Tennis Nerven-Krimi und Selfies: Niemeier im Wimbledon-Fokus

Von Florian Lütticke, dpa
 | 30.06.2022 16:00 Uhr  | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Zeigt in Wimbledon Stärke: Jule Niemeier jubelt nach einem Matchgewinn. Foto: Frank Molter/dpa
Zeigt in Wimbledon Stärke: Jule Niemeier jubelt nach einem Matchgewinn. Foto: Frank Molter/dpa
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Vor dem bislang größten Spiel ihrer Karriere zeigt sich Jule Niemeier tiefenentspannt. Prominente Weggefährtinnen trauen der 22-Jährigen noch einiges zu.

Jule Niemeier geriet nur beim vermeintlichen Matchball leicht aus der Fassung. Im Doppel-Krimi am Tag vor dem bislang größten Einzel ihrer Karriere in Wimbledon lief Deutschlands Tennis-Hoffnung bereits jubelnd ans Netz - und wurde von ihrer Spielpartnerin Andrea Petkovic korrigiert.

„Ich habe überlegt, ob ich nachfragen soll, ob es bis sieben oder zehn geht“, berichtete Niemeier lachend über den Tiebreak, der im entscheidenden Satz auch im Doppel bis mindestens zehn Punkte gespielt wird. „Dann habe ich gedacht, wir sind fertig.“

Wenig später durfte sich die 22-Jährige dann aber wirklich über den 7:6 (7:3), 5:7, 7:6 (14:12)-Erfolg gegen Miyu Kato aus Japan und Aldila Sutjiadi aus Indonesien freuen. Trotz der mehr als zweieinhalbstündigen Strapaze wirkte sie bereit für ihren nächsten großen Auftritt. „Momentan fühle ich mich frisch“, sagte die 22-Jährige. Am Freitag trifft Niemeier in der dritten Einzel-Runde auf die Ukrainerin Lessia Zurenko. Nicht nur dort kann sie nach Ansicht von Angelique Kerber und Damen-Bundestrainerin Barbara Rittner noch einiges erreichen.

Kerber lobt Niemeier

„Sie weiß schon genau, was sie kann, was sie will“, sagte die 34 Jahre alte Kerber über ihre zwölf Jahre jüngere Teamkollegin. „Man muss Erfahrungen sammeln, man muss die Turniere spielen, man muss mal Matches verlieren, die weh tun. Dann kommen solche Matches wie für die Jule, wo sie viel Selbstvertrauen tankt und das dann hoffentlich auch bestätigen kann.“

Nach ihrem sensationell souveränen 6:4, 6:0 gegen die Weltranglisten-Dritte Anett Kontaveit aus Estland ist Niemeier in den Fokus gerückt. Immer wieder schoben sich zahlreiche Tennis-Fans durch den engen Gang am Wimbledon-Außenplatz fünf vorbei und schauten beim Doppel zu. Die neue Aufmerksamkeit bringt den Fan von Borussia Dortmund und Rafael Nadal aber nicht aus der Fassung: „Natürlich prasselt viel auf einen ein. Da sorgt mein Team schon für, dass ich das einordnen kann. Ich genieße das momentan einfach nur.“

Tags zuvor hatte Niemeier noch im zweitgrößten Stadion der Anlage ihren Coup gefeiert. „Jule hat auf großer Bühne zum richtigen Zeitpunkt ihr bestes Tennis abgerufen“, sagte Rittner der Deutschen Presse-Agentur. „Das wird ihr viel Selbstvertrauen geben für das weitere Turnier, aber auch generell für ihre Karriere.“

Wie weit kann es für Niemeier gehen?

Schon lange gilt Niemeier als eines der größten Talente in der zweiten Generation nach Kerber, Petkovic und Julia Görges. Ihr Abitur, mehrere Verletzungen und der Stopp der Sportwelt zu Beginn der Corona-Pandemie verlangsamten zeitweise den Aufstieg. „Sie war kurz vor Corona davor durchzustarten“, sagte Rittner. „Die Matches haben ihr gefehlt. Ich habe immer gesagt, wenn sie ruhig bleibt und weiter arbeitet und nicht den Kopf verliert und unruhig wird, wird sie ihren Weg gehen.“

Dieser könnte am Freitag direkt beim ersten Auftritt im All England Lawn Tennis Club bis mindestens ins Achtelfinale führen. „Das Match nach so einem Match ist nicht einfach. Aber Jule weiß genau, was sie kann“, sagte ihr Trainer Christopher Kas und rechnet auch nach Wimbledon mit einer deutlichen Entwicklung seines Schützlings: „Jule wird in zwölf, 18 Monaten ihr bestes Tennis spielen.“