Hamburg
Preise zu niedrig? Tönnies-Konzern schickt „Not-Brief“ an Kunden
Die Folgen des Ukraine-Krieges treffen die Lebensmittelbranche in Deutschland deutlich härter als die Corona-Pandemie. Nahrungsproduzenten bitten bei ihren Abnehmern um höhere Preise und bringen leere Regale ins Spiel. Für Kunden im Supermarkt zeichnet sich ab, dass die Einkäufe deutlich teurer werden.
Das Schreiben aus dem Hause Tönnies macht gleich im Betreff deutlich, dass außergewöhnliche Zeilen folgen werden: „Not-Brief zur aktuellen Situation“, steht dort; verschickt am Donnerstag an Kunden des Fleischgiganten, also Großabnehmer wie Handelskonzerne. Es gehe darum, „die Zukunft des Unternehmens zu schützen“, schreiben die Geschäftsführer der „Tönnies Foodservice“.
Tönnies ist nicht irgendein Lebensmittelproduzent, sondern der größte Fleischkonzern Deutschlands. Niemand anderes schlachtet so viele Schweine und Rinder, verkauft so viel Fleisch wie das Unternehmen aus Rheda-Wiedenbrück. Die Folgen des Ukraine-Krieges bringen offenbar selbst so einen Riesen ins Wanken.
Jedenfalls betonen die Verantwortlichen in ihrem Brief mehrfach die dramatische Situation. Die steigenden Kosten in der Produktion hätten „die Grenze des wirtschaftlich Vertretbare jetzt endgültig übertroffen“. Unter Berufung auf einen Krisengipfel im niedersächsischen Agrarministerium heißt es in dem Schreiben weiter:
Lieferausfälle im Geflügelbereich seien nicht mehr zu verhindern, auch im Rindfleischsegment sei die Versorgung nicht sicherzustellen – „es gibt einfach kein Schlachtvieh“. Und im für Tönnies wichtigsten Segment der Schweine sieht es wohl kaum besser aus. Der Konzern erwartet eine „Rekordverteuerung für die Schweineerzeugung“.
Tönnies ist nicht allein. Unserer Redaktion liegen Schreiben der Konkurrenten Westfleisch und Vion vor. Der Inhalt ist vergleichbar, wenn auch im Tonfall weniger dramatisch vorgetragen. Vion beispielsweise schreibt von „historischen Verwerfungen“ am Markt. Wurstproduzent „The Family Butchers“ hat eine eigene Internetseite erstellt, auf der erklärt wird, warum die Wurst teurer werden muss.
Die Illustration dazu macht deutlich, was alle Unternehmen der Branche derzeit trifft: Alles, was in die Fabriken hineingeht, ist teurer geworden – sofern es überhaupt noch zu bekommen ist: Strom, Gas, Verpackungsmaterial und eben auch das Fleisch. Die Schweinepreise legten zuletzt rekordverdächtige Sprünge hin, Rindfleisch bewegt sich auf Rekordniveau. „Dagegen war Corona nichts“, heißt es von einem Unternehmen.
Auf der anderen Seite sitzen die Produzenten auf alten Verträgen mit ihren Handelspartnern aus Vorkriegszeiten. Die Kostensteigerungen sind hier noch nicht eingepreist. Das könne „kein Unternehmen schlucken“, zitiert die „Lebensmittelzeitung“ Holger Rothfuchs, Chef des Snack-Herstellers Lorenz.
Die Produzenten wie Tönnies und Co appellieren daher an ihre Abnehmer, Verträge neu zu verhandeln. Offenbar geht in vielen Chefetagen derzeit die Sorge vor dem Ruin um. Von einem Unternehmen heißt es: „Es wäre billiger für uns, die laufenden Verträge platzen zu lassen und Vertragsstrafen zu zahlen.“
Setzen sich die Produzenten mit ihren Forderungen durch, erwarten die Kunden im Supermarkt möglicherweise bislang nicht dagewesene Preissteigerungen. Klassischerweise sorgt die harte Konkurrenz zwischen den wenigen großen Handelskonzernen für niedrige Preise. „Wenn die Verbraucherpreise nicht anziehen, dann stehen die Kunden bald vor leeren Regalen“, heißt es von Produzentenseite – eine Mischung aus Drohung und realistischer Lageeinschätzung.
Auch die Bauern, die am Anfang der Erzeugerkette stehen, erwarten höhere Preise. Verbandspräsident Joachim Rukwied sagte der „Augsburger Allgemeinen“: „Wir gehen davon aus, dass der Krieg die Preise noch weiter steigen lässt. Zwar sei die Lebensmittelversorgung in Deutschland derzeit gesichert. Die Gefahr rückläufiger Erntemengen mangels Dünger sei aber groß.