Hamburg  Energiewende unter der Erde: Hamburg will mit 45 Millionen Jahre altem Wasser heizen

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 21.07.2022 18:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Bohrturm für die Geothermieerkundung in Hamburg-Wilhelmsburg Foto: Hamburg Energie
Der Bohrturm für die Geothermieerkundung in Hamburg-Wilhelmsburg Foto: Hamburg Energie
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Deutschland sucht verzweifelt nach Alternativen zu Erdgas und Kohle. Hamburg hat für sich einen Teil der Lösung im Untergrund gefunden. Dort, wo mal ein Meeresufer lag.

Mit Energie aus der Erdfrühzeit Putin ein Schnippchen schlagen? Genau das hat Hamburg vor. Die Hansestadt will 45 Millionen Jahre altes Wasser aus dem Untergrund nutzen, um mehrere Tausend Wohnungen im Stadtteil Wilhelmsburg zu beheizen. Das bemerkenswerte Geothermievorhaben ist ein Baustein von vielen für Hamburgs ehrgeizige Wärmewende. Das Ziel: Heizwärme soll künftig nicht mehr aus Kohle und Erdgas kommen, sondern überwiegend aus erneuerbaren Energiequellen.

Zum kleinteiligen Ersatzkonzept gehört die Nutzung der Wilhelmsburger Erdwärme in einem für Hamburg neuen Maßstab. Auf Europas größter Flussinsel soll aus einer Tiefe von 1300 Metern Thermalwasser an die Oberfläche gefördert werden. Bei diesem Pilotprojekt sind die Hamburger Energiewerke nun ein erhebliches Stück vorangekommen.

Ein Bohrteam stieß in besagter Tiefe auf eine 130 Meter mächtige Gesteinsschicht mit günstigen Eigenschaften für die Wärmegewinnung. Um mehr über Förderrate und Temperatur des Wassers zu erfahren, hat der städtische Versorger grünes Licht für eine zweite Tiefenbohrung gegeben.

Umweltstaatsrat Michael Pollmann sprach bei einem Vor-Ort-Termin am Donnerstag von einem „ausgesprochen vielversprechenden Thermalwasservorkommen“. Es gebe berechtigte Hoffnung, „dass wir hier und vielleicht auch an anderen Stellen die Geothermie für die Wärmewende einsetzen können“. Außer Wind und Sonne sei Erdwärme die dritte Säule der erneuerbaren Energien.

Laut Kirsten Fust, Geschäftsführerin der Hamburger Energiewerke, rücke das Ziel näher, „grundlastfähige und lokale Ökowärme für Hamburger Haushalte zu gewinnen“. Ob sich das Reservoir tatsächlich zum Heizen ganzer Quartiere in Wilhelmsburg eignet, soll endgültig im Herbst feststehen.

Die Göttinger Geothermie-Professorin Inga Moeck begleitet das Vorhaben wissenschaftlich. Sie zeigte sich mehr als zufrieden: „Auch im 21. Jahrhundert sind noch echte Entdeckungen möglich. So haben wir durch die Bohrung eine neu entdeckte Sandsteinschicht erforscht, die vor 45 Millionen Jahren gebildet wurde und heute sehr gute Eigenschaften für eine geothermische Nutzung zeigt.“

Das entdeckte vorzeitliche Thermalwasser ist 45 bis 50 Grad Celsius heiß. Die poröse Gesteinschicht in rund 1300 Metern Tiefe war ursprünglich der Strandbereich der „jungen“ Nordsee.

Im Falle der Umsetzung wird das warme Wasser über eine Röhre an die Oberfläche gepumpt, wo ihm mittels Wärmepumpe die Wärmeenergie entzogen wird. Diese wird genutzt, um Wasser für das Nahwärmesystem des Stadtteils auf die nötge Temperatur hochzuheizen. Wie viele Wohneinheiten dank Geothermie kuschelig warm werden, mochten die Verantwortlichen noch nicht abschätzen. Das abgekühlte Urzeitwasser gerät über eine zweite Röhre zurück in die Erde – um sich dort erneut aufzuheizen.

Zerschlagen hat sich die ursprüngliche Hoffnung, sogar 100 Grad heißes Thermalwasser aus noch größerer Tiefe gewinnen zu können. Laut Hamburger Energiewerken erwies sich die eine Gesteinsschicht in 3000 Metern jedoch als nicht porös genug. Eine bestimmte Durchlässigkeit ist nötig, damit das Wasser fließen kann.

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