Hamburg Hormone, abgemagerte Tiere: Was läuft da schief in der Bio-Schweinehaltung?
Der Bio-Sektor kämpft mit erheblichen Problemen in der Schweinehaltung: Gleich zwei große Betriebe beschäftigen die Justiz in Niedersachsen: Auf dem einen Hof wurden den Tieren nach Überzeugung der Ermittler Hormone verabreicht. Auf dem anderen fanden Veterinäre abgemagerte Schweine. Was läuft da schief im Bio-Schweinestall?
Die Fotos und Videos zeigen schlimme Zustände: Schweine in verdreckten Ställen und schlammigen Ausläufen. Tiere mit teils schweren Verletzungen. Blau angelaufene Kadaver. Die Momentaufnahmen sind unserer Redaktion über den Zeitraum von gut anderthalb Jahren übermittelt worden. Sie sollen allesamt aus einem Stall im Landkreis Verden in Niedersachsen stammen.
Genauer gesagt: einem Bio-Betrieb mit mehr als 800 Schweinen. Für den Öko-Sektor ist das ein überdurchschnittlicher großer Betrieb. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes liegt der Schnitt pro Hof bei 135 Bio-Tieren.
Weniger als ein Prozent der Schweine in Deutschland werden nach Bio-Vorgaben gehalten - eine Nische, die noch deutlich wachsen muss. Denn die Bundesregierung hat das Ziel ausgegeben: 30 Prozent Bio bis 2030. Jedes Schwein zählt.
Beim geplanten Haltungskennzeichen der Bundesregierung, das Kunden im Supermarkt anzeigen soll, wie Schweine gelebt haben, sind Bio-Ställe die Stufe 5 von 5. Ob gewollt oder nicht, signalisiert das dem Verbraucher: Besser geht es nicht.
Die Fotos und Videos, die mutmaßlich aus dem Betrieb im Landkreis Verden stammen, zeigen ein ganz anderes Bild. Wann genau sie aufgezeichnet wurden und was zu den dokumentierten Problemen führte, ist nicht klar. Der Betreiber ließ Fragen unserer Redaktion unbeantwortet.
Amtliche Unterlagen, die unsere Redaktion einsehen konnte, bestätigen aber das, was auch die Aufnahmen zeigen: Einigen Schweinen in dem Bio-Betrieb ging es mindestens phasenweise alles andere als gut. Eine amtliche Kontrolle im Mai 2021 könnte bald rechtliche Konsequenzen für den Betreiber haben.
Denn die Veterinäre schalteten die Staatsanwaltschaft in Oldenburg ein. Die ist in Niedersachsen für Agrarkriminalität zuständig. Vor dem Amtsgericht in Verden erwirkte die Anklagebehörde einen Strafbefehl, der noch nicht rechtskräftig ist.
Demnach haben die Tierärzte am Tag der Kontrolle mindestens vier Schweine im Stall vorgefunden, die länger anhaltende erhebliche Schmerzen oder Leiden erlitten haben sollen. Die Tiere seien nicht ausreichend versorgt worden. Ein Schwein sei derart abgemagert gewesen, dass die Rippen deutlich sichtbar gewesen seien. Wenigstens drei Wochen soll das Tier nicht ausreichend ernährt worden sein.
Dieses und die drei weiteren Schweine mussten auf Anweisung der Amtstierärzte am Tag der Kontrolle notgetötet werden. Der Strafbefehl sieht für die mutmaßlichen Missstände eine Geldstrafe in Höhe von 2400 Euro vor. Weil der Landwirt dies nicht akzeptiert, könnte es bald zu einer Verhandlung vor Gericht kommen.
Neben juristischen, muss der Landwirt so oder so wirtschaftliche Konsequenzen hinnehmen: Der Bioland-Verband - Werbeslogan: „Gut. Besser. Bioland“ - hat dem Betrieb im Kreis Verden gekündigt. Das bestätigte ein Sprecher. Zu den Gründen machte er keine Angaben. Offenbar zog der Verband die Notbremse, als sich die Tierrechtsorganisation Peta meldete.
Es ist der zweite große schweinehaltende Betrieb, der Bioland wegbricht. Im Sommer 2021 trennte sich der Verband von einem einstigen Vorzeigebetrieb im Wendland. Gegen den liefen zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Oldenburg wegen einer ganzen Reihe mutmaßlicher Verstöße.
Auch in diesem Fall hat die Anklagebehörde einen Strafbefehl beantragt. Die Ermittler sind überzeugt, dass den Schweinen auf dem Betrieb Hormone gespritzt worden sind. So sollten die Sauen möglichst gleichzeitig ihre Ferkel werfen. Das zuständige Amtsgericht in Dannenberg hat noch nicht entschieden. Der Biohof ist geschlossen.
In beiden Fällen entgingen den privaten Öko-Kontrollstellen offenbar mögliche Probleme. Zumindest stellten sie immer wieder entsprechende Bio-Bescheinigungen aus. Diese Unterlagen braucht jeder Betrieb, der nach den meist besser bezahlten Öko-Standards produzieren will.
Die Überprüfung dieser Standards hat der Staat an die privaten Unternehmen abgegeben. Im Fall der beiden Schweinehalter waren es Dritte, die mögliche Missstände entdeckten und nicht die Privatkontrolleure.
Wie es mit dem Stall im Landkreis Verden weitergeht, ist unklar. Nach Informationen unserer Redaktion haben auch nach dem Strafbefehl gegen den Tierhalter weitere Kontrollen des Landkreises stattgefunden. Was dabei herausgekommen ist, will das Veterinäramt nicht verraten. Datenschutz, heißt es aus dem Kreishaus. Am 14. November hat das Unternehmen ein neues Bio-Zertifikat erhalten. Gültig bis 2024.