Drama „Heimat“ in Ayenwolde  Gut 700 Kilometer für ein Theaterrequisit

Gerd-D. Gauger
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Von Gerd-D. Gauger
| 04.07.2022 10:10 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Herbert Fuhs vor Janssens Scheune im Original Willys Jeep MB, der im 350 Kilometer entfernten Heinsberg für das Stück „Heimat“ entdeckt wurde. Die von Frank Mansholt gesteuerte 98er Hercules von 1951 ist eine Leihgabe eines Einwohners. Foto: Gerd-D. Gauger
Herbert Fuhs vor Janssens Scheune im Original Willys Jeep MB, der im 350 Kilometer entfernten Heinsberg für das Stück „Heimat“ entdeckt wurde. Die von Frank Mansholt gesteuerte 98er Hercules von 1951 ist eine Leihgabe eines Einwohners. Foto: Gerd-D. Gauger
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Die Vorbereitungen für das Nachkriegsdrama „Heimat“ laufen auf Hochtouren. Kein Weg scheint den Ayenwoldmern zu weit. Bei der Logistik gibt es große Herausforderungen.

Ayenwolde - Es war eine endlos scheinende Suche, doch Aufgeben stand nicht im Wörterbuch. Schließlich wurden sie fündig – in Heinsberg, irgendwo zwischen Mönchengladbach und Aachen. Runde 350 Kilometer von Ayenwolde entfernt. Die Erleichterung bei der Mannschaft, die sich seit Monaten mit den Vorbereitungen des großen ostfriesischen Freilichttheaters dieses Sommers beschäftigt, war daher groß. Das Stück „Heimat“ spiegelt die Bürden und Freuden in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in Ostfriesland wider, als es Einheimische mit Flüchtlingen aus dem deutschen Osten, aber auch mit Montgomerys Besatzungssoldaten zu tun hatten.

Die Garderobe ist vollgestopft mit Zivilbekleidung und Uniformen aus den 40er Jahren. Hier walten (von rechts) Renate Kruse und Erika Boyken-Weege, im Bild mit Bürgervereinsvorsitzender Marina Bohlen. Foto: Gerd-D. Gauger
Die Garderobe ist vollgestopft mit Zivilbekleidung und Uniformen aus den 40er Jahren. Hier walten (von rechts) Renate Kruse und Erika Boyken-Weege, im Bild mit Bürgervereinsvorsitzender Marina Bohlen. Foto: Gerd-D. Gauger

Alles soll so authentisch wie nur möglich sein, und wenn schon Alliierte eine Rolle spielen, dann sollen sie auch mit einem Jeep auf die großzügig angelegte Bühne beim Hof Janssen in Ayenwolde fahren. Das in Heinsberg entdeckte Fahrzeug, von den Ayenwoldmern fachgerecht auf Vordermann gebracht, ist ein Original-Willy MB, ein nicht nur von der US Army, sondern auch von deren Verbündeten genutzter Jeep, von dem allein Ford-Amerika 300.000 Exemplare lieferte.

Ausgeklügelte Logistik notwendig

Es bedarf einer ausgeklügelten Logistik, um ein solches Epos wie „Heimat“ aufführen zu können. Dabei ist noch nicht einmal vom rund 90-köpfigen Ensemble, rekrutiert unter den populärsten Schauspielern der ostfriesischen Bühnen, die Rede. Unter der Regie von Elke Münch, die schon etliche Publikumsmagneten, unter anderem in Wiesmoor, inszenierte, wird aus der Vorlage von Erhard Brüchert ein monumentales Drama, das auch eine Aktualität durch die derzeitigen Ereignisse in der Ukraine bekommt. Der Mix aus erfahrenen Bühnenhasen, neuen Gesichtern und einer großen Kinderschar ist eine Herausforderung, die mit Verve angenommen wird. Herausforderung – das gilt auch für die im Hintergrund wirkende Schar, die, weil unsichtbar, nicht den Applaus des Publikums bekommen wird.

Außer populären Schauspielern mehrerer ostfriesischer Bühnen gehört eine große Kinderschar zum Ensemble. Deren Mitmach-Begeisterung ist trotz langer Proben schon seit Wochen ungebrochen. Foto: Gerd-D. Gauger
Außer populären Schauspielern mehrerer ostfriesischer Bühnen gehört eine große Kinderschar zum Ensemble. Deren Mitmach-Begeisterung ist trotz langer Proben schon seit Wochen ungebrochen. Foto: Gerd-D. Gauger

Das beginnt mit dem Tischlern und Bemalen der Kulissen in einer leerstehenden Scheune. Kulissen, zu denen ein überraschender, bisher nie gesehener technischer Effekt bei einem Szenenwechsel gehört. Die erhöhte Bühne vor dem Küsterhaus ist von einem Bauerngarten umgeben. Mit Tuffels un Bohnen. Echt natürlich. Da sind die Elektriker, die Beleuchter, die Toningenieure, die Maskenbildner und Friseure, die Requisiteure. Und die Furiere, die für die Versorgung der Beteiligten zuständig sind. Eine Kammer, bis oben hin vollgestopft mit Original-Uniformen und Zivilbekleidung aus den 40er Jahren, mühsam zusammengehortet bei Museen und privaten Sammlungen. Umkleide- und Geräteräume sind vorzuhalten, Tribünen zu errichten, Parkplätze bereitzustellen. Mitunter geht es, was nicht gern zugegeben wird, an die Substanz. Doch die Begeisterung, nach dem Historiendrama „Smacht“ (2009) mit „Heimat“ erneut einen Markstein in der ostfriesischen Theaterszenerie zu setzen, überwiegt.

60er-Jahre-Markt im Garten eines Gulfhofes

Eine besondere Zutat zu diesem plattdeutschen Theaterereignis des Jahres ist der 60-Jahre-Markt im Garten des aufwendig restaurierten, im Originalzustand erhaltenen Janssen-Gulfhofes aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Angebot der Stände ist dem jeweiligen Jahrzehnt, beginnend mit der Nachkriegszeit, angepasst und gibt dem Geschehen auf der nur einige Schritte entfernten Bühne noch einen zusätzlichen historischen Rahmen. Marina Bohlen, Vorsitzende des Bürgervereins und Spiritus Rector des anstehenden Großereignisses, ist immer mittendrin. Sie ist fest davon überzeugt, dass das Publikum die Arbeit auf und neben der Bühne goutieren wird.

Viele der 13 Aufführungen zwischen dem 22. Juli und 12. August (jeweils ab 20 Uhr, am 7. August zusätzlich ab 15 Uhr) sind bereits ausverkauft. Karten im Vorverkauf gibt es aber noch beim Moormerland-Tourismus unter der Telefonnummer (04954) 8012500, bei Marina Bohlen Telefon (04945) 1666 und bei Sonja Appeldorn Telefon (04945) 990108.

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