Mit den Losen ging es los Wie Deutschlands jüngstes Dorf Leybuchtpolder entstand
Vor 70 Jahren wurde den ersten Siedlern Leybuchtpolders Land zugeteilt. Sie schufteten schwer für den Neuanfang, von dem dann das ganze Umland profitierte.
Leybuchtpolder - Der Zweite Weltkrieg war vorbei und die Not groß. Umso wichtiger war es nach 1945, neue Felder für die hungernde Bevölkerung zu schaffen. Davon profitierte damals auch eine Gruppe von Siedlern, die sich als erste in Leybuchtpolder niederließ. Für sie war es ein Neuanfang, den sie sich allerdings jahrelang hart erarbeitet hatten, denn Ackerland und Bauplätze mussten erst mit Muskelkraft geschaffen werden. Im Juli 1952 – vor 70 Jahren – war es dann so weit: Die Siedler erhielten für ihre Mühe insgesamt rund 100 Bauplätze.
Was und warum
Darum geht es: Vor 70 Jahren wurde den ersten Bewohnern von Leybuchtpolder Land zugelost. Jetzt wird daran mit geführten Radtouren erinnert.
Vor allem interessant für: Geschichtsinteressierte
Deshalb berichten wir: Die Gnadenkirche Tidofeld hat uns auf geführte Radtouren hingewiesen, die jetzt in Erinnerung an die Geschichte des Ortes angeboten werden. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Geht es nach dem Norder Heimathistoriker Helmut Fischer, so ist Leybuchtpolder bis heute das jüngste Dorf Deutschlands. Laut der Norder Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld ist es zumindest noch das geologisch jüngste. Denn wie das Wort Polder schon andeutet, musste zunächst Land eingedeicht werden. „Wer will siedeln?“, lautet der Titel einer damals erschienenen Anzeige, die Fischer unserer Zeitung zuschickt. Versprochen wird darin „fruchtbares Marschland für die Besiedlung“. Berücksichtigt werden sollen bei der Verteilung grundsätzlich nur diejenigen, die sich an den Deichbauarbeiten beteiligen. Auch Heinz Fischer, der Vater des heute 73-Jährigen, zählte zu den ersten Siedlern. „Er war damals der Dorfschulmeister.“
Auffanglager war voll
Bei rund der Hälfte der Bewohner der ersten Stunde handelte es sich um Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die auf diese Weise eine Hofstelle für einen Neuanfang erhielten. Das teilt Lennart Bohne, der pädagogische Leiter der Dokumentationsstätte mit, die sich mit der Geschichte der Geflüchteten in Niedersachsen und speziell in Nordwestdeutschland befasst.
Laut Fischer war das Auffanglager Tidofeld nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich voll. Viele Vertriebene mussten auf Bauernhöfen einquartiert werden, oft in Ställen und Scheunen. Für viele sei die neue Heimat ein Kulturschock gewesen. Umso attraktiver war es für sie dann, ab 1947 an dem gigantischen Bauprojekt zur Eindeichung der Leybucht mitzuwirken. Ansiedeln durfte sich zu einem großen Teil nur, wer Erfahrungen aus der Landwirtschaft mitbrachte.
Nach der Arbeit kam das lange Warten
Drei Jahre später, im Mai 1950, war der Deich fertig – und die Helfer plötzlich arbeitslos. Immerhin musste der von der Nordsee mit Salz versetzte Boden erst vom Regen ausgespült werden, was bis 1952 dauerte. „Viele Männer suchten sich bis dahin Arbeitsplätze im Ruhrgebiet, während ihre Familien hier blieben“, so der ehemalige Gymnasiallehrer. 1954 war es dann so weit: Die Gemeinde Leybuchtpolder wurde in der Dorfschmiede Künze gegründet. „Mit einem Hammerschlag“, weiß Fischer. Zum ersten Bürgermeister wurde Hinrich Hippen gewählt. Die Besiedlung des Ortes dauerte bis 1955.
Heute ist Leybuchtpolder ein Stadtteil von Norden und CDU-Ratsherr Alwin Mellies ist der Ortsvorsteher. Er versichert, dass es bis heute eine „sehr gute Dorfgemeinschaft“ gebe mit sehr engagierten Gruppen wie dem Dorf-, dem Sport- und weiteren Vereinen. Wie viele der ersten Siedler ist auch Mellies selbst Landwirt. Damals seien die Betriebe noch kleiner und zahlreicher als heute gewesen. Heute gebe es noch etwa zehn bis zwölf Höfe. Mellies erinnert jedoch daran, dass auch damals schon nicht nur Bauern zu den ersten Bewohnern zählten, sondern auch Arbeiterhäuser entstanden.
Um an die Geschichte der Besiedlung zu erinnern, veranstalten die Dorfgemeinschaft Leybuchtpolder und die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld in diesen Tagen Radtouren. Geführt werden sie von Helmut Fischer, der auch schon Leiter des Medienzentrums Norden war. Zwar ist für diesen Monat alles ausgebucht, sagt er. Wer möchte, kann sich allerdings schon einmal für September auf die Warteliste setzen lassen, denn wegen der hohen Nachfrage soll es dann voraussichtlich noch eine weitere Tour geben. Dabei werden unter anderem ausgewählte Biografien von Vertriebenen vorgestellt, die in Leybuchtpolder eine neue Heimat fanden. Melden kann man sich per E-Mail an info@gnadenkirche-tidofeld.org oder telefonisch unter 04931/9755335.