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Forscher in Kiel: Diese Sanktionen gegen Russland sind am wirksamsten

Berit Rasche
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Von Berit Rasche
| 23.02.2022 18:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Das Genehmigungsverfahren für Nord Stream 2 ist seit Dienstag ausgesetzt. Foto: dpa/ dpa-Zentralbild/ Jens Büttner
Das Genehmigungsverfahren für Nord Stream 2 ist seit Dienstag ausgesetzt. Foto: dpa/ dpa-Zentralbild/ Jens Büttner
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Berechnungen eines Kieler Forschungszentrums zeigen, dass Deutschland und die EU bei einem westlichen Kollektivembargo verschiedener Handelsgüter gegenüber Russland gar nicht oder nur geringfügig betroffen wären.

Forschende des „Kiel Institut für Weltwirtschaft“ (IfW) haben berechnet, welche Auswirkungen ein Embargo innerhalb verschiedener Produktionssparten auf die jeweilige Wirtschaft in Russland, Deutschland und der EU hätten. Dabei hat sich gezeigt, dass ein Handelsembargo für Gas mit Abstand den meisten Verlust auf russischer Seite verursachen würde.

Nachdem Russlands Präsident Wladimir Putin am Montag die Unabhängigkeit der Separatistenregionen Donezk und Luhansk in der Ostukraine anerkannt und eine Entsendung russischer Soldaten angeordnet hatte, treten am Mittwoch EU-Sanktionen gegen 351 Abgeordnete des russischen Parlaments sowie 27 weitere Personen und Organisationen in Kraft. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte am Dienstag das Genehmigungsverfahren für die umstrittene Gas-Pipeline Nord Stream 2 unterbrochen.

Die Berechnungen des „IfW“ ergeben, dass ein kompletter Stopp aller Gasimporte und -exporte von 38 westlichen alliierten Ländern, darunter auch Australien, Großbritannien und die Ukraine, mit einem jährlichen Minus von 2,9 Prozent mittelfristig die schärfsten Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Russlands hätten. Das Institut hat seine Ergebnisse auch auf Twitter veröffentlicht.

Entgegen der Befürchtungen von Einbrüchen in der heimischen Wirtschaft, könnte Deutschland bei einem solchen Embargo sogar ein kleines Plus von 0,1 Prozent verbuchen und auch das BIP der EU würde geringfügig ansteigen. Dies träfe auch zu, wenn die Handelsblockade für Gas von russischer Seite ausgesprochen würde.

Einen weitaus geringeren Einfluss auf das BIP Russlands hätte wohl ein Ölboykott. Dennoch büßte auch hierbei die russische Wirtschaftsleistung mit einem Minus von 1,2 Prozent mehr ein, als die der EU und Deutschlands mit jeweils 0,1 Prozent. Auch ein Handelsstopp in anderen Gütergruppen, wie Kraftwagen oder Raffinerieprodukte, hätte laut „IfW“-Berechnungen mittelfristig keine oder nur minimale Auswirkungen sowohl auf das deutsche als auch auf das europäische Bruttoinlandsprodukt.

Das liege den Forschern zufolge daran, dass die westlichen Verbündeten die fehlenden Importe mit eigenen Erzeugnissen ersetzten. Deutschland nehme hierbei eine besonders konkurrenzstarke Rolle ein und hätte beispielsweise in Hinblick auf Gas einen Kostenvorteil, da es dieses nur zu einem relativ geringen Anteil in seinen Fertigungsprozessen, wie beispielsweise bei der energieintensiven Metallproduktion, einsetze.

Generell könnten auch bei den westlichen Verbündeten zwar kurzfristig massive Störungen mit Auswirkungen auf das BIP auftreten, schreibt das „IfW“ auf Twitter - auf Dauer würden diese durch die Substitutionen allerdings kompensiert.

„Unsere Berechnungen sind von exemplarischer Natur, aber sie zeigen eindeutig, dass die mittelfristigen ökonomischen Konsequenzen von Handelsembargos Russland viel härter treffen würden als die westlichen Verbündeten“, berichttet Handelsforscher Hendrik Mahlkow in einer Pressemitteilung des „IfW“. Das mache russische Drohungen, Gas- oder Öl-Lieferungen auszusetzen, eher unglaubwürdig.

(Mit dpa)

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