von Theodor Kramer verfasste Gedicht „Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan“ vortrugen, sowie dem Projektchor „9. November“.
Bundesweit wird in Deutschland seit 1996 der Opfer des Holocaust – nationalsozialistischer Völkermord an mehreren Millionen von Juden – gedacht, und zwar jeweils am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau 1945 durch die Rote Armee. Von den Vereinten Nationen wurde 2005 der Internationale Gedenktag an die Opfer des Holocaust eingeführt.